Interview mit Brigitte Bielig (Junioren-Bundestrainerin)

von Nils Budde, Jugendsekretär
16.03.2009 - 21:00 Uhr

DRJ: Frau Bielig - Als Nachfolgerin von Erfolgstrainer Dr. Dieter Altenburg haben Sie ein schweres Erbe angetreten und sind in unglaublich große Fußstapfen getreten. Wie beurteilen Sie retrospektiv die JWM in Ottensheim 2008

Brigitte Bielig: Rückblickend war es für mich ein sehr einfacher Einstieg als Bundestrainerin der Junioren. Ich bin von einem sehr gut funktionierenden Trainer-Team sehr gut aufgenommen und integriert worden. Insbesondere die Arbeit mit Ralf Wenzel, Bernd Nennhaus und Dietmar Langusch erwies sich als äußerst fruchtbar.

DRJ: Wurden die Erwartungen bei den in der Regel erfolgsverwöhnten DRV-Junioren aus ihrer Sicht denn erfüllt?

Brigitte Bielig: Nun ja, glücklicherweise wurden die Erwartungen sogar übertroffen. Eingeplant oder geliebäugelt hatten wir mit dem Ziel von etwa 5 Goldmedaillen sowie 3-4 weiteren anderer Couleur. Dass es dann insgesamt sogar 12 Medaillen inklusive 8 x Gold geworden sind war unter realistischen Gesichtspunkten nicht zu erwarten und dafür natürlich umso erfreulicher. Was wiederum aber auch an der guten Harmonie im Team gelegen hat. Diese durchweg positive Stimmung hat sich schließlich aus dem Trainer- und Betreuerteam auch auf die Mannschaft übertragen und mit dem „Geist von Ottensheim“ hat dann fast jeder ein bisschen mehr gebracht, als wir erwartet haben. Es war einfach ein sehr guter Jahrgang mit dem es sehr viel Spaß gemacht hat zusammen zu arbeiten.

DRJ: Was für Erwartungen haben Sie für die kommende Saison 2009?

Brigitte Bielig: Also für die diesjährige Wettkampfsaison mit dem Ziel WM in Brive la Gaillard in Frankreich sind wir natürlich etwas bescheidener geworden, da auch wir wissen, dass sich solche Top-Ergebnisse wie in Österreich 08 nicht immer planen und reproduzieren lassen. Es wäre sicherlich nicht vermessen, wenn wir mit 3-4 Goldmedaillen sowie 4 weiteren in Bronze oder Silber planen. Wir versuchen natürlich immer das Leistungsniveau zu halten, aber auch andere Nationen haben starke Jahre.

DRJ: Wie sehen denn die Nominierungsrichtlinien für 2009 aus? Was muss eine junge talentierte Ruderin oder ein Ruderer leisten und anbieten, damit ein Ticket nach Frankreich winkt?

Brigitte Bielig: Also, zunächst einmal wollen wir ganz klar sagen, dass es so fair wie möglich durchgeführt werden soll. Die Leistungsstärksten fahren sowieso mit. Eng und strittig wird es immer bei den etwas Schwächeren. Insgesamt bewerten wir die Ergebnisse der Riemenruderer auf den regionalen Langstrecken, sowie die Resultate der Skuller auf der zentralen Langstrecke in Leipzig. Hinzu kommt natürlich der traditionelle Frühtest in Brandenburg. Vergleichend dazu ist auch die zweite Rangliste in Hamburg drei Wochen vor den Deutschen Jugendmeisterschaften enorm wichtig. Dann werden die Kleinbootmeister der DJM bei entsprechender prozentualer Leistung direkt nominiert. In den Riemenvierern der Junioren und Juniorinnen werden die Sportler auf jeden Fall als Person nominiert. Und die Großboote Achter und Doppelvierer werden schließlich anhand der Rangliste Hamburg, sowie von 3-4 individuell starken Ruderern besetzt. Letztendlich werden die WM-Teilnehmer dann nach Berlin-Grünau eingeladen werden und gemäß ihrer Leistungsfähigkeit im Messboot, beim Ausbelastungsstufentest sowie anhand der Bootsleistungen in der Saison in die jeweiligen Boote verteilt. Alle also, die eine Einladung nach Berlin erhalten, werden am Ende auch in Frankreich als Teil der DRV-Mannschaft mit dabei sein.

DRJ: Wie schaut es denn Allgemein mit dem „Nachschub“ beim Nachwuchs aus. Der Rudersport muss sich ja schließlich mächtig strecken, um die Jugendlichen nicht an Trendsportarten wie Fussball, Handball, Basketball, Skateboarden etc zu verlieren.

Brigitte Bielig: Das ist immer sehr schwierig auseinander zuhalten, da es pro Jahrgang viele Faktoren zu bewerten gibt. Es stimmt jedoch, dass wir uns ranhalten müssen, damit der erfolgshungrige Nachwuchs nicht ausbleibt. Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass die Sportler seit ein paar Jahren etwas kleiner und leichter werden, als in den Jahren zuvor. Auch die technisch-koordinative Grundausbildung ist auf einem etwas niedrigeren Niveau. Dies könnte natürlich teilweise mit der bekannten G8-Problematik begründet sein. Es ist einfach nicht mehr jedem möglich Leistungssport ausgiebig zu betreiben, wenn die Schule nicht leiden soll. Daher kristallisieren sich die Sportelite-Schulen natürlich wieder heraus. In diesem seit Jahrzehnten erfolgreichen Modell wird es dem Rudernachwuchs durch organisatorische Anpassung im Ruderleben etwas leichter gemacht. Wer das gleiche Pensum an einer herkömmlichen Schule unter einen Hut bekommen will, muss schon ein Stück mehr Energie aufwenden.

DRJ: Wie sieht es denn mit den zuführenden Übungsleitern und Trainern aus. Reicht die Qualität und Quantität angesichts chronischer Unterbezahlung noch aus, um hinreichend Nachwuchs für den Spitzensport vorzubereiten oder rutschen wir langsam aber dafür sicher in ein „Trainerproblem“?

Brigitte Bielig: Prinzipiell müssen wir natürlich hinterher sein, dass genügend junge Leute, die selbst vom Rudersport fasziniert sind, diese Begeisterung nach ihrer Karriere an den Nachwuchs weitergeben. Davon lebt unser Sport. Und zur Zeit funktioniert das System auch noch sehr gut. Langfristig würde ich mir wünschen, dass wir von DRV- und LRV-Seite noch mehr für den Rückhalt der Trainer tun, so dass alle ausreichend aus- und weitergebildet sind. Die Trainer sind also immens wichtig für uns und wir werden auch in Zukunft alles daran setzten, dass die Fortbildungsmaßnahmen und Themenkataloge zunehmen und qualitativ noch besser werden, damit sich auch die Übungsleiter optimal unterstützt fühlen. Denn wie wichtig ein gutes Trainerteam ist, haben wir, wie eingangs erwähnt, bei der JWM 2008 gesehen.

DRJ: Was können wir tun, damit die Jugendlichen nicht nach 4-5 Jahren Leistungssport nach der U19-Zeit ihre Skulls an den Nagel hängen und dem Sport den Rücken kehren?

Brigitte Bielig: "Eine sehr komplexe Fragenstellung, die eine eben solche Herangehensweise erfordert. Zum einen kann man sicherlich nicht jeden Junioren-Weltmeister bis in den A-Bereich durchbringen. Dann müssen wir die Unterstützung bei Ausbildung oder Studium sicherlich noch optimieren, wie es unsere andere Nationen, z.B. Frankreich, England oder die USA teilweise vormachen. Und wenn die Sportler dann doch mal mit Stipendien an die Universitäten in den USA oder England gelockt worden sind, müssen wir am Ball bleiben, die Zügel lang lassen und die Sportler immer wieder einbinden. Wenn die Ruderinnen und Ruderer sich zuhause gut aufgehoben fühlen, werden sie zumindest teilweise auch immer wieder nach einem Auslandsjahr zurückkommen. Insgesamt müssen also individueller auf die Athleten eingehen und unsere Entwicklungskonzepte auch mit den Eltern abgleichen."

DRJ: Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Saison und einen starken Jahrgang 2009.