Hans Lenk mit Ethikpreis des DOSB ausgezeichnet
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat in Berlin erstmals seinen Ethikpreis verliehen. Geehrt wurde der Ruder-Olympiasieger von 1960 und Professor der Philosophie, Hans Lenk. Zur Verleihungsveranstaltung, die im Vorfeld des Parlamentarischen Abends des DOSB im Maritim Hotel stattfand, kamen zahlreiche Vertreter aus Sport, Politik und Gesellschaft.
DOSB-Präsident Thomas Bach würdigte den Preisträger nicht nur als einst erfolgreichen Athleten, der es nach seinem Olympiasieg mit dem Deutschland-Achter auch als Professor für Philosophie und Soziologie zu national und international höchstem Ansehen gebracht. Er erinnerte auch an sehr persönliche und freundschaftliche Gespräche und Begegnungen mit Lenk. Beispielsweise im antiken Hain von Olympia, wo ihn der Philosoph nachhaltig mit seinem Plädoyer für einen menschenwürdigen und von ethischen Prinzipien getragenen Sport beeindruckt habe.
Die Vorsitzende des Kuratoriums zur Verleihung des Ethikpreises, Prof. Gudrun Doll-Tepper, zählte in ihrer Einführung ethische Prinzipien zu den „zentralen Grundlagen des Sports“.
Der Tübinger Theologe und Sozialethiker Prof. Dietmar Mieth, der ebenfalls Mitglied des Kuratoriums ist, hielt die Laudatio und nannte Lenk „eine moralische Institution, die als Frühwarnsystem auf viele moralische Verformungen des Sports hingewiesen und leider viel zu oft Recht behalten hat“ (siehe Dokumentation der Laudatio auf Seite).
Mit dem Ethikpreis, einem veredelten Mauerstück aus dem Brandenburger Tor mit der griechischen Inschrift Ethos, werden besondere Verdienste um die Förderung der ethischen Werte im Sport geehrt. Er wird in Kontinuität zur Ludwig-Wolker-Plakette des ehemaligen Deutschen Sportbundes verliehen.
Lenk warb in seiner Dankrede abermals für die Werte des Sports. Fairness sei dessen wahre kulturelle Tochter, „die ein positiv-utopisches Leitziel bleibt, wie die zehn Gebote, die man auch nicht abschaffen wird, weil sie oft übertreten werden“. Ideelle Beschwörungen, Appelle, Moral-predigten bei Verstößen gegen Anstand oder etwa Dopingregeln würden indes ebenso wenig helfen wie Marketing- und Werbeaktionen zugunsten der Fairplay-Idee oder sogenannte Ethikseminare. „Worte sind schön, doch Hühner legen Eier“, so zitierte Lenk ein afrikanisches Sprichwort. Soll heißen: „Man muss Kontrollen haben, man sollte über handhabbare Verfahren verfügen, damit die bloße Wirkung der Appelle nicht verpufft.“ Es bedürfe also verfahrens-geschützter Kontrollen, eventuell sogar institutioneller Absicherungen und Abänderungen.
Und doch stellte Lenk zugleich die Frage: „Kann weiterhin nur der jeweilige Einzelne – der Athlet, der Trainer, der Offizielle, der Journalist, der Vorsitzende – allein verantwortlich gemacht werden?“ Oder gebe es übergreifende institutionelle Verantwortlichkeiten der Verbände für systemhafte Zusammenhänge und institutionelle Handlungen, die weit über die Möglichkeiten des Einzelakteurs hinausgehen, ja, unter Umständen diesen in eine paradoxe Konfliktsituation zwingen? Das zeige, so Lenk, die Doppelmoral des öffentlich verurteilten, insgeheim geförderten Dopings oder auch des vom Publikum, sogar von der Presse geforderten, von Trainern insgeheim gelehrten, „aber nach außen scheinheilig abgelehnten sagenannten taktischen Fouls“. Hochleistungsathleten im Sport befänden sich in einer Zwickmühle, sagte Lenk, „notorisch in Zwangssituationen zwischen unterschiedlichen moralischen Fronten“. Könne man also dem Einzelakteur nach wie vor alle Verantwortlichkeit zuschieben, „wenn strukturelle Bedingungen ihn ins Dilemma gebracht haben?“
Gleichsam in Kurzform schlug Lenk in zehn Thesen eine Leitregel für die „informelle Fairness“ vor. Dabei warb er auch in Abwandlung der Goldenen Regel dafür, Spielregeln einzuhalten, die Schiedsgerichtsbarkeit des Sports auszubauen, die Überbetonung des Sieges herunterzuschrauben oder auch verantwortliche Betreuer, Trainer, Ärzte und Verbandsoffizielle zur Verantwortung zu ziehen. „Vorfahrt für Fairness.“
Lenk wurde am 23. März 1935 in Berlin geboren, verbrachte Kindheit und Jugend aber seit 1936 im schleswig-holsteinischen Ratzeburg. Dort war „Ruderprofessor“ Karl Adam sein Lehrer an der Lauenburgischen Gelehrtenschule und im Ratzeburger Ruderclub. Nach der Reifeprüfung 1955 studierte Lenk Mathematik, Sport, Philosophie, Soziologie und Psychologie und promovierte 1961 in Kiel „summa cum laude“ über das Thema „Die Wertsetzung und Wertverwirklichung der neuzeitlichen olympischen Bewegung“. Ein Jahr zuvor in Rom war ihm der Olympiasieg auf dem Albaner See im legendären Kiel-Ratzeburger Ruder-Achter gelungen.
Die Dissertation des damals 26Jährigen wurde vom Deutschen Sportbund 1962 mit der Carl-Diem-Plakette aus-gezeichnet. Die sozialwissenschaftlichen Probleme der Olympischen Spiele der Neuzeit waren bis dahin noch von niemandem in dieser Form aufgearbeitet worden.
Lenk machte als erster deutscher Olympiasieger über die spätere Berufung zum Universitäts-professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Karlsruhe hinaus weltweite wissenschaftliche Karriere, blieb dem Sport als kritischer Denker, Berater und Mahner aber immer eng verbunden. Lenk hat immer deutlich gemacht, wie viele Bezüge Sport und Philosophie zueinander haben. Seine Publikationsliste enthält rund 2.000 Titel. 150 Bücher sind von ihm erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden, 25 davon befassen sich mit Fragen des Sports. Daneben nahm Lenk zahlreiche Ehrenämter wahr und lehrte als Gastprofessor auch in den USA, Brasilien, Norwegen, Japan, Indien, Chile, Österreich und der Schweiz. Er gehört seit 1994 dem Institut International de Philosophie an und wurde 2005 in Mexiko als erster Deutscher zum Weltpräsidenten gewählt. Im Oktober 2005 zeichnete Bundes-präsident Horst Köhler ihn mit dem Großen Bundesverdienstkreuz aus.
In vielen Beiträgen und Interviews hat Hans Lenk immer wieder nach zeitgemäßen Formen der Olympischen Spiele gesucht, hat sich kritisch mit vielen Entartungen des modernen Hochleistungssports auseinandergesetzt. Lenk lebt mit seiner Frau Ulrike seit mehr als zwanzig Jahren im badischen Kurort Waldbronn. Der dreifache Vater ist nach wie vor seinen Olympia-Kameraden von 1960 verbunden: Das nächste Treffen ist im Juni 2010 bei der World-Cup-Regatta auf der Münchner Olympiastrecke von 1972.
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