Wanderfahrt 2008 in den Oberländischen Seen - Teil 1
Oberländische Seen - Wanderfahrt im ehemaligen Ostpreussen - 21.Juli - 29.Juli 2008
Text: Andreas Förster (Hamburg)
Fotos: Ulrich Busch (Hamburg)
Im Logbuch stehen am Ende 149 geruderte Km - 5 Rudertage und 2 Kulturtage
1. Tag (Anreise)
Am Montag, dem 21. Juli, treffen wir uns pünktlich um 7 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof und fahren mit unserem Clubbus nebst Anhänger, auf dem sich die beiden D-Doppelvierer “Jimmy Schmidtke“ und „Kehrwieder“ befinden, und einem Leihwagen bei strömendem Regen Richtung Polen. Im Bus sind die Scheiben so beschlagen, dass die beiden vorn sitzenden Beifahrer ständig die Scheiben wischen müssen, um dem Wagenlenker Durchsicht zu verschaffen.Unser Picknick, von Anke in altbewährter Manier großartig vorbereitet, nehmen wir zwar trocken, aber bei einer fürchterlichen Schafskälte (gefühlte 5 Grad C) und stürmischen Böen ein. Sämtliche Pullover und Regenjacken werden übereinander gezogen. Für manche von uns stellt sich das Gefühl ein, dass es jetzt zu Hause besonders behaglich und gemütlich sein müsste. Dieser Umstand begünstigt erst einmal die dabei nicht unüblichen Meckereien über alles und nichts. Warum man sich dann trotzdem auf den Weg macht? Weil man dort, im ehemaligen Ostpreußen, das findet, was andernorts selten geworden ist, nämlich ein sowohl liebliches als auch ein melancholisches Land, das noch nicht voll touristisch erschlossen ist, wo man noch einsame Seen, dichte nordische Urwälder, die so unvergleichlich intensiv duften, erkunden, den berühmten ostpreußischen Himmel mit hohen Schäfchenwolken und einen unglaublich hellen Sternenhimmel genießen kann. Und last but not least wollen wir unsere historischen Kenntnisse aufpolieren. Wir, die wir uns dies auch in diesem Jahr wieder „antun“.
So kommen wir am frühen Nachmittag in Stettin an. Stettin, die alte Hansestadt mit mittelalterlichen Giebelhäusern, vom Hafen und vom Handel geprägt, ist heutzutage eine Großstadt im Grünen.
Gleich nach dem Einchecken im Radisson – vorher waren diverse Ehrenrunden nötig, um auf den bewachten Hotelparkplatz für unseren Bootsanhänger zu gelangen – unternehmen wir einen Stadtrundgang, bestaunen u. a. das alte Rathaus mit barockisierter Gotik, besteigen den Schlossturm, genießen den herrlichen Ausblick, besuchen sowohl die Peter-und Paul- als auch die Jakobi Kirche mit neu gestaltetem Kirchturm, erfahren von unserem Hobby-Historiker Jens etwas über den Kantor bzw. Komponisten und Dichter Karl Löwe (Interssierte googeln jetzt einmal und entdecken in diesem Zusammenhang den z. B. den Erlkönig nach Goethe).
Am Abend nehmen wir noch den üblichen Absacker in der Lounge des Hotels und wundern uns über die sehr westlichen Preise.
2. Tag (Weiterreise)
Morning Call erst um 6 Uhr. Doch deutlich früher klopft, klingelt und ruft Werner vor unserer Zimmertür und will den Autoschlüssel haben. Was ist los mit ihm? Wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht! Wir erfahren später, dass unser lieber Werner den ersten Törn fahren will, um dann während der Pause ungeniert unsere Weinvorräte wegzuputzen. Danach lässt es sich ja auch so herrlich im Auto dösen. So ein Trickser!
Wir nehmen die Landstraßen 10 nach Wałcz (Deutsch-Krone), 22 über Malbork (Marienburg) und Elblag (Elbing) sowie die 7 Richtung Ostróda (Osterode in Ostpreußen). In Rybaki am Kanał Ostródzko-Elbląski finden wir direkt an der Fernstraße unsere morgige Einsatzstelle an einem alten Haus, wo wir heute noch aufriggern und unsere Boote über Nacht lagern dürfen. Empfangen werden wir vom Wachpersonal, zwei Hofhunden und –katzen, die in uns, vor allem in Anke..., ideale Spielgefährten sehen.
Diese Autoroute erweist sich gegenüber der durch Bydgoszcz (Bromberg) im letzten Jahr als staufrei und lanschaftlich schöner, weil es durch die Wälder und Kornkammer Pommerns geht, ist aber doch etwas länger.
Nach getaner Arbeit fahren wir in unser Kur- und Rehabilitationshotel nach Miłomłyn (Liebemühl). Das Hotel ist neu, hat außer uns so gut wie keine Gäste, verfügt über eine große Schwimmhalle, Whirlpool, Gegenstromanlage, Sauna, Gymnastikhalle und eine gute Küche – alles zu sehr annehmbaren Preisen. Nur das entfernte Rauschen der Fernstraße passt nicht ganz in Idyll. Aber das werden wir noch im Boot intensiv genug erleben.
3. Tag (Rudern)
Polnisches, das heißt opulentes Frühstück um 7 Uhr, vorher noch eine Runde im Schwimmbad gedreht, so dass es um 8 Uhr mit den Fahrzeugen zurück nach Rybaki zurück geht. Wir rudern zunächst ca.4 km in Richtung Elblag, wenden vor dem ersten Rollberg, wo ein Förderwagen Schiffe und Yachten über eine geneigte Ebene mit Hilfe von Stahlseilen, Wasserrädern und Rollwagen auf einer Schiene Berge bis zu einer Höhe von über 100 Metern überwinden lässt. Diese Anlagen wurden zur Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild des Morriskanals bzw. des Pennsylvania Kanals USA) zur wirtschaftlichen Erschließung Ostpreußens, vor allem für den Transport von Holz und Getreide, errichtet, wobei ausschließlich die unterschiedlichen Seehöhen die Energie für dieses Schiffszugwerk liefern. Über Małdyty nähern wir uns der Mittagspause bei Szymonowo. Dort soll uns der Landdienst (Ingrid und Jens) mit einem köstlichen Pcinick empfangen – kein einfaches Unterfangen in der Wildnis. Doch unsere Picknickbrigade stöbert Heinz auf, einen achtzigjährigen deutschstämmigen Förster, der ausnahmsweise nach dem 2. Weltkrieg aufgrund akuten Mangels an Arbeitskräften nicht vertrieben wurde. Und Heinz kennt sich hier natürlich aus wie kein anderer. So hören wir beim Mittagessen so manch packende Geschichte aus den letzten Tagen Ostpreußens und der Zeit der Einsamkeit, in der (fast) alle Deutschen weg waren. Nach 34 km erreichen wir schlussendlich unser heutiges Etappenziel, die Schleuse von Miłomłyn. Wir lagern die Boote beim Schleusenwärter gegen Gebühr. Diese Schleuse erweist sich im weiteren Verlauf unserer Wanderfahrt als idealer Startpunkt in die unterschiedlichsten Richtungen. Unser Fahrtenführer Ulrich Busch hat sich das goldrichtig so ausgerechnet.


