Passauer Ruderherbst erfolgreich verlaufen
Wenn es den Passauer Ruderherbst nicht gäbe, dann müsste man ihn schnellstens erfinden
Mit diesem Worten verabschiedete sich ein Symposiumsteilnehmer bei Lehrgangsleiter Klaus Würfl. Der Trainer, Anfängerausbilder und Ruder-Alleinunterhalter „aus oberbayerischen Rudergefilden“, schon arg verschlissen und zermürbt von den vielfältigen und zeitgleich auf ihn einprügelnden Problemen, schöpfte wieder Hoffnung. Zumindest entdeckte er ein kleines Licht am fast schon finsteren Horizont seiner Vereinsarbeit. „Ich dachte schon, ich bin alleine mit meinen Problemen. Wirklich willige und herzerfrischende Ruderkinder, dafür alte, ungeeignete Ausbildungsboote“. Jede Menge Besserwisser, aber viel zu wenige Helfer machen ihm das Ausbilderleben, und sein Funktionärsdasein schwer. Unser Ruderkamerad sah sich beim 4. Passauer Ruderherbst gut aufgehoben. Er fand im herrlich gelegenen Ruder-Casino am Innstausee nicht nur verständige Zuhörer, sondern auch mitfühlende Leidensgenossen: „Diese beiden Tage habe ich Gott sei Dank wieder Motivation getankt. Und das war sogar Super-Benzin was da aus dem „Informations-Zapfhahn“ kam.“
Nein, er war nicht allein, unser Ruderkamerad von der Isar. Er war nicht allein mit seinen Problemen. Draußen, im grauen Ruderalltag. Da verlässt so manchem der Mut, fühlt sich der Trainer, der Ausbilder allein gelassen. Hier, im Kreis der fortbildungswilligen Ruderherbst-Teilnehmer, findet man „Brüder und Schwestern im Geiste“. Jedes Jahr zur selben Zeit, wenn die Novembernebel die Ruderwasser verschleiern, trifft sich die Seele, das Herz und der Verstand des bayerischen Ruderlandes: Die Kinder-Trainer, die Schulsport-Ausbilder, die Leistungssport-Trainer und sogar so mancher Vereinsvorstand. Wie sagte Gerhard Wenig, unser Landeshonorar-Trainer? „Für mich ist dieses Symposium eine Möglichkeit, Leute kennenzulernen, die ich sonst nie zu Gesicht bekomme“. „Ich erfahre hier soviel neues, höre soviel bisher ungehörtes, manchmal unerhörtes, aber immer interessantes, womit ich mein Wissen um die Sorgen und Probleme meiner Trainer-Kollegen ungemein erweitern kann. Da wird Klartext geredet, da hält keiner hinter dem Berg, da weiß ich am Samstagabend, nach dem Schlusswort des Lehrgangsleiters, wo der Ruderschuh drückt.
BRV-Präsident Thomas Stamm zeigte sich ebenso angetan vom „Spirit des Ruderherbstes“. Unser „Chef“ kam wieder gerne in die Dreiflüssestadt, begrüßte die jungen, und junggebliebenen Coaches: „Junge Rennsport-Trainer neben alten Mastershaudegen, so muss es sein. Jeder kann von Jedem lernen. Sein Dank ging an den Initiator der Passauer Ruderakademie mit der Bitte: „Klaus, dein Kind „Ruderherbst“ ist inzwischen ja erwachsen geworden, ich wünsche Dir und uns, dass ihm auch ein langes, kurzweiliges Leben beschert ist“. Sprach es, und freute sich mit dem Vertreter des Deutschen Ruderverbandes Stefan Felsner, seines Zeichens Justitiar und Ani-Doping-Beauftrager des DRV, auf die kommenden Vorträge. Bevor jedoch „Hugo“-Karl Straube das Rednerpult enterte, begrüßte der neugewählte PRV-Vorsitzende Josef Lang die aus allen Teilen Bayerns angereisten Kursteilnehmer. „Früher waren wir eine geographische Randerscheinung im Ruderdeutschland. Nun, nach den Ereignissen der neunziger Jahre sind wir in Passau am Nabel Ruder-Europas. Wir liegen nach der Ost-Öffnung in der Mitte des Kontinents. Das ist die Chance für uns – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sportlich“, war sich Passaus neuer engagierter Vereinsboss sicher.
Gespannt war man nun auf den „Masters-Ruderstar“-Anwalt „Hugo“ Straube. Der mit allen Ruderwassern gewaschene Rechtsprofi provozierte das Auditorium mit drastischen Kernaussagen hinsichtlich Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten von Regatta-Veranstaltern, Funktionären, Schiedsrichtern und letztendlich Trainern. Wer haftet wann, und wenn ja – warum? Wie verhalte ich mich nach einem Schadensfall? Für was, für wen bin ich überhaupt verantwortlich? Was kann mir helfen, und vor allem WER hilft mir, wenn wirklich etwas passiert ist. So mancher Zuhörer bunkerte Straubes Visitenkarte in der Gesäßtasche. Man/n konnte ja nie wissen. Und so könnte man im Bedarfsfall sagen: „Nicht ohne meinen Anwalt“. „Hugo“ Straube belegte unter anderem mit seiner Presse-Sammlung über Aussagen zum Leipziger Bootsunglück, wie desinformiert, wie reißerisch und unverantwortlich die Medien über derartige Geschehnisse berichten.
Wie immer, wenn es um das Thema Rettungswesten ging, kochten die Diskussionen hoch. Lehrgangsleiter Klaus Würfl war es recht. „Nur so kommen wir weiter! Wir werden keine Verbandsvorgabe, keine ultimativen Leitlinien bekommen. Die Vereine müssen den Mut haben, selbst Regularien zu schaffen“, war sich der Passauer Sportvorstand und Ruderlehrer Würfl mit dem Regensburger Juristen einig. „Jeder Club hat andere Voraussetzungen, anders gelagerte Gefahren auf Wasser. Eine rundum Lösung, einen Sicherheits-Anzug, der jedem passt, wird es, und kann es nicht geben“. Die Verbände würden sich aufs juristische Glatteis begeben, würden sie hier verbindliche Aussagen machen. Beweis dafür war der informative und realitätsgespickte Vortrag der Wasserwacht-Referentin, Fachfrau für „Schäden am Menschen, verursacht durch thermische Einflüsse“ – also Hitzeschäden, und, weil eben heiß diskutiert, Kälteschäden. Auch die junge Dame des Roten Kreuzes, selbst Rettungstaucherin und erfahrene Inn-River-Race-Helferin, konnte, und wollte keine Allround-Lösungen bieten. „Jede Situation stellt sich anders dar, kein Unglück läuft gleich ab, und jedes Ereignis hat eine andere Ursache, ein anderes Umfeld“. Was sich jedoch jeder der Anwesenden merken sollte war der unumstrittene Fakt, dass bei einer Wassertemperatur von 15° die Fähigkeit zu Schwimmen um 75% abnimmt. Unbedingt sollte ein Ruderer nach Kenterung im kalten Wasser am Boot bleiben, sofern er nicht mittels Rettungsweste gesichert ist. An die möglichen Retter appellierte sie: „Ihre Sicherheit geht immer vor. Riskieren sie nichts. Begeben Sie sich nicht zusätzlich in Gefahr. Die Erfahrung lehrt, dass es meist fatal endet, wenn jemand ohne Absicherung den Wasser-Retter „spielen“ will.
„Wenn es ein heißes Eisen zu bearbeiten gilt, braucht man einen Schmiedemeister“, wusste Klaus Würfl. Das „heiße Eisen“ hieß Doping – als Schmiedemeister fungierte der Sportinternist Dr. Achim Spechter. Dr. Spechter war in den Jahren 2002 bis 2004 Tour-Arzt des „Coast-Teams“, und des „Teams Gerolsteiner“ bei der Tour de France. Und der Facharzt hatte keine Berührungsängste. Er plauderte ganz ungeniert aus dem „Medizinerkästchen“: „Ich habe niemals verbotene Substanzen gespritzt, oder verabreicht, aber sehr vieles würde ich heute, besseren Wissens, anders machen“. Was wohl noch niemand so zu sehen bekam, zeigte Spechter anhand eines authentischen Fotos seines „Tour“-Arbeitsplatzes: Aufgereiht von links nach rechts über den gesamten Schreibtisch wartete eine Unmenge von Präparaten, Ampullen, Tabletten, Salben und Tinkturen auf die „Tour“-Athleten, die nach den anstrengenden Etappen behandelt und regeneriert werden wollten. „Wo fängt Doping an“, fragte der Mediziner und mehrfache bayerische Meister im Straßenradfahren. „Das beginnt schon bei der Einnahme von Aspirin, Ibuprofen oder Diclofenac vor Beginn eines Rennens, einer Regatta. Wenn Kinder schon Mittel zur besseren Lern-Konzentration bekommen, Manager Aufputschmittel nehmen, Jugendliche sich mit Red Bull aufpeppen, dann hat der Sportler eben auch weniger Skrupel, ebenfalls mit verbotenen Mitteln „nachzuhelfen“. Spechter forderte die „Gesellschaft“ auf umzudenken. „Wir müssen uns beim Sport, am Arbeitsplatz durchaus normale und alltägliche Schwächen, Durchhänger zugestehen und zulassen. Wir können nicht permanent auf Vollgas laufen“. Abschließend kommentierte der Arzt die neuen NADA-Vorgaben, lieferte dazu klärendes Hintergrundwissen.
Landeshonorartrainer Gerhard Wenig rückte die immer wichtiger werdende Lern- und Lehrhilfe „Video-Auswertung“ ins Licht der Übungsleiter. Anhand von Filmaufnahmen diverser Kleinboote analysierten die durchaus versierten Symposiumsteilnehmer Fehlerquellen und Bewegungsmuster. Der Nürnberger Bootsbauer und B-Junioren-Coach erklärte, aus welchen Blickwinkeln, mit welchen Schlagzahlen die Testfilme aufgenommen werden sollten.
Brillant wieder der Vortrag des Sportwissenschaftlers Thorsten Kortmann zum Thema: „Differenzielles Training“. Die Ruderherbst-Routiniers kannten den dynamischen Rudertrainer, A-Schein-Inhaber und Mitarbeiter des Hessischen Ruderverbandes schon aus dem letzten Jahr. Kortmann ist mittlerweile auch an Publikationen zum Thema des Differenziellen Trainings im Bereich des Skifahrens beteiligt. Heiterkeit erzeugten hierbei die Filmsequenzen vom Kugelstoßtraining des Zehnkämpfers und mit olympischer Medaille ausgezeichneten Frank Busemann. Mit Hilfe des „Differenziellen Trainings“ verbesserte Busemann seine Kugelstoßweiten, nachdem er vorher über zwei Jahre in seinen Ergebnissen stagnierte, um sage und schreibe 2 Meter. Wie sich dieses Trainings-System im Rudersport einsetzen lässt, bebilderte Kortmann mittels interessanter Beispiele. Klaus Würfl, für die Leistungssportler im Passauer Ruderverein der Allgemein-Athletik- und Konditionstrainer, steht schon seit drei Jahren mit dem Münsteraner in engem Kontakt. Der Erfolg Felix Wimbergers bei der Junioren-WM beruht zu einem Teil auch auf den „exotischen“ Übungsformen des „Differenziellen Trainings“. Vor allem beim Krafttraining, und im wöchentlich absolvierten Leistungs-Schwimmtraining würde man in Passau mit Kortmanns Trainings-Philosophie arbeiten.
Den Part für die Ausbildungsbasis, also für die Fraktion der Kinder-Ausbilder, übernahm die Fachübungsleiterin im P.R.V. Sigrid Neusatz. Der Lehrgangsleiter bat die junge Trainerin, ganz einfach aus ihrem Ausbilder-Alltag zu erzählen. „Stell doch einfach mal auf den Prüfstand, wie du das Rudern lehrst. Ich möchte, dass du deine ganz persönlichen Erfahrungen, auch deine Ängste, deine Probleme offenbarst“. Viele der Anwesenden werden sich damit identifizieren können, werden wiederum ihre Ansichten und Einsichten darüber äußern“. Es kam wie geplant: Ein reger Austausch an Erkenntnissen folgte dem PowerPoint-unterstützten Referat.
Der „Vater“ des Passauer Ruderherbstes befasste sich natürlich mit seinem Lieblingskind, dem Krafttraining. Diesmal primär mit dem Problem „Krafttraining für vorpuberale Kinder“. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen - zu diesem erst zaghaft beackerten Feld der Sportmedizin - boten Würfl Munition für sein vehementes Eintreten „Pro Krafttraining für Kinder“. Inzwischen gilt es als absolut sicher, dass Kinder im vorpuberale Alter immens von gezieltem, geeigneten Krafttraining profitieren. Amerikanische Sportwissenschaftler beruhigen etwaige Trainer-Zauderer mit dem Hinweis, dass es 1500mal gefährlicher sei Fußball zu spielen, als Kinder „Kraft“ trainieren zu lassen. Es ist trotz mehrerer Dutzend Versuchsreihen nicht ein Fall bekannt, bei dem ein Kind durch Krafttraining Schaden erlitten hätte, so das Fazit des niederbayerischen „Kraft-Gurus“. Würfl stellte anlässlich des 4.Ruderherbstes den von ihm und Sohn Benjamin (Leistungs-Schwimmtrainer) produzierten Übungslehrfilm „Ganzkörpertraining“ vor. Die ausgelegte DVD „mit 44 Übungen, zum Teil von Thomas Kortmann inspiriert, und in jedem Kraftraum realisierbar“ fand reißenden Absatz.
Landeshonorartrainer und PRV-Trainer Bernhard Gaidas, im Team mit der Regensburger Trainerin und erfolgreichen Rennruderin Evi Häussler, zeigten den Lizenz-Inhabern auf, wie mittels einfacher Tests gezielt Abschwächungen und Verkürzungen unterschiedlicher Muskelgruppen erkannt und bewiesen werden können. In zwei Gruppen, beaufsichtigt und unter der Obhut der beiden Physiotherapeuten, versuchten anschließend die Coaches das Gelernte praktisch umzusetzen.
Einen mitreißenden Symposiumsabschluss legte wie gewohnt der bayerische Masters-Hero Tom Thallmair hin. Seine Praxisvorführung am Ruderergometer machte so richtig Lust auf die oft ungerechtfertigt ungeliebte Fitness-Maschine. Ruderlehre am Ergo, eines der Lieblingsthemas Thallmairs, sei leider häufig Neuland im Lehrplan. Dem schlossen sich die Teilnehmer an.
„Für 2009 habe ich wieder einige Referenten-Knaller auf der Pfanne“, stellte Klaus Würfl salopp in Aussicht und resümierte: „Der diesjährige Ruderherbst lief „wie geschmiert“, das war schon fast beängstigend. Jeder Referent bestens vorbereitet, und, nicht weniger wichtig, alle zufrieden und begeistert von der hervorragenden Verpflegung – das macht Mut für die nächsten Jahre“.