Einmalig: Gerhard Wünsch erringt zum 60. Mal das DRV-Fahrtenabzeichen

von Anne Schneller
18.03.2011 - 12:36 Uhr

Gerhard Wünsch (Astoria Rudergemeinschaft in der Berliner Turnerschaft) hat im vergangenen Jahr Außergewöhnliches vollbracht: er hat zum 60. Mal die Bedingungen für das DRV-Fahrtenabzeichen erfüllt. Der 78-jährige ist der erste und einzige deutsche Wanderruderer, der das geschafft hat. „Das 60. Fahrtenabzeichen ist eine Sensation“, begeisterte sich Wanderruder-Chefstatistiker Dr. Wolfgang Krutzke, „und ein Highlight für den Fahrtenwettbewerb.“

Zu der „bewundernswerten persönlichen Leistung“ beglückwünschte DRV-Wanderrudervorstand Prof. Dr. Arnim Nethe den Rekordhalter. Ausgerechnet im Rekordjahr war es für den gar nicht gut gelaufen. Erst hatte das Wetter nicht mitgespielt, dann seine Gesundheit. Zu Beginn des Jahres blockierte ein dicker Eispanzer das heimische Ruderrevier und verhinderte einen frühen Start in die Saison, Mitte des Jahres musste der Kandidat krankheitshalber mehrere Wochen mit dem Rudern aussetzen. Sein Ziel – 600 Kilometer – behielt er gleichwohl fest im Blick und verfolgte es unbeirrt und ungerührt weiter. Am 13. Oktober wurde seine Beharrlichkeit belohnt: 600 Kilometer und das 60. Abzeichen waren geschafft.

Zum Rudern gekommen war Gerhard Wünsch durch seinen Vater. Der hatte den kleinen Sohn schon früh mit ins Bootshaus und mit aufs Wasser genommen. Als Dreikäsehoch trug Wünsch junior schon die Ruderkappe, später die Riemen. Als 15-jähriger begann er  den Sport aktiv auszuüben, seither ist er dabei. „Ich bin mit dem Rudern aufgewachsen“ erzählt er, „und nie wieder davon losgekommen.“ Es wettkampfmäßig zu betreiben habe ihn eigentlich nie gereizt, erinnert er sich. Er sei von Anfang an „lieber länger und dafür gemütlicher unterwegs“ gewesen. Dank dieser Vorliebe und gleichgesinnter Freunde konnte er sich bereits mit 18 Jahren zum allerersten Mal das Fahrtenabzeichen an die Brust heften lassen – auch vom Fahrtenwettbewerb ist er bis heute nicht wieder losgekommen.

„Fünf junge Ruderer aus Berlin zogen zum Weserbergland hin …“ beginnt eine Eintragung im Gästebuch des RV „Weser“ Hameln, datiert mit 17. Juli 1953, unterschrieben mit „Gerhard Wünsch“. Zum Weserbergland zog es den Unterzeichner später noch regelmäßig hin: von 1975 bis 1994 leitete er die traditionelle Osterwanderfahrt des LRV Berlin. Im LRV engagierte er sich darüber hinaus lange Jahre als Mitglied des Ausschusses Wanderrudern und seinem Verein, dem Berliner Ruderklub Astoria (heute: Astoria Rudergemeinschaft in der Berliner Turnerschaft), diente er vier Jahre als Vorsitzender.

In Wünschs privatem Wanderruderatlas sind Touren auf Flüssen, Seen und Kanälen in Österreich, Ungarn und Jugoslawien, der Schweiz und den Niederlanden, in Dänemark, Norwegen und Finnland verzeichnet. Besonders angetan hat es ihm die Donau: „Die war immer mein Fluss“. Seine erste Donau-Wanderfahrt führte ihn 1956 von Regensburg nach Wien, 1966 fuhr er - mitten im Kalten Krieg - im Rahmen der TID (Tour International Danubien) von Wien bis Belgrad und 1970, diesmal als Fahrtleiter, von Wien nach Budapest. Hinter den Eisernen Vorhang blickte er auch bei Spreewald-Touren mit Friedel Krüger und Kurt Hartwig, die er lange vor der Wende auf der TID kennengelernt hatte. Unter den durch die Wende hinzugewonnenen vielen neuen Ruderrevieren schätzt er besonders die märkischen und mecklenburgischen Gewässer. Dankbar sei er dafür, sie noch kennengelernt zu haben – „40 Jahre lang war für uns doch in Heiligensee Schluss.“

Noch nicht Schluss sein soll es mit dem Fahrtenwettbewerb. Den Erwerb des Fahrtenabzeichens habe er schließlich nie als „lästige Pflicht“ empfunden, sagt Wünsch. „Ich habe „einfach Jahr für Jahr das getan, was mir am meisten Spaß macht.“ Üblicherweise steigt er zwei- oder dreimal die Woche ins Boot, zu einfachen Ausfahrten, Tagestouren oder kleinen Fahrten ins Umland. Auch die eine oder andere große Fahrt macht er gerne noch mit, nur „Luma-Übernachtung – das möchte ich heute nicht mehr“ bekennt er. Und setzt hinzu: „Im Winter rudern, bei Null Grad - das liegt mir auch nicht mehr so.“