Wanderfahrt 2008 in den Oberländischen Seen - Teil 2

  • Die ersten Ruderschläge der Fahrt
Das Grunwalddenkmal
Ausfahrt aus einer Schleuse
Fotos: Ulrich Busch

    Die ersten Ruderschläge der Fahrt

  • Die ersten Ruderschläge der Fahrt
Das Grunwalddenkmal
Ausfahrt aus einer Schleuse
Fotos: Ulrich Busch

    Das Grunwalddenkmal

  • Die ersten Ruderschläge der Fahrt
Das Grunwalddenkmal
Ausfahrt aus einer Schleuse
Fotos: Ulrich Busch

    Ausfahrt aus einer Schleuse

von Andreas Förster
22.03.2009 - 19:37 Uhr

4. und 5. Tag  (Rudern)

Heute besichtigen wir zuerst Kirche und Wehrturm von Miłomłyn. Dann rudern wir die vorgesehenen 31 km über den wunderschönen Drewénz-See nach Ostróda, rasten vor der zweiten Schleuse auf dem Kanalweg zum Jezioro SzelagWielki (Schilling-See). Ingo und Karin haben uns eine Brotzeit mit polnischer Wurst (die beste der Welt), Wein und Obst beschert. Unsere Aussetzstelle ist ein Campingplatz nahe der Landstraße 16. Vorher aber unterqueren wir die Straße und eine Eisenbahnbrücke und entdecken dahinter den südlichen glasklarenTeils des Sees  in einer hügeligen stark bewaldeten Landschaft. Am nächsten Tag fahren wir fast dieselbe Strecke zurück zum Wasserkreuz Miłomłyn. Vorher aber statten wir dem geschichtsträchtigen Ostróda unseren Besuch ab. Napoleon z. B. hatte dort einst sein Hauptquartier in einer alten Ordensburg aus dem 14. Jahrhundert für sechs Wochen auf dem Weg gen Osten bezogen. Diese Stadt blüht zur Zeit regelrecht auf, weil sie sich dem Tourismus in malerischer Landschaft erschließt. Die Uferpromenade erfüllt mit seinen Spazierwegen, Café und Restaurants, mit Wasserskianlagen und Badestränden alle westlichen Standards, was wir auch daran erfahren, dass der Koch eines See-Restaurants uns sofort als Allemannen erkennt, weil er vor Jahren für den Hamburger Segelclub, unser Inselnachbar in Hamburg, gekocht hat.  Rechtzeitig hat er sich dort unternehmerisch engagiert und ist jetzt stolzer Gourmet-Chef. Das Restaurant erkennt man übrigens schon von Weitem an seiner anmutigen Schönheit, die hier kellnert.

So hat der Landdienst heute ein angenehmes Leben: baden, chillen gut essen und trinken. Überhaupt – ápropos Picknick: Das mit den Ansprüchen an einen Landdienst erscheint manchmal wie überzogenes Erwartungsdenken. Einkaufen, geeignete Picknickstelle und oft schlecht passierbare Zufahrtswege finden, Essen vorbereiten (manch einer verlangt gar nach gläsernen Weinkelchen und mundgerechten Canapées), aufbauen, abdecken, abwaschen und Besatzungstransporte durchführen – das ist Stress pur und ließe sich durch mitgeführten Proviant oder Besuch von See-Gaststätten besser organisieren. Zudem sind die allerbesten Rastplätze zumeist sowieso so entlagen, dass sie nur wasserseitig zu betreten sind.

Werner erhält heute noch den Spitznamen Chingachgook, weil er einen Vierer allein mit einem Stechpaddel zu einer geeigneten Aushebestelle bei der Schleuse manövriert, wie es der letzte Mohikaner nicht besser gekonnt hätte.

6. Tag (Kultur)

Schwerpunkt unseres heutigen Kulturtages ist der Mythos von Tannenberg. Tannenberg ist für uns Deutsche zuallererst ein deutscher Mythos und erinnert an die Schlacht im ersten Weltkrieg, in der das Generalissimus-Duo Hindenburg/Ludendorff die zaristischen Armeen stoppte und fast 100.000 russische Soldaten in die Gefangenschaft führte. In Wahrheit spielte sich die Tannenberg-Schlacht aber gar nicht bei Tannenberg, heute Stebark, ab, sondern wurde von der wilhelminischen Obrigkeit dorthin verlagert, um eine historische Scharte aus dem Jahre 1410 vergessen zu machen; denn hier hatten der Deutsche Orden die wichtigste Schlacht gegen das polnisch-litauische Heer unter König Jagiełło verloren. Der Orden verlor über 40.000 Soldaten und seinen Hochmeister Ulrich von Jungingen. Die Polen kennen diese kriegerische Auseinandersetzung als Schlacht von Grunwald, in der die verhassten Kreuzritter besiegt wurden. Wir bestaunen das riesige Areal, auf dem ein gewaltiges Denkmal in stalinistischer Architektur an diese Schlacht vor gut fünfhundert Jahren erinnert. Überall gibt es Ritterzubehör zu kaufen und es ist kaum verwunderlich, dass Grunwald ein ganz zentraler, vielleicht der wichtigste Geschichtsmythos für Polen ist, der auch heute noch sehr lebendig gehalten wird. Dazu finden wir hier ein Trümmerdenkmal, das bis 1939 in Krakau stand, von den Nazis zerstört wurde an diese Schlacht erinnert. Das Tannenberg-Denkmal selbst, das einst den Sarkophag Hindenburgs beherbergte, wurde von der Wehmacht gesprengt, die Überreste geschleift und man muss in der weiteren Gegend  von Olsztynek (Hohenstein) lange suchen, um noch kärgliche Überreste deutschen Heldentums zu finden. Sich das ganze Ausmaß deutsch-polnischer Konflikte vorzustellen, die ja auch aktuelle Vorurteile begründen, vorzustellen, schafft erst hier ein partielles Wissen um unsere Gegenwart. Steffen Möller schreibt in seinem Buch „Viva Polonia“, dass der Schriftsteller Henryk Sienkiewicz im 19. Jahrhundert, als Polen zwischen Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt war,  diese Schlacht von 1410 in einem sechshundert Seiten Epos beschreibt und dieses Buch zum Fanal gegen die bismarcksche Anti-Polen-Politik avancierte. Auch zu Zeiten de sogenannten sozialistischen Bruderländer wurde die DDR z. B. von vielen Polen als preußisch verhasster Nachfolgestaat gesehen. Und immer wieder finden wir auf unserem heutigen Ausflug Gedenksteine, Massengräber und Ruinen, die großenteils erhalten sind und gepflegt werden. Wir fragen uns wieder und wieder, weshalb die Menschen nur so uneinsichtig waren und so wenig aus der Geschichte gelernt zu haben scheinen. Umso deutlicher wird uns hier in Polen die Notwendigkeit eines geeinten Europas vor Augen geführt.

Den Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes stellt ein Abstecher der Kerndorfer Höhe bei Wysoka Wies dar. Mit 313 Höhenmetern  ist dies die höchste Erhebung Ostpreußens – oder zwischen Harz und Ural, wie es einer unserer Allemannen ausdrückt.

Danach  will Ulrich noch das ehemalige Schloss Finkenstein besuchen. Knapp die Hälfte unseres Reisegesellschaft mag aber heute keine Ruine mehr sehen und fährt zum wunderschönen Schlosshotel Karnity (Karnitten), um in seinem türkisfarbenem Gutshofsee zu baden und ein kühles Bier zu trinken