Manchmal muss es beim Rudern auch ohne Hand oder Fuß gehen

von Helmut Greß, Sibylle Hornberger, Christian Lerch und Ulrich Morrissey
05.12.2006 - 00:04 Uhr

Am 25. und 26.11.06 fand bei den beiden Würzburger Vereinen ARCW und WRVB ein Lehrgang im Handicaprudern statt, der mit 21 Teilnehmern voll ausgebucht war. Bereits einen Monat vorher hatten 8 Sledge-Hockeyspieler einige Stunden ihrer Trainingszusammenführung genutzt, um in Sehnde einen ersten Eindruck von der Sportart Rudern zu gewinnen. Bedingt durch die Klassifikation im Sledge-Hockey handelt es sich bei diesen Sportlern ausschließlich um Körperbehinderte, die beim Rudern überwiegend als TA (Oberkörper und Arme) einzuordnen sind. Ihr Eindruck von der Sportart war durchweg positiv, jetzt muss der Weg in die Vereine gefunden werden.


In Würzburg kamen 13 Körperbehinderte und, für einen Ruder-Lehrgang dieses Zuschnitts ein Novum, erstmals auch 8 Sehbehinderte des LTA-Bereichs (Beine, Oberkörper und Arme) zusammen. Dabei reichte das Einzugsgebiet der Teilnehmer von Kopenhagen bis München und von Berlin bis Trier. Die Bandbreite im Kenntnisstand der Teilnehmer reichte dabei von Ruderneulingen über Breitensportler bis zu Teilnehmern der Ruder-WM der vergangenen Jahre. Doch auch bei den „Ruderneulingen“ handelte es sich keineswegs um Wettkampfunerfahrene. So waren aktiven WM-Teilnehmern des Goalballs, Drachenboot fahrens und der Leichtathletik, um nur einige der Disziplinen zu nennen, vertreten.

Die Begrüßung erfolgte in den Räumlichkeiten des ARCW. Der ARCW hatte nicht nur die Räumlichkeiten für das ganze Wochenende zur Verfügung gestellt, sondern ARCW und WRVB stellten ebenso alle erforderlichen Trainingsmittel kostenlos zur Verfügung. Beide Vereine wissen aber auch, weshalb sie das Handicaprudern so großzügig unterstützen, war doch bisher im LTA 4+ jedes Jahr mindestens ein Würzburger Ruderer vertreten und daneben existiert eine große Breitensportmannschaft, die seit fast 30 Jahren von Helmut Greß (WRVB) betreut wird.

Für die rudererfahrenen Aspiranten des Nationalteams begann der Lehrgang am Samstag mit einer obligatorischen Leistungsüberprüfung, aber auch die anderen Teilnehmer ließen es sich nicht nehmen, am Sonntagmorgen in frischer Luft die 1000 m auf dem Ergo herunterzureißen. Beeindruckend der Biss und die leistungssportliche Einstellung der Teilnehmer, ebenso beeindruckend die Begeisterung und Konzentration, mit welcher sie sich dieser neuen Sportart widmeten. Und manche „alten Recken“ blickten höchst anerkennend auf die Displays der Ergos.

Für einen Lehrgang dieser Bandbreite bieten ARCW und WRVB sehr gute Bedingungen. So konnten die Teilnehmer im Ruderbecken und auf den Ergos Erfahrungen mit der Ruderbewegung sammeln, weiter Fortgeschrittenen konnten mit Gig-Booten in der geschützten Bucht aufs Wasser. Am Nachmittag stiegen auch die Anfänger in die Boote und die Rennruderer legten im Achter ab. Dabei wurden im Achter gleich zwei ehemalige Rennruderinnen, die in der Vergangenheit immer im Bereich der Nichtbehinderten gerudert hatten, als Neueinsteigerinnen integriert. Überhaupt stieg mit diesem Lehrgang der Frauenanteil im Handicap-Wettkampfrudern stark an: von 2 in den vergangenen Jahren auf 4 und es kommen noch mal 2 Leistungssportlerinnen mit ruderischen Ambitionen hinzu.

Neben der Vermittlung im praktischen Bereich kamen auch die Diskussionen nicht zu kurz, oder genauer gesagt, war die Zeit wie bei vielen Lehrgängen viel zu kurz. So musste am Samstagabend die Diskussionen um 21.30 Uhr abgebrochen werden, um sie im „Brückenbäck“ in gemütlicher Runde wieder aufgreifen zu können. Dabei drehten sich die Diskussionen nicht allein um das Rudern, sondern um den Handicapsport insgesamt. Gerade der breite Erfahrungsschatz, den die Teilnehmer aus ihren jeweiligen Sportarten mit einbrachten, zeigte sich in den Diskussionen als ausgesprochen fruchtbar. Vielleicht war es auch diese Vielschichtigkeit in dem Erfahrungsschatz, den Sportarten und den Behinderungen die dem Lehrgang eine ausgesprochen gute Atmosphäre gegeben haben. Diesem Erfahrungsaustausch muss in einem Folgelehrgang auf jeden Fall mehr Platz eingeräumt werden ebenso wie dem Rudern, dem trotz besten Spätherbstwetters viel zu wenig Zeit zur Verfügung stand. Trotz sportlichem Ehrgeiz stand die gegenseitige Hilfe und Verständnis für das jeweilige Handicap im und außerhalb des Bootes im Vordergrund. Besonders interessant war, wie Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen miteinander im Boot rudern können.

Und nicht nur die teilnehmenden Sportler haben etwas gelernt sondern auch für die Trainer waren die Erfahrungen der anderen Behindertensportler sehr bereichernd und das Rudern-Vermitteln an Sportler mit so unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Fähigkeiten war äußerst interessant und anregend. Wie ein sehgeschädigter Ruderanfänger treffend bemerkte: Trainer reden schon viel und mit sehgeschädigten Anfängern noch mehr als sonst. Wohl wahr!  

Nach wie vor ist der Wettkampfsport das Vehikel für Öffentlichkeit und Geld. Wir hoffen aber auch, dass durch das mittels Schnuppern und Sichtung geweckte Interesse mehr Anfragen an die Rudervereine kommen werden und so die Vereine die Chance erhalten, sich mit den breiten- und leistungssportlichen Interessen der neuen Klientel auseinander zu setzen und das Vereinsleben durch den Handicapsport bereichert wird.

Die Trainer bedanken sich bei den Teilnehmern für ihre engagierte Mitarbeit und bei den Würzburger Vereinen ARVW und WRBV mit ihren Helfern für die großartige Unterstützung.