49. Internationale Ratzeburger Ruderregatta auf dem Küchensee
50 Achter im neuen Konzept stellen DRV-Wettkampfsystem für Clubmannschaften in Frage
Von Freitag bis Sonntag zeigten die besten U23-Ruderinnen und Ruderer Deutschlands Spitzensport bei sommerlich warmen Bedingungen. Während die Olympiamannschaft parallel auf dem Worldcup Luzern gegen die Weltelite antrat, hat die Ratzeburger Regatta ihren Stellenwert als wichtigste U23-Regatta vor den diesjährigen Deutschen Meisterschaften in Köln untermauert.
Bei den Ranglistenrennen überzeugte in der Skull-Konkurrenz Martin Gulyas (HRV Böllberg) bei den Männern. Der junge Hallenser dominierte auch standesgemäß das offenen Einerrennen um den Gildemeisterpokal und dürfte damit der Favorit für den Einerstart auf der U23-WM in Brandenburg sein. Bei den Damen überragten Tina Manker (RaW) und Sophie Dunsing (Energie Berlin) mit den Plätzen zwei und drei in der Einer-Rangliste und einem Sieg im Doppelzweier die Damenkonkurrenz. Einer-Gewinnerin Julia Richter (SC Berlin) belegte Partnerin Rebekka Klemp indes nur den sechsten Rang.
Sportliche Höhepunkte waren auf jeden Fall die Siege des Deutschen Leichtgewichtsachters vom Mainzer Erfolgscoach Diethelm Maxrath, dem Vizeweltmeister von 2007, und des schweren U23-Achters der Männer von Trainer Thomas Affeldt. Bei vollem Finalfeld in der Königsklasse des Rudersports setzen sich die Paradeboote eindrucksvoll vor den internationalen Teams aus Dänemark, Polen, Tschechien und dem eigenen Nachwuchs in der Inselstadt durch. Für große Unterhaltung sorgte sicherlich noch die traditionelle Steuermannstaufe nach dem schweren Achter. Nach dem Bundestrainer Thomas Affeldt seinem Steuerpiloten Albert Kowart wegen Mandelbeschwerden das Bad im Küchensee untersagte, stellte sich der ursprünglich Ratzeburger Coach dann aber selbst zur Verfügung, ließ unter verzücktem Gekreische vor der Tribüne alle Hüllen bis auf die Unterhose fallen und wurde von seinen siegreichen Achterjungs Ruben Anemüller, Max Munski, Marco Neumann, Fokke Beckmann, Max Bandel, Max Reinelt, Richard Schmidt und Sebastian Kasielke in hohem Bogen in den Küchensee befördert.
Die U23-Damen verzichteten in Ratzeburg auf einen Achterstart und wetteiferten unter den Augen vom verantwortlichen U23-Bundestrainer Tobias Rahenkamp im Vierer-ohne. Doch die beiden Ranglistenschnellsten Zweier mit Ulrike Sennewald/Nadja Drygalla (Rostock), sowie Silke Müller/Kathrin Thiem (Hannover) vermochten an beiden Tagen mit Rang drei und vier nicht wirklich zu überzeugen. Dies taten derweil Sandra Dalloff, Anika Knies, Claudia Rühr und Anna Korge (Team Nord-West/ Berlin/Dresden), die an beiden Tagen das 5-Boote-Feld dominierten und damit heiße Kandidatinnen für den Deutschen U23-Meistertitel in dieser Bootsklasse sind.
Der persönlich anwesende Schirmherr der Veranstaltung, Schleswig-Holsteins Innenminister Lothar Hay übergab den Ehrenpreis des Landes an die passenderweise ebenfalls aus dem nördlichsten Bundesland kommende Leichtgewichts-Einersiegerin Helke Niesschlag vom Preetzer RC. Bei den Herren der Schöpfung siegte der Magdeburger Peter Krüger, löste damit seine Fahrkarte zur Studenten-WM und hat die Hoffnungen auf einen WM-Start in Linz noch nicht ganz begraben.
Auch potentielle WM- und EM-Kandidaten holten sich auf dem nordischen Naturkurs letzte Wettkampfhärte vor den kommenden Aufgaben. Doppelzweier-Sieger Daniel Makowski (Hamburg) und Rene Burmeister (Rostock) hoffen noch auf eine Startchance von Bundestrainer Lothar Trawiel beim dritten Weltcup in Polen, nachdem der bisherige DRV-Zweier das Finale in Luzern verpasste. Auch WM-Startplätze wurden auf dem Küchensee vergeben. Die Kurpfälzer Martin Veit (Mannheim) und Jan Dehoust (Worms) sicherten sich durch ihren Triumph im Riemenzweier ohne Steuermann in Ratzeburg die WM-Fahrkarte für den Zweier mit Steuermann in Linz/Österreich. Das Schwergewichtsduo siegte an beiden Tagen vor den ausgemusterten Leichtgewichten Ole Rückbrodt und Felix Otto (Hamburg/Essen), die sich damit jedoch die Qualifikation für die Studenten-Weltmeisterschaften im September in Belgrad sicherten. Eben diese ADH-Fahrkarte nach Serbien lösten auch Richard Nagel, Andreas Clausen, Falk Müller und Daniel Holert (Hamburg, Hamm, Geesthacht), die sowohl im Vierer ohne-, als auch mit Steuermann zum Doppelschlag ausholten.
Es gab jedoch nicht nur Spitzensport zu sehen, sondern auch einige Facetten mehr des Rudersports. Im Handicap/Behindertenrudern präsentierte sich der Gold-Vierer von München mit Schlagfrau Susanne Lackner, Michael Sauer, Marcus Klemp, Kathrin Wolff und Steuermann Arne Maury in Topform. Während in Luzern, wie schon auf der WM in München 2007, kein deutsches Boot Gold gewinnen konnte, überzeugten die einzigen Sieger der WM des letzten Jahres nun auch im norddeutschen Ratzeburg und lassen auf jeden Fall Edelmetall bei den Paralympics erwarten.
Im Rahmen des 3. Allianz-Talente-Cups ruderten Jungen- und Mädchenvierer ihre ersten Ruderrennen vor großen Publikum und beim vorabendlichen „BUSS Capital Achtercup“ zeigten rund 50 Achter bei der größten deutschen Sprintachterregatta, welche Faszination das Achterrudern bei unglaublich knappen Entscheidungen mit sich bringt. Die nach sechs Rennen, davon vier innerhalb einer Stunde, völlig erschöpften aber überglücklichen Sieger-Dänen des Soroe Roklubs gewannen einen riesigen Siegerpokal nebst wertvollen Renneiner inklusive Skulls für ihren Nachwuchsbereich, der auf den Spitznamen des Hauptsponsors „Capitalo 1“ getauft wurde. „Wir haben zwar schon auf der Lübecker Regatta ein paar mal gewonnen, aber dass wir die besten Sprintachter Deutschlands schlagen und hier einen richtigen Einer gewinnen, hätten wir nie gedacht“, erzählt die Mannschaft in gutem Deutsch siegestrunken während der Siegerehrung vor knapp 1000 begeisterten Zuschauern.
Bei den Damen kam es zu einem imposanten Doppelschlag der RG Hansa Hamburg, die gleich mit zwei Achtern vor den Newcomern aus Heidelberg auf dem Siegertreppchen landete. Die siegreiche Mannschaft um Schlagfrau Daniela Molle ruderte zudem mit großen rosa-farbenen Schleifen auf dem Rudereinteiler um an die Aktion „Rudern gegen Krebs“ zu erinnern. „Wir wollen damit unsere Freundin und ehemalige DRV-Pressesprecherin Cora Zillich im Kampf gegen den Brustkrebs unterstützen und für einen offeneren, positiveren Umgang mit Erkrankten plädieren“, erzählt NDR- Nachrichten- Moderatorin Juliane Möcklinghoff aus dem Mittelschiff des siegreichen Achters.
Insgesamt hat sich Ratzeburg mit rund 50 Achtern innerhalb von nur zwei Jahren zum größten Achtersprint Deutschlands entwickelt und mit dem Deutschen Sprintmeister aus Krefeld, den Landesmeistern aus Münster (NRW) und Karlsruhe (Baden-Württemberg) sowie dem Deutschen Großbootmeister RC Allemannia Hamburg waren die stärksten Clubachter Deutschlands auf den heiligen Gewässern der Trainer-Legende Karl Adam vertreten. Auf diesem idyllischen Naturkurs in der Inselstadt weht immer mehr ein frischer Wind der Veränderung, der traditionelle Elemente mit modernen Eventmerkmalen verbindet. Der Trend im deutschen Rudersport geht ganz eindeutig zur Kurzstrecke, da auch hier untrainierte Achterteams mithalten können.
Auch wenn es beim Achtersprint anfangs noch einige Unklarheiten im Wettkampfmodus gab, konnte das neue Konzept mit bis zu sechs 350-Meter-Rennen pro Tag und Mannschaft doch dank der Diszipliniertheit von Schiedsrichtern, Steuerleuten und Ruderern nahezu pünktlich umgesetzt werden und wird in Richtung 2009 weiter optimiert werden. Im kommenden Jahr werden angesichts des großen Erfolges bis zu 80 Achter in der Heimat des ehemaligen „Goldachters“ von Rom erwartet.
„Ich bin hier letztes Jahr zwar einmal als Ersatzmann im Deutschlandachter für eine Dokumentation mitgefahren, wollte aber auch unbedingt mit meiner Vereinsmannschaft vom RV Rauxel auf den sagenumwobenen Küchensee zurückkehren und spüre immer noch die Faszination und Tradition, die Ratzeburg und das Achterrudern verbindet“, verkündet ZDF-Moderator Yorck Polus nach den Rennen bereits die Meldung für das kommende Jahr.
„Insgesamt sind wir froh, dass uns der Spagat zwischen Spitzensport und Unterhaltung dieses Jahr wieder gut gelungen ist und freuen uns schon auf die 50. Jubiläumsregatta im Jahre 2009“, fasst Prof. Frank König die drei tollen Tage mit knapp 1000 Ruderern in über 150 Rennen von Ratzeburg zusammen.






