100 Jahre Bootstechnik im DRV (Teil 2)

von Hans Rath (Münster)
08.02.2010 - 13:04 Uhr

Bootstechnik in der Halle

Unter der technischen Leitung des TA werden in den Jahren 1968 -71 genaue Zeichnungen zur Olympia-Regattastrecke in München erstellt und der Bau überwacht. Ein erster Messvierer wird entwickelt und den Bundestrainern zur Verfügung gestellt. Der Versuch des TA, im Bereich des Rennruderns auch zu einem genormten Vierer zu kommen, um auch kleineren Vereinen hochwertiges Wettkampfmaterial zur Verfügung zu stellen, scheitert nach anfänglichen Erfolgen an  dem Bestreben der Werften, auch hierfür immer leichtere Boote zu bauen, die dann an Steifigkeit verlieren und an den Vereinen, die diese Boote nicht als ideal bezeichnen, da es spezielle Wettkampfklassen für Standartboote nicht gibt, wie dies in England noch heute üblich ist. Fritz Pfaffe wird neuer Vorsitzender des TA.

In Zusammenarbeit mit dem TA entwickeln Sportgerätefirmen 1975 erstmals Ruderergometer mit Leistungs- und Arbeitsmesseinrichtungen, die auch für Ruderbecken geeignet sind.

Neue Wanderbarken in Kunststoffbauweise und eine Messdolle werden 1976 vom TA in Zusammenarbeit mit den Bootswerften entwickelt. Gleichzeitig baut Georg von Opel den ersten Rollausleger-Einer. Mit diesem neuen Bootstyp ist Peter Michael Kolbe ein Jahr später sehr erfolgreich. Die FISA verbietet allerdings bald den Einsatz von Rollauslegerbooten bei internationalen Wettkämpfen. Dr. Kurt Gelbert übernimmt nach dem Rücktritt von Fritz Pfaffe den Vorsitz im  TA und wird 1978 in die FISA-Materialkommission gewählt.

1979 führt der TA umfangreiche Versuchsreihen mit der Messdolle durch, die auch zu Verbesserungen bei den Ruder-Ergometern und Ruderbecken führen.

Mit der Einführung von Ruderschuhen an den Stemmbrettern stellt 1981 die FISA erste Überlegungen zur Sicherheit beim Rudern an. Der TA macht daraufhin Versuche mit Sicherheitsbändern an den Schuhen, die schließlich von der FISA und dem DRV in den BB der AWB vorgeschrieben werden. Tests mit Schwimmwesten zeigen bei den meisten Fabrikaten Mängel für den Einsatz beim Rudern.

Jahrelang versucht Fritz Pfaffe, das Wettrüsten im Bootsbau zu bekämpfen und entwirft Vorschläge zur Normung von Rennbooten. 1982 erkennt auch die FISA diese Vorschläge an. Der TA berät die Wasser- und Schifffahrtsämter beim Bau von Umtragestellen mit Bootsloren. Es werden auch Pläne zur Erstellung preisgünstiger und zweckmäßig eingerichteter Bootshallen für die Vereine veröffentlicht. Obwohl der erste Versuch mit Normrennbooten gescheitert ist, gibt der TA dieses Vorhaben nicht auf, da andere Sportarten und auch die Engländer damit gute Erfolge haben.

Die FISA bittet den TA, einen Entwicklungsplan für Nationen zu erstellen, in denen eine Förderung des Rudersports dringend notwendig ist. Hierfür sollen von den Vereinen ältere Boote erbeten werden, die nach gründlicher Überholung dann an die Entwicklungsländer ausgeliefert werden können.

1986 löst der DRV den TA auf und gliedert die Technik in das Sachgebiet Ruderreviere und Technik ein. Es werden 2 Referenten für Technik  aus den ehemaligen TA-Mitgliedern bestimmt, die auf diesem Gebiet weiter tätig sein sollen. Man traf sich erstmals 1987 und stellte Überlegungen zum Bau eines neuen  E-Gigvierers (90 cm) an. Helmut Griep erkannte aber bald, dass nur mit den Referenten keine sinnvolle Weiterentwicklung der Bootstechnik erreicht werden konnte und berief  unter der Leitung von Thomas Sewald einen Arbeitskreis „Allgemeine Bootstechnik“, der später in den „Arbeitskreis Gig und Technik“ umbenannt wurde. Erfahrene Vereinsbootswarte, Bootsbaumeister und Lehrwarte für Bootstechnik aus den Landesverbänden machten sich am 10.12.88 im Hameln an die Arbeit. Die Maße und das Gewicht der 90 cm E-Gig wurden  festgelegt und an die Werften gegeben mit dem Auftrag, bis 1990 solche Boote zu bauen, die dann einem Test unterzogen werden sollten. Steuermann-Sitz und Stemmbrettbeschläge sollten so gestaltet sein, dass ein bequemer Sitz bzw. einfachere Handhabung erreicht werden. Der Rollraum des Ruderplatzes sollte auf 140 cm verlängert werden, um größeren Ruderern eine hinreichende Rolllänge zu ermöglichen. Die Mitglieder bekamen Hausaufgaben mit in ihre Vereinswerkstätten, um auf der nächsten Tagung einsatzbereite Bootsteile vorstellen zu können.

1989 wird ein PAK-Holz-Schalen-Sitz aus dem Bereich der Schulmöbel von Gerhard Klüssendorf und Ludwig Ellerbrake erstmals am Steuerplatz in Ruderboote eingebaut und getestet. Eine abklappbare Version setzt sicht durch und gehört inzwischen zur Standartausstattung bei Gigs. Für die Stemmbrettbeschläge liegen verschiedene Modelle vor, die aber alle verworfen werden wegen zu komplizierter Handhabung. Gerhart Ludwig stellt sein Modell des Einhand-Stemmbrettbeschlags vor und wird beauftragt, hierzu einen Prototyp zu konstruieren. Helmut Griep übernimmt die Leitung des Arbeitskreises Gig und Technik.

1990 stehen in Neuß von 5 Werften Prototypen von 90 cm E-Gigs zur Verfügung und werden vom Arbeitskreis begutachtet und gerudert. Die anwesenden Werftvertreter bekommen jedoch eine Reihe  von Verbesserungsvorschlägen mit auf den Weg.

Auf der Tagung des Arbeitskreises 1992 in Hannover unter der Leitung von Hans Rath werden alle auf dem Markt vorhandenen Kunststoff-Dollen für Tourenboote vorgestellt und auf Bruchfestigkeit, Abrieb, Anlagewinkel und Händelbarkeit beim Rudern gestestet. Die Ergebnisse veröffentlicht der Arbeitskreis erstmals im Rudersport. Der Gesprächskreis schlägt auch einen einheitlichen Dollenstift für Riemen- und Skulldollen vor. Weitere Materialtests sollen demnächst alle Zubehörteile und Bootsgattungen erfassen. Eine Liste von Anforderungen an den Bau von E- und andere Gigs kann den Vereinen die Bestellung erleichtern und die Werften veranlassen, einheitliche Standards einzubauen. Hierzu sollen alle AK-Mitglieder bis zur nächsten Tagung Vorschläge erarbeiten.

Schon 1993 konnte der AK auf seiner Tagung in Münster  3 nunmehr in Serien hergestellte Kunststoff-E-Gig-Vierer testen und die Ergebnisse im Rudersport veröffentlichen! Lediglich 1 Boot war auf der Basis einer neu entwickelten 90 cm Bootsform gebaut und hatte sehr gute Laufeigenschaften. Die beiden anderen Boote wurden aus der C-Bootform entwickelt, die lediglich im Waschbordbereich erweitert war, in der KWL (Konstruktions-Wasserlinie) jedoch weiterhin die Maße der C-Gig hatte. Hier waren die Ergebnisse nicht befriedigend. Mit den Testergebnissen veröffentlichte der AK auch seine Technischen Empfehlungen zum Bau von E-und anderen Gigs. Es kam zu heftigen Disputen mit einigen Bootswerften, die bisher ihr Material ohne Bewertung durch Tests an die Vereine auslieferten  und nun Nachteile zu haben glaubten. Die Mitglieder des AK konnten jedoch durch sehr objektive Untersuchungsmethoden überzeugen und so die Werften zu Verbesserungen im Bootsbau anregen. Im Auftrag des AK führte Hans Rath einen Test mit den auf dem Markt vorhandenen offenen Kunststoffdollen durch. Auch diese Ergebnisse konnten im Rudersport veröffentlicht werden.

Der Arbeitskreis führte 1994 in Minden erstmals ein Gespräch mit den Werften, zu dem Bootsbauer und Zubehörhersteller  aus BRD, CH, B und HOL ihre Vertreter geschickt hatten. Alle technischen Probleme wurden angesprochen. Das Gremium einigte sich darauf, nur noch den zylindrischen 13 mm Dollenstift mit M-12/M-8-Gewinden sowohl für Riemen als auch für Skulldollen zu verwenden. Damit war erstmals die Standardisierung eines Zubehörteils wieder einvernehmlich erreicht worden. Der AK regte auch an, die Rollsitzplatten so zu bauen, dass eine einfache Umrüstung mit Kugellager-Unterwagen möglich ist. Gerhart Ludwig stellte den Prototyp seines Einhand-Stemmbrettbeschlags allen Bootsbauern vor. Die Teilnehmer waren sich  einig, diese Gespräche mit den Bootsbauern regelmäßig durchzuführen.

Schon 1995 stand wieder ein Test im Mittelpunkt der Tagung des AK Gig und Technik. In Eschwege wurden  8 Touren-Kunststoff-Skulls-Fabrikate  und 1 Holzskull zum Vergleich getestet. Alle für den Gebrauch wichtigen Eigenschaften konnten mit standardisierten Methoden untersucht und deren Ergebnisse wieder veröffentlicht werden. Da keine Dolle geeignet war für den Einsatz moderner Ku-Tourenskulls mit eckigen Plastikmanschetten, wird ein Normblatt für eine geeignete Dolle erstellt und den Herstellern zugeschickt. Die Resonanz aus den Vereinen war sehr positiv und die Hersteller akzeptierten kommentarlos auch für sie negative  Ergebnisse. Sie  hatten vorsorglich einige Vertreter geschickt, die diesen Test kritisch beobachten sollten.