Wanderfahrt 2008 in den Oberländischen Seen - Teil 3
7. Tag (Rudern)
Wir starten wieder in Miłomłyn an der Schleuse in Richtung Jerzwald, durchqueren einen sogenannten Mücken- und Bremsenkanal. Wie gut, dass wir uns ordentlich mit Autan eingerieben haben. Aber einen hundertprozentigen Schutz haben wir dennoch nicht. Oft schlagen wir um uns und der Rhythmus in den Skullbooten ist gefährdet. Um uns von der Pein abzulenken, erzählt uns Jens, unser steuernder Hobby-Historiker, wo überall Ludendorff und Hindenburg oder sonstiger Feldherren am Ufer schon mal gefischt, gerastet oder weitere Eroberungen geplant haben mussten. Als wir endlich bei Gublawki einen größeren und mückenfreien See erreichen, holt unser Steuermann traditionsgemäß kurz nach 11 Uhr Dr. Nielsens Kräuterbeize aus dem Schab. Dabei schränkt eine aufkommende Bö unsere Manövrierfähigkeit ein; das andere Boot kommt auch nicht recht längsseits und es gibt beleidigte Gesichter, weil dort geglaubt wird, sie sollten ausgeblutet werden. Ulrich verlangt – wie immer – und jetzt erst recht einen entsprechend größeren Nachschlag. Kurz vor Jerzwald landen wir an einem Waldcampingplatz an und legen die Boote in die Brennessel. Das Picknick hatte heute jede Mannschaft per Schiffsproviant selbst organisiert. Der Landdienst war zufrieden. Na bitte – klappt doch!
Fazit des heutigen Tages: Traumhafte Sennlandschaft mit einem Insellabyrinth, verwunschene Kanäle, fünf Erfrischungsbäder, 25 Grad Celsius, Sonnenschein mit ostpreußischen Schäfchenwolken - also 27 Wanderruder-Kilometer höchster Genussklasse.
8. Tag (Rudern)
Iława (Deutsch Eylau) ist unser Ziel. Das sind noch einmal 27 km. Motto: Ein Boot ist ein Boot – zwei Boote, das bedeutet Regatta! Die Kehrwieder ist mit 4 Männern besetzt, die Schmidtke mit zweien. David gegen Goliath – im wahrsten Sinne des Wortes. Unsere pfiffige Steuerfrau Heidi lässt uns nicht unter Land fahren, sucht sogar den streckenmäßig weiteren Weg, aber nutzt den Schiebewind voll aus. Teilweise erreichen wir GPS-gemessene Geschwindigkeiten von über 14 Stundenkilometern und erringen einen Streckenstieg. Die anderen kommen nicht zur Ruhe, wollen immer wieder Revanche. Wir haben das nicht nötig und schwimmen lieber zwischendurch, liegen im Gras und den betrachten kontemplativ Himmel. In Iława angekommen, sind Teile der Kehrwieder so ausgepumpt, dass sie beim Verladen und sogar beim Picknicken regelrecht herumzicken und alles besserwissen. Wie unpolnisch! In der Ruhe liegt doch die Kraft. Mit dem Hänger geht’s zurück in unser Reha-Zentrum Liebemühl. Am Abend erwartet uns das traditionelle Farewell-Dinner mit feuchtfröhlichem Gelage nach dem Motto: Die erste Flasche brauchen wir, um den „Ärger“ des Nachmittags noch einmal hochzuspülen, mit der zweiten Flasche wird er wieder heruntergespült und mit der dritten sind wir alle wieder eine große Familie. Nachdem Ingo unsere Dankesworte an Ulrich Busch, unseren großen Fahrten-Führer gerichtet hatte, schien alles so zu enden wie in dem berühmten tapferen gallischen Dorf....
9. Tag (Abreise)
Über endlose polnische Landstraßen, auf denen man im Schnitt ca. 60 Kilometer in der Stunde schafft, dauert es gefühlsmäßig ewig und drei Tage nach Deutschland zurück. Manchmal haben wir den Eindruck, so mancher Autofahrer hat vor allem heute seinen Führerschein auf dem Jahrmarkt bzw. an unweit der Schießbude gemacht hat. Bei den Polen aber scheint die schlaglochübersäte Straße das Feld der Ehre und die Ritterrüstung samt Pferd das Auto zu sein. Man will sich immer wieder zwischen Begleitfahrzeug und Gespann drängen, uns auseinanderzudividieren. Wir sind doch nicht vom Deutschen Orden! Es ist genug Blut geflossen – vor allem auf polnischen Straßen!
Die letzten dreihundertachtzig Kilometer auf deutschen Autobahnen fahren die Autos getrennt, das Gespann weiter im Juckeltempo, der Mietwagen im Rausch der Geschwindigkeit. Dennoch kommt heute nach glücklicher Heimkehr keiner vor Mitternacht ins Bett.
Fazit:
Höchstwahrscheinlich wurden die Oberländischen Seen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder von Wanderruderern befahren. Es zahlt sich mehr als aus, einmal nicht in das berühmte Masuren zu reisen, sondern hier ein Idyll zu finden, das seinesgleichen sucht.



