Wanderfahrt von Tilsit nach Königsberg (Teil 1)
Auch in diesem Jahr veranstaltete der Ruder-Club „Allemannia von 1866“, Hamburg, eine Ostpreußenfahrt. Diesmal wollte Fahrtenleiter Ulrich Busch eine Tour ganz besonderer Art organisieren, nämlich die erste seit den vierziger Jahren (zumindest im primären Abschnitt) von Tilsit über Labiau, Tapiau nach Königsberg, wie sie schon 1933 bei Rautenberg beschrieben wurde. Das Erstaunliche: Schon die Kilometrierung damals stimmt mit unserer GPS gemessenen nahezu hundertprozentig überein. Aber beginnen wir mit unserer Abenteuer-Reise in Hamburg.
Wir trafen uns am Mittwoch, dem 29. Juli 2009, um 10 Uhr, also zu einer zivilen Zeit, am Hamburger Hauptbahnhof, fuhren nach Sassnitz-Mukran, wo wir um 17 Uhr in Richtung Baltijsk (Pillau) ablegten. Verwunderlich: Nur fünf PKW, drei Breitspur-Waggongs und zwei Trailer befanden sich an Bord. Kann sich das für die Reederei DFDS LISCO überhaupt lohnen? Schon nach kurzer Zeit lernten wir die anderen Reisenden spätestens beim Dinner in der völlig veralteten Messe kennen. Mehrheitlich waren es Menschen, die Bücher von Ulla Lachauer, wie z.B. „Die Brücke von Tilsit“, Hermann Sudermanns „Reise nach Tilsit“ oder die Wehmut-Literatur von Lenz, Kempowski, Grass, Giordano und natürlich von Surminski gelesen hatten - Touristen, die dort Eltern hatten, die im 2. Weltkrieg dort starben oder vertrieben wurden.
Ab morgens 9 Uhr ließen sich die ersten Fischerhäuser, die auf Stelzen vor der Küste Samlands stehen, ausmachen. Ganz gemächlich schob sich die große RoRo-Fähre unter Führung eines erfahrenen Lotsen vorbei an zahlreichen russischen Kriegschiffen älterer Bauart zwischen den Molen in den Seekanal, der die Einfahrt zum Frischen Haff markiert. Wir sahen das Standbild von Zar Peter dem Großen, auf dessen Sockel einst der Große Kurfürst stand. Die Abfertigungsprozedur dauerte fast drei Stunden, weil jeder Pass mit Visum mindestens dreimal kontrolliert und mit Namenslisten abgeglichen wurde und die Dame, die uns eine russische Kfz-Versicherung verkaufen sollte, zwar hübsch anzuschauen, aber sprachlich und computertechnisch völlig überfordert war. Endlich ging es über Straßen, für die ein Geländewagen das richtige Fahrzeug gewesen wäre, zu Schinkels Leuchtturm, dem Wahrzeichen Baltijsks. Ein Abstecher nach Santarny (Palmnicken) führte uns in eine Bernstein-Manufaktur, ein weiterer zum Brandungsbaden nach Svetlogorsk (Rauschen). Dort fuhren wir mit der Seilbahn zum Strand und erinnerten uns, dass sich hier in diesem schönen Seebad Schröder und Putin einst getroffen haben.
Abends besuchten wir den Königsberger Ruder- und Kanuclub, nahmen unsere Boote, die „Samland“ und die „Ostpreußen“ in Augenschein, stellten fest, wie sehr wir durch unsere Boote in Hamburg verwöhnt sind. Solcherlei Boote hatten wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Uns schwante Schlimmes, was sich aber später nicht unbedingt bestätigte. Die Rollbahnen sind recht kurz, manche haben keine Stopper, der Bootsklinker zieht Wasser, die Boote und die Skulls sind enorm schwer, die Stemmbretter museumsreif, die Dollen ausgeleiert – aber irgendwie ging es doch, wenn auch mit anfangs blutigen Waden, schmerzenden Unterarmen, weil die Skulls nicht ordentlich drehten, deren Manschetten einfach abgingen oder die Fersenhalter zu eng waren. Nachdem wir mit Grigorij, Yury und Boris, unsere sympathischen Ansprechpartner, und mit Wladimir und Igor, unsere russischen Mitruderer, einige Bierchen getrunken hatten, übernachteten wir, wie wohl alle deutschen Ruderer, im Hotel Baltica.
Der nächste Tag, also der 31. Juli, war für Kultur reserviert. Es ging ins einstige Friedrichstein, wo einmal das Schloss von Marion Gräfin Dönhoff gestanden hat und jetzt außer einem verkrauteten Teich mit viel Wildnis eigentlich gar nichts mehr zu sehen ist. In Gvardejskoe (Mühlhausen), eines der ältesten Dörfer Ostpreußens, steht eine Kirche, die mit bescheidenen Mitteln aus Westdeutschland renoviert wird und die Gebeine Luthers jüngster Tochter beherbergt. Pravdinsk (Friedland), eine Stadt, die in jedem Jahrhundert eine vernichtende Katastrophe erlitt - mit einer Ausnahme: Die Kirche blieb jedes Mal unbeschädigt, so auch 1945. Der Triumph Napoleons, der hier die mit den Preußen verbündeten Russen besiegte, hat eine gusseiserne Verewigung in Form zweier Gedenktafeln erhalten. Eine für Napoleon und eine für den besiegten russischen Heerführer Makovskij. Hier fielen allein 20.000 russische Soldaten. Übrigens findet man am Arc de Triomphe in Paris einen entsprechenden Eintrag über die siegreiche Friedländer Schlacht. Über Cernjachovsk (Insterburg) fuhren wir nach Gusev (Gumbinnen), um die Statue des ostpreußischen Elchs zu fotografieren. Gusev liegt an der Pissa. Diesen Namen wollten die Menschen aber auch schon in viel früheren Zeiten nicht und beantragten eine Umbenennung. In einem Geschichtsbuch lasen wir, dass Friedrich Wilhelm I (der Soldatenkönig) den Vorschlag gemacht haben soll, das Flüsschen in Urinocco umzutaufen.
Unser weiterer Weg führte uns noch nach Jasnaja Poljana (Trakehnen); aber vom ehemaligen preußischen Vorzeigegestüt steht nur noch ein mit deutscher Hilfe wieder errichtetes Portal, welches eine Elchschaufel zeigt, die einst das Brandzeichen der berühmten Trakehner-Pferde war. Unsere nächste Anlaufstadt war Neman (Ragnit) . Hier wollten wir einmal von der russischen Seite auf die Memel schauen, auf der wir vor zwei Jahren von Litauen aus gerudert sind. Die Stadt ist auch heute noch fast vollkommen kaputt; und wegen des deprimierenden Anblicks entschlossen wir uns, schnell nach Sovjetsk (Tilsit) weiterzufahren. Hier sollte unsere Wanderruder-Fahrt beginnen.
1. Rudertag: Von Leninskoe (Motzwethen) nach Mostovoe (Sköpen) (18 km)
Doch bald erfuhren wir, dass uns die Bezirks- bzw. Militärverwaltung einen Start auf der Memel, die bekanntermaßen ein Grenzfluss ist, untersagte. Wir vermuteten, dass hier wahrscheinlich viel geschmuggelt wird. Also fuhren wir weiter in Richtung Motzwethen und setzten hier in die Gilge, einen Mündungsarm der Memel, ein, ruderten stromaufwärts mit dem Wind bis wenige hundert Meter zur Memel hin, wendeten hinter der ersten Fahrwassertonne, um keine grenzprovozierenden Aktionen auszulösen. Jetzt ging es umgekehrt mit der Strömung und gegen den böigen Wind bis kurz vor die Brücke in Sköpen. Der Landdienst wurde zuvor von einem Militärposten kontrolliert und musste eine Sondererlaubnis vorweisen. Wir übernachteten wieder in dem Tilsiter Hotel „Russija“, das es als besonderen Gag ansieht, durch entsprechende Tapeten von Breschnew und anderen Genossen, dem zerflossenen Sowjetsystem zu huldigen. Das mag auch dem Stadtnamen Sovjetsk geschuldet sein. Auf der Königin-Luise-Brücke beobachteten wir eine quälend langsame Grenzabfertigung litauischer und russischer Besucherfahrzeuge. Jeder hätte es schon gedanklich als besondere Qual empfunden, in diesem entlegenen Provinznest den Winter zu verbringen.


