Achter-Riese Lukas Müller: Mission „Gold-Triple“ erfolgreich erfüllt
„Siegesserie soll bis London nicht abreißen“/Für Körpergröße 2,08 im genug Platz im großen Boot/Schutzmechanismus an Land
Vom See her grüßt eine Insel mit einer kleinen Kirche. Am Ufer steht eine Burg, von der aus die Regattastrecke bestens einzusehen ist. Als Lukas Müller vor den Ruder-Weltmeisterschaften vom 28. August bis 4. September über die landschaftlichen Schönheiten des WM-Reviers im slowenischen Bled spricht, assoziiert dies Idylle und Romantik. Schon im nächsten Augenblick, da von Schweiß treibender WM-Vorbereitung mit 25 Wochenstunden in den Riemen die Rede ist, bleibt von der Urlaubsstimmung nichts mehr übrig. „Klar ist unser Ziel, mit dem Achter zum dritten Mal in Folge den WM-Titel zu gewinnen“, sagt der 24-Jährige, der vor Jahresfrist im Paradeboot des Deutschen Ruder-Verbandes (DRV) mit WM- und EM-Gold seine ersten großen Triumphe feierte. Nachdem am großen Finaltag das goldene Triple für den Achter und das zweite Gold für Lukas Müller nach beeindruckender Vorstellung perfekt waren, definierte der Youngster das sportliche Ziel umgehend neu: „Unsere Siegesserie soll bis zu den Olympischen Spielen in London nicht abreißen. Das wäre großartig.“
Nach dem WM-Triumph 2011 ist das DRV-Flaggschiff nunmehr in 30 Rennen ungeschlagen. Damit die sensationelle Serie auf dem See in Bled halten konnte, hatten Lukas Müller und seine Team-Kollegen unmittelbar vor den Titelkämpfen dreieinhalb Wochen lang in Ratzeburg schwer geschuftet. Zuvor beim Camp am „Achter-Stützpunkt“ in Dortmund wurde für die 2000-Meter-Strecke noch einmal Ausdauer gebolzt. In Ratzeburg standen zuletzt Schnelligkeit und Spurts über 500 Meter im Vordergrund und eine Trainingseinheit „volle Pulle“ über die Wettkampfdistanz mit Orientierung an der diesjährigen Weltbestzeit.
„Nach unserer Siegesserie waren wir natürlich auch bei den Weltmeisterschaften die Favoriten, doch die anderen Nationen schlafen nicht. Je näher die nächsten Olympischen Spiele kommen, desto mehr werden die reinhauen und uns abfangen wollen“, wusste Lukas Müller vor dem wichtigsten Finale des Jahres, in dem das deutsche Paradeboot die Rivalen aus Großbritannien und Kanada mit fast einer Länger auf Distanz zu halten vermochte.
Damit er sich weiterhin mit allen Kräften für sein Boot und gegen die Konkurrenz ins Zeug legen kann, hat er sich gern für das neue Stipendium „Elite Plus“ Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) entschieden. Das bedeutet für den Maschinenbau-Studenten im fünften Semester seit März dieses Jahres bis zu den Spielen in London monatlich verlässliche 1.500 Euro. „Das ist cool. Ansonsten bekommt man als Ruderer ja nicht viel“, kommentiert Lukas Müller die neuste Fördervariante. „So kann ich problemlos an sämtlichen Lehrgängen für die Olympia-Vorbereitung teilnehmen. Einige Kurse an der Uni werde ich mir in die Freiräume legen.“ Viele werden es nicht sein können, denn schon jetzt ist klar: Die Achter-Recken werden im Dezember und Januar dieses Jahres ihr vorolympisches Quartier in Sabaudia 90 Kilometer südlich von Rom aufschlagen und im Februar/März im spanischen Sevilla. Ausruhen ist nicht, auch bzw. erst nicht nach drei Mal WM-Gold in Folge, denn das wichtigste wird bei Olympia 2012 vergeben.
Selbstverständlich möchte Lukas Müller auch dann wieder Position sechs im Boot einnehmen wie jetzt beim Welt-Championat. Auf der Backbordseite hinter Schlagmann Kristof Wilke besteht seine Aufgabe darin, dessen Takt mit kräftigen Ruder-Schlägen an die Kollegen weiterzugeben. „Eine Stammplatzgarantie hat man nicht. In den Achter will jeder. Diese Plätze sind die begehrtesten“, berichtet der Hüne, der erst mit 17 zum Rudern kam und schon nach einem Jahr bei der RG Wetzlar deutscher Jugendmeister wurde. Nicht nur wegen seiner Länge rückte er schnell ins Blickfeld von Achter-Bundestrainer Ralf Holtmeyer.
„Zuvor hatte ich es mit Basketball versucht. Das war nichts für mich, das ging mir alles viel zu schnell. Ich kam mit den schnellen Bewegungen auf dem Feld überhaupt nicht zurecht“, blickt Lukas Müller zurück. Längst fühlt er sich auf dem Rollsitz wohl, der sich auf einer 87 Zentimeter kurzen Schiene bewegt. „Doch bis zum Stemmbrett ist zum Glück noch eine Menge mehr Platz, das reicht mir vollkommen.“ Die vorhandene Beinfreiheit müsse er nicht einmal komplett ausnutzen. „Ich brauche ja gar nicht voll bis zum Anschlag reinrollen, weil ich damit den Rhythmus im Boot stören würde.“
Hinderlich ist seine „Übergroße“ mitunter im Alltag an Land, bekennt der zurückhaltende, ruhige und bescheidene Athlet. „Am schwierigsten ist es beim Klamotten-Kauf.“ Um Beulen am Kopf zu vermeiden, hat sich Lukas Müller angewöhnt, etwas geduckt durchs Leben zu gehen. Der Schutzmechanismus funktioniert inzwischen perfekt. „Sogar dann, wenn ich durch Türen oder Tore gehe, die fünf Meter hoch sind.“
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