Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland
Dissertation (2010): Anne Hutmacher
Dr. Anne Hutmacher rudert für den Hamburger Alsterachter, der amtierende Ligachampion der RG Hansa Hamburg.
Obwohl es zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass Frauen und Männer in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichgestellt sind, suggeriert das „Jahr der Frauen im Sport“ 2010 unter dem Motto „Frauen Gewinnen!“, dass dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Auch im Deutschen Ruderverband, dem ältesten deutschen Sportfachverband, wird dieser lange Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung ersichtlich.
Der Rudersport galt lange als „gentleman“-Sport, der mit Attributen wie Kraft, Ausdauer, Stärke und Männlichkeit assoziiert wurde. Der Deutsche Ruderverband hemmte durch seine Einstellung und das Festhalten an tradierten Wertvorstellungen die Entwicklung des Frauenruderns erheblich. Medizinische und ästhetische Vorurteile sowie gesellschaftliche Vorbehalte erschwerten den Sportlerinnen den Zugang zu dieser Sportart erheblich. Dabei datieren die ersten Versuche von Frauen auf das Jahr 1884, als die Ruderinnen mit „Rock und Riemen“ in viel zu schweren Booten das Rudern aufnahmen. Anfänglich betrieben nur Frauen der Oberschicht den Sport: Rudern war ihnen Mittel zum Zweck, um sich sportlich in einem abgegrenzten, gesellschaftlichen Umfeld zu betätigen. Mit der immer größer werdenden Zahl an Ruderinnen wuchs allerdings auch das Bedürfnis nach geeigneten Vergleichsmöglichkeiten im Wettkampfbereich, so dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erste Regatten im Stil- und Rennrudern abgehalten wurden. Mit der Gründung des Deutschen Damen-Ruder-Verbandes wurde 1919 eine überregionale Dachorganisation geschaffen, die sich um die Belange der Ruderinnen kümmerte.
Neben der Darstellung der historischen Entwicklung des Frauenruderns wird des Weiteren eine Einordnung der Frage des Selbstverständnisses des deutschen Rudersports und die Partizipation von Frauen vor 1945 sowie die Rolle der Frau in Ost- und Westdeutschland in den politischen und sozialgeschichtlichen Kontext vorgenommen. Die staatliche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete für beide deutschen Verbände eine Forcierung des Leistungssports im Kampf der Systeme. Der Blick auf die Rolle der Frau im Rudersport verdeutlicht die unterschiedliche Frauenpolitik im Bereich des Sports und fasst die sportlichen Ergebnisse beider Verbände in einer vergleichenden Leistungsbilanz zusammen. Im Zuge der Wiedervereinigung lösten sich die ostdeutschen Vereine auf und traten nach Auflösung des Deutschen Ruder-Sport-Verbandes dem Deutschen Ruderverband bei.
Nach 160 Jahren Rudersport in Deutschland lagen und liegen Kontinuitäten und Brüche, Progression und Stagnation sowie Erfolg und Misserfolg häufig nah beieinander. Diese sporthistorische Untersuchung vermag den bisherigen Weg nachzeichnen, kann aber keine Prognose dafür geben, wann im Deutschen Ruderverband die Zeit für eine „Schlagfrau“ kommen wird.
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