Die Kleinste mit der größten Klappe

  • Die Kleinste mit der größten Klappe

    Die Kleinste mit der größten Klappe

von erschienen in: Ruhr Nachrichten; Autorin: Petra Nachtigäller, 23. Mai 2004
24.05.2004 - 10:28 Uhr

Jeden Morgen um 6.45 Uhr der kollektive Gang auf die Waage. Ein banger Blick: Habe ich abgenommen? Nein? Gott sei Dank. Acht große Frauen und ein ungewöhnliches Problem. „Bei unserem Trainer Ralf Holtmeyer schrillen die Alarmglocken, wenn wir ein Kilogramm zu wenig haben“, sagte Elke Hippler, Ruder-Weltmeisterin aus dem Deutschland-Achter der Frauen. Zu wenig Gewicht, zu wenig Kraft heißt die einfache Sportler-Formel. Nur eine unterliegt dem täglichen Zwang des Kalorien-Zählens: die Steuerfrau.

 

Annina Ruppel heißt die, wiegt leichte 48 Kilogramm, und das bei „beinahe Einssechzig“, wie der kleine Blondschopf augenzwinkernd anmerkt. „Für jedes Gramm zu viel würden sich meine Mitruderinnen bedanken“, weiß das Leichtgewicht, das maximal 50 kg wiegen darf. Und da sie beständig unter der magischen Zentner-Grenze bleibt, finden ihre Kolleginnen nur lobende Worte.

 

„Sie ist sehr offen, lernwillig und vor allem mit Herzblut dabei“, lobt „Boots-Methusalem“ Anja Pyritz (33), und Elke Hippler, die mit den lustigen roten Rasta-Zöpfen, ergänzt: „Annina ist unparteiisch, kommt mit uns allen klar. Das ist bei so vielen verschiedenen Charakteren nicht immer einfach. Wir haben volles Vertrauen zu ihr“. Auch Aktivensprecherin Lenka Wech, Ärztin in der Kiefer- und Gesichtschirurgie der Uniklinik Freiburg, gibt zu, dass Ruppels Aufgabe keine leichte sei, denn: „Bei Frauen ist das Beziehungsgeflecht komplizierter, da muss frau schon sehr auf die Sprachwahl achten“.

 

So viel „Dickes“ für das Leichtgewicht - Annina Ruppel ist sichtlich amüsiert. Offenbar findet die Wanne-Eickelerin, die wahrlich nicht auf den Mund gefallen ist, die richtigen Worte. Die neunte Frau ist in mehrfacher Hinsicht Strippenzieherin in einem komplexen sportlichen Gebilde: dem Großboot, der Königsklasse des Rudersports. Sie sitzt an den Steuerseilen, gibt in Training und Wettkampf manuell wie verbal die Richtung vor, sie bemüht sich um Harmonie auf und abseits des Wassers. Sie ist klein, aber oho!

 

Während die groß gewachsenen Athletinnen um sie herum also bei den Mahlzeiten tüchtig zulangen dürfen, zählt der Energie geladene Blondschopf fleißig Kalorien. Außerdem hat sie ein paar Tricks auf Lager, das Kampfgewicht nach der bei Wettkämpfen vorgeschriebenen Waage noch zu drücken, aber pssst, nicht weitersagen: „Ich trinke dann halt zwei Liter Wasser und versuche anschließend, sie schnell wieder loszuwerden“.

 

Mit dem Schrillen der Startsirene beginnt ihr lautstarkes Werk. Annina Ruppel brüllt Schlagfrau Lenka Wech den Rhythmus ins Gesicht, und während sich auf den acht Sitzen vor ihr die Kolleginnen über die 2000 m-Distanz Schweiß treibend in die Riemen legen, strapaziert sie ihre Stimmbänder, muntert auf, spornt an, mobilisiert letzte Reserven. Anja Pyritz adelt so viel Einsatz: „Wenn man bei Annina nach dem Rennen Laktat messen würde, wäre der Wert wohl so hoch wie bei uns“. Als der deutsche Frauen-Achter im September 2003 am Mailänder Idroscalo-See am Siegersteg anlegte, wich die Erschöpfung schnell einem feucht-fröhlichen Ruder-Ritual: Die Steuerfrau segelte „Eine-Kabine-Kabaus“ in hohem Bogen ins Wasser.

 

In Schinias, der olympischen Regattastrecke vor den Toren Athens, darf sich dieser gute Brauch im August nach Ansicht aller DRV-Athletinnen gerne wiederholen. Dann wären Ruppels Arbeitskollegen bei der Herner Sparkasse noch stolzer als nach dem WM-Titel 2003, dessen Nachwehen die „kleine Frau ganz groß“ trocken so kommentierte: „Ich war der Höhepunkt im Geschäftsbericht“. Regattabahn frei zu neuen Taten.