Wanderfahrt von Tilsit nach Königsberg - Teil 2
2. Rudertag: Von Mostovoe (Sköpen) über Zapovednoe (Seckenburg) nach Matrosovo (Gilge) an der Gilge (28 Km)
Morgens wieder die übliche Kontrolle am Militärposten, die aber nun viel kürzer war, weil wir ein paar Brocken Russisch gepaukt hatten. Unsere russischen Ruderfreunde hatten bei den Booten gezeltet und erfolglos geangelt.
Der Picknickplatz in Seckenburg ist gut erreichbar; allerdings muss sich jeder Landdienst sputen, flott weiterzufahren, denn es ging nun145 Kilometer über Polessk (Labiau) nach Matrosovo. Das heißt: Kilometerlange Staubstraßen sind zu meistern und enormen Schlaglöchern, im Schatten ruhenden Schafs- und Kuhherden ist auszuweichen. Bevor man Matrosovo erreicht, geht es über eine Pontonbrücke, die tunlichst schräg befahren sollte, weil es sonst einen harten Aufsetzer gibt. Als der Landdienst viel später als die Ruderer – nach ihren 28 Ruderkilometern auf der träge strömenden Gilge - den Zielort bei Frau Ehrlich, einer kasachischen Wirtin mit deutsch-russischem Hintergrund, erreichte, wurde er für diese logistisch anspruchsvolle Aufgabe mit Beifall begrüßt. Frau Ehrlich empfing uns mit russischem Bortsch und viel Wodka. Wer Angst vor steilen Dachbodentreppen hat, sehe zu, dass er im Haupthaus nächtigt. Das Bad in der strömenden Gilge dagegen kann nur empfohlen werden.
3. Rudertag: Von Matrosovo (Gilge) an der Gilge nach Polessk (Labiau) (29 Km)
An diesem Tag hatten wir bei ablandigem Wind großes Glück mit dem Wetter, denn wir konnten auf das Kurische Haff und weiter in den Nemonienstrom und den Großen Friedrichgraben rudern. Das Haff bietet einen ganz anderen Anblick, als wir es von hiesigen Seen gewohnt sind: Keine Motorboote, die herumlärmen, keine Segel am Horizont, dafür viele Seevögel, glucksende Wellen und ansonsten eine andächtige Stille. Wir hielten inne – das war schon ein Erlebnis für Geist und Sinne. Dafür war dann der Große Friedrichsgraben umso langweiliger. Wenige Stellen, um anzulanden. Mittags an einer der zwei Anlegemöglichkeiten ein ausgiebiger Mittagsschlaf, in der Ferne ab und zu ein Hahnenschrei, Fliegen- und Hummelgesumm, Grillengezirpe, Blätterrauschen im leichten Sommerwind und das Schnarchen erschöpfter Ruderer. Die Natur scheint hier intakt zu sein. Wasserrosen und das von Loki Schmidt verehrte Pfeilkraut finden hier große Verbreitung. Die Ausstiegsstelle in Labiau war bei dem örtlichen Tretboot-Verleiher.
4. Rudertag: Von Polessk (Labiau) nach Gvardejsk (Tapiau) (33 Km)
Die „Samland“ war bereits losgerudert, als ein Motorboot mit vollem Karacho an uns vorbeigeflitzt kam. Die „Ostpreussen“ war bepackt, drei Ruderer saßen bereits im Boot, als die erste Welle unser Boot erreichte. Wir legten uns wie üblich zur einen Seite über, um die Welle abzufedern. Diese allerdings baute sich plötzlich zu einem wahren Tsunami auf, wovon weitere fünf folgten. Das Boot war so vollgeschlagen, dass einige von uns später mutmaßten, dass das Wasser fünfzig Zentimeter über dem Waschbord stand. Zum Glück wurde niemand verletzt, nichts wurde beschädigt, und alles wirklich Wichtige blieb trocken. Nach einem einstündigen Zeitverlust konnten wir endlich unter der Adlerbrücke hindurch auf die Deime, den Mündungsarm des Pregels zum Kurischen Haff, fahren. Gegen die nur mäßige Strömung ging es nach Tapiau. Die Landschaft ist typisch norddeutsch von leicht monotoner Gleichmäßigkeit, doch bei gutem Wetter und einem Faible für Stille und Einsamkeit eine schöne Strecke. Gut, dass wir keine motorisierte Begleitung hatten! Für den Landdienst gibt es in diesem Abschnitt keine Möglichkeit der Begegnung mit den Ruderern. Anlegestelle: Gegenüber der alten Ordensburg, die später Irrenanstalt war und nun Gefängnis ist. Von Tapiau, der Geburtsstadt des Malers Lovis Corinth, waren wir enttäuscht. Wir fragten uns, wie Menschen in solch herunter gekommenen Trümmergebäuden regelrecht hausen können. Männer, denen wir begegneten, verströmten meist Alkoholfahnen. Wie zum Trotz sind es hier vor allem die Frauen, die sich schick kleiden und nicht einfach gehen, sondern würdevoll schreiten.
Abends waren wir zum Grillfest beim Königsberger Ruder- und Kanuclub eingeladen. Wir überreichten unseren Clubstander und stießen ordentlich auf die russisch-deutsche Freundschaft und auf unseren Natschalnik Buschikowsky an – so lange, bis uns die Mücken und Bremsen zum Aufbruch trieben.
5. Rudertag: Von Gvardejsk (Tapiau) nach Kaliningrad (Königsberg) (46 Km)
Nach einer Übernachtung im Hotel Baltica in Königsberg starteten wir früh, um die lange Strecke nicht ausschließlich in der Mittagshitze rudern zu müssen. Mit durchschnittlich 10 Km/h bei leichtem Schiebewind und mäßiger Strömung auf dem Pregel machten wir wegen der sengenden Sonne spätestens alle 20 Minuten eine Trinkpause. Bei Kilometer 26 hatte der Landdienst bei einem verfallenen Wehr ein Picknick aufgebaut.
Weshalb trug der Landdienst bei 34 Grad Celsius Ölkleidung? Die Antwort erfolgte augenblicklich, als die ersten Ruderer anfingen zu fluchen. Dies war ein Mücken-, Bremsen- und Hornissennest im Schilf, aber hier war die einzige Begegnungsmöglichkeit mit einem Landkommando. Nachdem viel Autan versprüht wurde, ging es aber. Die Picknick-Truppe hatte es schlimmer: Sie mussten mit Anlauf durch fünfzig Zentimeter hohen Schlamm brausen und die Insekten aufscheuchen, die tatsächlich vorübergehend das Weite suchten. Ein drohendes Gewitter trieb uns anschließend zur Höchstleistung an, auch weil die „Ostpreußen“ stark Wasser zog. Ein kleiner Riss war im Laufe der Zeit größer geworden. Die Nähe Kaliningrads wurde durch stärkeren Motorbootverkehr deutlich. Verwegene Freizeitkapitäne wollten offensichtlich ihren jungen Bräuten zeigen, was für Draufgänger sie doch sind, überholten uns nach heftigem Winken aber doch rücksichtsvoll. Schicke Yachten und abbruchreife Häuser scheinen hier keine sich ausschließenden Dinge zu sein. Fotopause an der Palmburger Brücke, die in den letzten Kriegstagen zerstört wurde und jetzt eine monströse Ruine ist. Endlich begegneten uns Ruderboote mit Kindern darin und wir wussten, dass wir es geschafft hatten.
Abends luden uns unsere Königsberger Freunde in eine Brauerei ein, wo es ein äußerst leckeres Dinner gab. Nach dem Essen wurden uns güldene Medaillen für die Erstbefahrung dieser Gesamtstrecke von 154 Kilometern umgehängt. Gregorij machte in seiner Laudatio deutlich, dass die Teilnehmer weiterer Wanderfahrten „lediglich“ mit einer Silbermedaille rechnen könnten.
Den anschließenden Tag nutzten wir für eine Besichtigung Königsbergs: Brandenburger Tor, ehemaliger Hauptbahnhof, Dom mit Kants Sarkophag, Rupp-Gedächtnisstein, Herzog-Albrecht-Statue, neue russisch-orthodoxe Kirche, Schiller-Denkmal, wo eine Russin perfekt Schiller rezitierte, Haus der Räte und Nordbahnhof, wo die Züge nach Zelenogradsk (Cranz) abfahren. Das hört sich fast wie ein übliches Besuchs-Ritual an. Doch hier in diesem Land, das soviel Leid, aber auch so viel Hochkultur erlebt hat, kommt der Interessierte zu Begegnungen, die andernorts so eher unwahrscheinlich sind. Am Dom trafen wir z.B. einen Weißrussen, der nicht nur sehr alt war, sondern auch sehr gut deutsch sprach und über ganz erstaunliche historische Kenntnisse verfügte. Er wurde als Vierzehnjähriger von den Deutsche zwangsverpflichtet, konnte drei lange Jahre nicht seine Muttersprache hören und sprechen, lebt also seit 1942 in Königsberg und erklärte uns Emanuel Kant und Julius Rupp, schlug einen geschichtlich-politischen Bogen von Herzog Albrecht bis Angela Merkel und zeigte uns, dass in Königsberg eine ganz wesentliche Wurzel deutscher Geschichte zu finden ist, die man unter keinen Umständen ignorieren sollte, will man sich und seine Nachbarn als Kulturnationen verstehen. Vor allem solche Begegnungen, aber natürlich auch die mit unseren russischen Sportskameraden sind es, die Völkerverständigung besonders positiv gestalten. Äußerlich ist das Land im Umbruch. Neben dem beschriebenem Elend, gibt es eine sehr gute Allgemeinversorgung, neue Häuser, private Autos, eine besser gewordene Infrastruktur, die Restaurierung von historischen Gebäuden usw.
Abends fuhren wir nach einem Abstecher in Zelenogradsk (Cranz), der Vogelwarte in Rybacij (Rossitten) problemlos über die Grenze ins litauische Nida (Nidden), wo einst Thomas Mann seine Sommerresidenz hatte. Zwei herrliche Badetage folgten in diesem schon fast mondänen Seebad. Ein Ausflug mit einem Mietrad quer durch den Wald nach Juodkrante (Schwarzort) ist mehr als empfehlenswert. Nach 40 Km kann man mit dem Linienbus (stündliche Abfahrt auf Halb) zurück fahren und die Fahrräder im Bus mitnehmen.
Von Klaipeda (Memel) ging es mit der Fähre die 500 Kilometer zurück aus Nordostpreußen nach Rügen, wobei dieses Land der Melancholie eine starke wehmütige Nachwirkung verursachte, die nur durch das Bekenntnis zur Wiederkehr gemildert werden.





