Zur Sicherheit auf dem Wasser - Warnung vor dem Restrisiko
Im Leitartikel für das Wanderruderheft 1/2010 widmet Arnim Nethe mehr als ein Drittel der Sicherheit. Das ist quantitativ gut. Auch qualitativ ist es gut, mit Priorität alles daran zu setzen, Unfälle zu vermeiden. Es gilt der bewährte Leitsatz: Vorsorgen ist besser als heilen.
Diesem Aufzeigen der richtigen Richtung sollte aber auch eine erkennbare Bewegung auf dieses Ziel hin. Außer den Hinweisen auf Lehrgänge sowie den Aufruf an die Landesruderverbände und Vereine, Lehrgänge anzubieten und auf bereits vorhandene Broschüren und Plakate findet sich im Schwerpunktheft Wanderrudern in den übrigen Beiträgen dazu wenig Konkretes.
Vorsicht beim Umgang mit dem Restrisiko
Akzeptabel und richtig ist der Begriff, wenn gemeint ist, dass unvorhersehbare Einflüsse auch bei ansonsten guter Ausbildung, Vorsicht und Umsicht zu einem Unfall, sei es Kenterung, Zusammenstoß oder etwas anderes, führen können und dass jede Ruderin, jeder Ruderer gut daran tut, sich darauf einzustellen.
Nicht akzeptabel ist der Hinweis auf das Restrisiko aber, wenn gemeint ist: Unfälle sind nun mal unvermeidbar; ist so, kannste nix dran machen; Unfälle sind bei uns ohnehin höchst selten und wir betreiben doch einen sicheren Sport. Gegenüber der erstgenannten akzeptablen Interpretation des Restrisikos ist dies ein kleiner, aber bedeutsamer Unterschied.
Ausbildung baut auf Erfahrung
Ruderinnen und Ruderer gezielt auszubilden ist besser, als ihnen Verbote zu erteilen und ihnen Vorschriften zu machen. Dem wird jeder gerne zustimmen.
Wenn also der Ausbildung die gebührende Priorität gehört, dann sind zwei Punkte wünschenswert.
Erstens: Es ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss, Unfälle vornehmlich durch eine weitere Formalisierung oder Bürokratisierung, durch mehr Ausbildungsscheine und Befähigungsnachweise mindern zu wollen. Es sollte ausreichen, bestehende Vorschriften zu kennen und zu beachten. Wenn hier Defizite offensichtlich werden, liegt es weniger an fehlenden Bestimmungen, sondern vielmehr an der fehlenden Umsetzung, an falscher Interpretation, an Unkenntnis oder sogar Ignoranz.
Eine gute Praxis ist beispielsweise, dass die Teilnahme an Gemeinschafts- oder Verbandsfahrten immer der Zustimmung des eigenen Vereins bedarf. Diese gute Praxis endet allerdings dann, wenn diese Meldungen zu ungeprüften Selbstläufern werden.
Das eigene Können des Teilnehmers und die an ihn gestellten Anforderungen während einer Wanderfahrt können dann schon mal deutlich auseinander liegen.
Ob die anhand der Fahrtbeschreibung erkennbaren Anforderungen der Fahrt an die Teilnehmer einerseits UND das Können des Teilnehmers andererseits hinreichend
bekannt sind, ist nicht eine Frage von Bestimmungen, sondern schlichtweg eine Frage des ehrlichen Umgangs und der kritischen Selbsteinschätzung, also der Umsetzung bestehender Bestimmungen und bewährter Gepflogenheiten.
Zweitens: Ausbildung. Dazu gehört zunächst die inhaltliche Weiterentwicklung der Lehrgänge. Ich unterstelle, dass dies grundsätzlich geschieht.
Ob allerdings hierfür die Erfahrung aus den rund 2 Mio und mehr Kilometern, die jährlich von Mitgliedern der Verbandsvereine gerudert werden, systematisch ausgewertet wird – das sei mal mit einem deutlichen Fragezeichen versehen.
Vor drei Jahren hatte der Vorstand des DRV nach einer Reihe folgenschwerer Unfälle und deutlicher Beschwerden eine Umfrage zur Unfallstatistik gestartet. Die Umfrage hatte einerseits das Ziel, Unfallschwerpunkte herauszufinden und bewusst zu machen. Sie diente auch als Beleg für die eigenverantwortliche Vorsorge des organisierten Rudersports gegenüber möglichen bindenden behördlichen Eingriffen. Der Fragebogen steht auf der Website. Man kann sagen: da steht er gut. Aber wird er auch mit Leben erfüllt? Und wenn ja, wer partizipiert an diesem Leben? Wer verleiht dem stehenden Fragebogen die frische Luft, damit er lebendig bleibt (oder wird!)?
Im Rudermagazin hat Karl Straube beispielhaft auf die Gefahren des Regensburger Strudels hingewiesen und vorbildlich deren Beherrschung erläutert. Wir haben auf den fließenden Rudergewässsern viele solcher Stellen, an denen mehr als die „normalen“ Steuerkenntnisse gefordert sind.
Und wir hatten - ich wette – auch im letzten Jahr eine ganze Reihe von Unfällen gehabt, die einer genaueren Analyse Wert sind. Ich bin gerne bereit, meinen kleinen Teil dazu beizusteuern.
Wo ist es passiert? Wer saß im Boot? Wie waren die Randbedingungen, z.B. mit Strömung, Wetter, Schifffahrt? Worin lag die Kernursache des Unfalls. Auf eine Boje gefahren zu sein und dann zu kentern, das ist allenfalls der Anlass eines Unfalls. Unter Ursachen verstehe ich etwas anderes. Sie ist tieferliegend und nicht immer so leicht erkennbar. Gehen wir also an die Ursachen, stellen wir uns der Verantwortung, ohne Scheu, auch menschliche Fehleinschätzungen, Unachtsamkeinten und andere Unzulänglichkeiten zu benennen und zu beseitigen statt – wie Arnim Nethe richtig schreibt - über die Verantwortungskette zu diskutieren.
Wenn menschliche Unzulänglichkeit (in der Haftungsterminologie deutlicher auch als menschliches Versagen bezeichnet) ein wesentlicher Teil des Restrisikos ist, dann gilt es, dieser menschlichen Unzulänglichkeit nicht vornehmlich durch Ausbildungsappelle zu begegnen, sondern sie durch vorbehaltlosen, für jeden Interessierten zugänglichen Erfahrungsaustausch zu beseitigen. Nur dann wird es gelingen, von der natürlichen, allzu menschlichen Unzulänglichkeit wegzukommen und sie in persönliche Fähigkeiten und Fertigkeiten auf der Basis bestehender Vorschriften und wünschenswerter Vernunft zu überführen.

