DOSB-Ethikpreis 2010 an Professor Hans Lenk: Laudatio anlässlich der Verleihung am 5. Mai 2010 in Berlin
Das „flexible Vielfachwesen“
Jemand zu loben, der es verdient, ist leicht. Jemand zu loben, der mehr Verdienste hat, als man erwähnen kann, ist schwer. Gar eine lebende Legende, und das ist Hans Lenk, zu loben, ist fast unmöglich. Umfassend zu sein, ist ausgeschlossen, denn die Vielzahl seiner Leistungen, die Vielzahl der Gebiete , auf denen sie erbracht wurden, die Vielzahl der Ehrenämter und Ehrungen, mit denen sie weltweit bedacht wurden -das alles macht es schwierig machen, die Einzelheiten, jede von ihnen von großer Bedeutung, hinreichend zu würdigen. Sollte, was umfassend nicht gelingen kann, mit Tiefgang erreicht werden? Dann steht er einem selbst in seiner lockeren und unbeschwerten Art im Wege, hat er doch unter anderem auch eine Jokologie, eine Rosenmondtagsphilosophie (mit dem eingefügten d des Mondes), eines Philosophie des Scherzes, veröffentlicht. Hans Lenk ist auch ein Mensch mit Humor und Selbstironie. So zitiert er eine DDR-Kritik seiner Technik-und Sportphilosophie: Er habe „eine neue Stufe des Ekklektizismus der spätbürgerlichen Philosophie“ erklommen in „einer erheiternden philosophischen Parodie auf den systemstabilisierendenluralismus“.
Das dicke diesjährige Werk von 648 Seiten im Gefolge seiner 2.000 Schriften, die ich hier wie seine Leistungen, Ämter und Ehrungen nicht aufzählen kann, trägt den Titel: „Das flexible Vielfachwesen. Einführung in moderne philosophische Anthropologie zwischen Bio-, Techno-und Kulturwissenschaften.“ Möglicherweise hat er bei diesem Titel sich selbst zum Modell genommen. Versuchen wir uns also ein wenig an den Meriten dieses flexiblen Vielfachwesens, ehe wir auf das Lob zu sprechen kommen, das sich mit dem Preis heutigen Tages, den er empfangen wird, um seine Schultern legt bzw. sein Haupt mit Lorbeer krönt. Wenn der DOSB einen Vielgeehrten mit einem Preise ehrt, dann ehrt er sich selbst mit diesem Vielgeehrten.
Da ist zunächst die sportliche Laufbahn von Hans Albert Lenk, dem Schüler von „Ruderprofessor“ Karl Adam: Deutscher Meister, Europameister, Olympiasieger, Weltmeister-Trainer, der auch danach die olympischen Ideen in nationalen und internationalen Sportverbänden sowie in einer Sportphilosophie, die ihn häufig auch nach Original-Olympia auf akademischen Pfaden führte, vertreten hat. Da ist der Mann des Vielfachstudiums Mathematik, Philosophie, Soziologie, Psychologie, Sportwissenschaft, Kybernetik mit einem Doktor und zwei Habilitationen. Das alles ist kein Dilletantismus, sondern amphibiale Sachkunde und Reflexionskunst auf vielen Gebieten, immer perspektivisch geordnet und umsichtig zusammengeführt. Ein Interview mit der Zeitschrift „Psychologie heute“ das gerade im Erscheinen ist, beweist dies aktuell.
Da ist der Mann der internationalen Gastaufenthalte, die er den Rufen an deutsche Universitä-ten, nachdem er in Karlsruhe Philosophieprofessor geworden war, vorzog. Der Mann der globalen Weite und des für viele verständlichen Wortes, der überall eingeladen und gehört wurde. Es ist nicht möglich, der Zahl seiner Gastprofessuren auf fast allen Kontinenten, seiner internationalen philosophischen und kulturellen Leitungsämter und Präsidentschaften, zuletzt auch das höchste akademische Welt-Philosophenamt (2005-2008), sowie seiner Ehrendoktorate von Köln über Argentinien, Ungarn, mehrfach in Russland, seiner darüber hinaus gehenden nationalen -zuletzt das Große Verdienstkreuz des Bundespräsidenten 2005 -und internationalen Ehrungen gerecht zu werden. Von Preisen höchst differenter, aber stets höchst ehrenvoller Art, überschüttet, von fünf zusätzlichen Ehrenprofessuren nicht erdrückt oder gebremst, hat er immer wieder aufs Neue angefangen, unerschöpft, zugleich unerschöpflich.
Ein Zwischenruf:
Die goldene Hochzeit mit seiner Frau Ulrike, geb. Reincke, ist nur noch zwei Jahre entfernt. Wie hat sie, wie haben ihre Kinder dieses Vielfachwesen und die mit ihm verbundenen aushausigen Zeiten erlebt? Da muss es doch einen Kern der Stabilität und der geistigen Sesshaftigkeit gegeben haben, wenn dies alles zu machen, zu ertragen und zu geniessen war.
Die philosophische Rehabilitierung der praktischen Klugheit
Hans Lenk veröffentlichte unermüdlich zur Erkenntnistheorie, zur Sprach-, Moral-und Sozial-philosophie sowie zu Technik-und Wissenschaftsphilosophie. Er wird weltweit übersetzt und gelesen. Immer wieder befördert er nachdenklich die konkrete Humanität, die Fähigkeiten des Menschen zur kreativen Eigenleistung, die mehrschichtige Verantwortung als Eigenverant-wortung, Mitverantwortung und Institutionen-Verantwortung. Es ist schwer, von Verantwortung im sozial-und moralphilosophischen Kontext-zu sprechen, ohne ihn zu zitieren. Er tritt an die Seite von Hans Jonas Zukunftsverantwortung, auch von Albert Schweitzers Lebensverantwortung. Er führt die Komplexität der modernen Lebenswelt, ohne sie zu reduzieren, auf die oft einsame Spur der moralischen Handlungsfähigkeit angesichts von systemischen Widerständen.
Was er sagt, ist klug. Das kann man nicht von jedem Philosophen sagen. Er hat die Balance, das Gleichgewicht einer Weisheit, die nicht die Distanz, sondern die schwierige Nähe zu Problemen sucht, um dort mit umsichtigen Vorzugsregeln statt mit moralischen Keulen zu helfen. Leitspruch: „In dubio pro humanitate concreta“ (Im Zweifel für die konkrete Humanität, Praxisnahes Philosophieren, 1999,194) Was heißt das genau? Eine seiner Formulierungen lautet: Jeder Mensch ist wichtig. Oder wie es in einer alten Laudatio in Form eines Schüttel-reimes heißt: „Des Selbstdenkers Lenk gedenk ich -und rat jedem: Denk gelenkig“ (zitiert in Psychologie heute 2010).
Er war der erste, der 1973 die Philosophie aus ihrer Isolation und Praxisferne herauszuholen suchte, ihr die ungewohnte und oft verschmähte Kooperation mit anderen Wissenschaften ansonn und die Moralphilosophie auf Albert Schweitzers Wort verpflichtete: „Abstraktion ist der Feind der Ethik“. Oder er beklagt, das Philosophen meist nur eine begrenzte Phantasie hätten. Oder er zitiert dazu Robert Pirsigs Werk „Lila“ (1992) über „Philosophologie“: „Philosophologen zäumen nicht nur gern ein Pferd vom Schwanz auf, sie vergessen häufig, dass außer dem Schwanz noch ein Pferd da ist“ (Praxisnahes Philosophieren, 1999, 41). Konkrete Philosophie heisst für Lenk aber nicht „boulevardisieren“ und damit telegenisieren.
Hans Lenk ist für mich ein Vorbild einer praktischen Philosophie, die ihre Verantwortung vor neuen Herausforderungen eines weltweiten Molochs, des Verbundsystems von Wissenschaft, Technik und Ökonomie, insbesondere der Ellenbogengesellschaft und des abstrakten, nicht auf Leistung, sondern auf (Finanz-)Spekulation beruhenden Erfolges, nicht scheut und sich ihnen nicht in die dünne Luft der Abstraktion entzieht, sondern mitten im Getümmel der Entsolidari-sierung ihre kritische Stimme erhebt. So ist dies auch im Bereich des Sportes.
Hans Lenk oder das Frühwarnsystem einer Sportethik
Der Stern des Ratzeburger Ruderers ist olympisch vergoldet und leuchtet nun im Gedächtnis an die römische Olympiade schon 50 Jahre. Der erfolgreiche Leistungssportler, der ebenso erfolgreiche Trainer, der sich dem Funktionärswesen im Sport nur kurz anschloss, ist nicht nur ein Weltstar der praktischen Philosophie geworden, sondern darüber hinaus eine moralische Institution, die man seit Jahrzehnten auch als „Frühwarnsystem“ angesichts der ansteigenden Verformung der von ihm vorgelebten und von ihm unnachsichtig behaupteten Sportideale wie konkrete Humanität, kreative Leistung und Fairness bezeichnen kann. Mindestens 20 Bücher hat er zum Sport und zur Sportethik geschrieben, auch darin von unübersehbarer Präsenz. Er ist „moderner Klassiker der Sportwissenschaft“ (so Courts-Meinberg, Klassiker der Sportwissenschaft, 2005).
Hans Lenk, der Philosoph des Vielfachwesens, der unermüdliche Perspektivist mit den Abwä-gungen aus praktischer Klugheit redet und schreibt seit Jahrzehnten über die bedenklichen Richtungen der Sportentwicklung. Er ist der Warner, der leider nur zu oft und zu leicht recht behält. Schon am 23.3.1995 stellt die FAZ heraus: „Verblüffend ist die Trefferquote seiner frühen Warnungen vor Irrwegen, die aber schließlich doch den sportlichen Kurs bestimmten.“ Oder die FR zum gleichen Tag, anlässlich seines 60. Geburtstages: „Der Querdenker machte sich in den Führungscrews des Sports nicht beliebt, weil er Wahrheiten aussprach, die wehtaten (und tun)“. Er schüttet aber dabei nicht das Kind mit dem Bade aus. Das muss ich voraus schicken, wenn ich einige seiner vernichtend klingenden Bemerkungen zustimmend zitiere.
So schrieb er 1988 in der Stuttgart Zeitung (10.3.1988): „Im Zeitalter der Telekratie ist Olympias Weiterleben garantiert. (aber) als effektiv kommerzialisierter Artistenzirkus mit weltweiter Allpräsenz und Höchstpreisen garantierendem Nachfrageboom“ Solche Sätze, die ich aus dem „Internationalen Sportarchiv“ 2005 zitiere, habe er auch im Vorfeld der Spiele von Seoul bis Atlanta geschrieben, „als abzusehen war, dass Geschäfte, Show und Doping das Image der Spiele bestimmen würden“. Hans Lenk spricht hinsichtlich Atlanta von einer „Teledopiokommerziade“ oder hinsichtlich Sydney von einer „Teledopiade“. Er fügt hinzu: „Nach außen erleben wir strahlende, perfektionierte und wirksam vermarktete Spiele. Nach innen herrscht aber geistige Baisse, erbarmungslose Konkurrenz, vor allem auch kommerzielle. Die olympische Idee harrt noch der angemessenen Neuformulierung. Humanistische olympische Werte scheinen chancenlos.“ (SZ, 16.17.9.2000). Oder zehn Jahre später zu Peking: „Diese Spiele haben …nur noch deutlicher gemacht, dass der Leistungssport, genauer der Hochleistungssport immer mehr in die Zwänge und Abhängigkeiten vielfältiger Manipulationen geraten ist - von politischer Macht, Markt und den Medien“ (Psych. Heute 2010).
Hans Lenk hat 2007 ein Buch über „Dopium fürs Volk“ geschrieben hat; er ist weit davon ent-fernt, Doping und andere Gefahren bloß als ein innersportliches Phänomen und als eine bloß innersportliche Angelegenheit zu betrachten. Doping steht im Kontext von allgemeiner Medikalisierung, Kommerzialisierung und Reduktion auf Werbewelten und Event-Welten durch entsprechende Mediatisierung. Hans Lenk dazu bissig: „wirb und werde!“
Und Hans Lenk fragt weiter: „Hat der Einzelathlet überhaupt eine Chance, sich als Person und Rollenträger dem Zugzwang und der Verführung der telekommerziellen Ansprüche zu entziehen?“ Oder er äußert in einem Interview von 1998 (DSB Presse 3.1.198): „Die öffentliche Überbewertung des Sieges um fast jeden Preis, also das System selbst verstärkt die Zwickmühle des Athleten. Zumal es eine weit verbreitete Einstellung in der Gesellschaft gibt, dass nahezu jedes Mittel zur Erfolgssteigerung recht sei.“ Hans Lenk versteht Systemkritik zugleich als Mentalitätskritik: Wir haben das System, das wir wollen und verdienen.
Ich fasse diese kritische Bilanz, ehe ich zu positiven Bemerkungen übergehe, zusammen: Wir sehen die Krisen im Sport, die mit allgemeinen Fehlorientierungen der globalen Strukturen und der individuellen Optionen im Bereich Leistung und Erfolg zu tun haben. Beide sind wie durch kommunizierende Röhren miteinander verbunden. Und bei beiden muss man ansetzen, wenn man etwas ändern will. Schon ist die Krise des gesunden Körpers nicht mehr bloß ein Problem des Spitzensportes sondern auch der leistungsbesessenen Freizeitsportler. Schon ist die Krise der Werte oder die Vorbildkrise eine Krise, die in allen Bereichen der Gesellschaft von sich reden macht. Wie der interviewte Sportler oder die interviewte Sportlerin oft nur noch als domestiziertes Sprachrohr oder als Sprechblase der Systemzwänge erscheinen kann, so reden die Funktionäre in Sport und Gesellschaft meist das angesichts von übergreifenden Zwängen Erwartbare.
Hans Lenk, der vom Sport ohnehin nicht lassen kann, so wenig wie der biblische Jakob von dem Engel, mit dem er kämpft und den er ohne dessen Segen nicht loslässt, sagt keineswegs, der Sport sei ein krankes Wesen, er zeigt vielmehr, dass er von einer allgemeinen Krankheit befallen ist. Das ist etwas anderes. Es gibt den scholastischen Spruch in der Moralphilosophie: „abusus non tollit usum“. Frei übersetzt: Der Missbrauch einer an sich guten Sache ist kein Grund, diese Sache zu unterlassen oder nicht weiter zu gestalten. Und Hans Lenks Kritik steht auf einem durchaus festen, positiven, ja konstruktiven Grund. Er sagt auch: „Obwohl die Lage sehr ernst geworden ist und fast hoffnungslos erscheint, sehe ich nicht ganz so schwarz.“ (Psychologie heute 2010) Er spricht weiterhin „von einer humanen Basis des Spitzensportes“. Schon früh hatte er sich auf dieser Basis für unangemeldete Dopingkontrollen eingesetzt, und er mahnt heute auf diesem Gebiet noch mehr Professionalität an, ohne sich der Illusion der völligen Beherrschbarkeit dieser Krankheit hinzugeben. Er ist ein Warner und kein Träumer.
Sein Hauptpunkt ist aber die Humanisierung des Leistungsbegriffes, die zum Gut Sport ursprünglich ebenso hinzugehört wie die schöpferische Erfassung und universale Ausbreitung des Fairness- Begriffes, der sich im Gewand der Gerechtigkeit als Tauglichkeitsmaßstab poltischer Institutionen auf die gesamte Sozialethik ausgedehnt hat. Leistungsbereitschaft und Leistungsfreude als gesamtmenschliche Phänomene gehören in ein Bündnis der schöpferischen Ausdrucksformen des Menschen, u.a. in ein Bündnis mit Kunst und Erziehung. Er sagte vor kurzem: „Eine Hauptaufgabe innerhalb einer neu zu entwickelnden ‚olympischen Philosophie‛ wäre erfüllt, wenn man eine philosophische und psychologisch fundierte Anthropologie des Leistungshandelns und der leistenden Persönlichkeit erstellen könnte.“ Hans Lenk trägt selbst dazu bei: mit seinem Plädoyer für das von ihm erstmals erstellte Konzept der Eigenhandlung, Eigenleistung, Eigenmotivierung und Eigenverantwortung am Beispiel des Sportes und mit dem Leitbild des „mündigen Athleten“, das er geprägt hat.
„Leben, Lieben, Leisten“ ist ein von ihm jüngst vorgeschlagener Wahlspruch. Er ergänzt ihn freilich um die Gelassenheit im Leisten, um die innere Distanz, um die menschengerechte Zielsetzung und um das diesem Ziel entsprechende Umfeld.
Ich habe eingangs seinen letzten Buchtitel, das „kreative Vielfachwesen“ auf ihn selbst angewandt. Das könnte man mit dem Buchtitel „Kreative Aufstiege“ (2000) ebenfalls tun. Der olympische Professor, dessen Ansehen in der Welt gefeiert wird und dessen Ansehen nun auf die Kreation eines neuformatigen Sportethikpreises des DOSB zurückstrahlt, er möge uns noch lange mit seiner Kritik und seiner konstruktiven Vorschlägen vorangehen.
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