Ein „krankes Kind“, das nach Rekorden strebte - Wanderrudern in der DDR

Überreichung des Äquatorpreises an Günther Hartmann (links) durch Hans Lemberg (rechts), damals als Vorsitzender der Volkssportkommission des DRSV auch fürs Wanderrudern zuständig. Fotos: Archiv RG Grünau

Der erste Äquatorpreis, den Günther Hartmann (RG Grünau) erhielt. Das Kuriose daran: Es steht darauf der Zeitraum 1953 bis 1965 mit über 45.000 Kilometern. Tatsächlich hatte Hartmann aber schon 1964 mit 42.221 Kilometern den Erdball umrundet. So stand es jedenfalls damals im (DDR-)Rudersport. Da er den Preis aber erst Jahre später – wahrscheinlich 1969 beim 1. Verbandstreffen des DRSV in Brandenburg – bekommen hat, wurde offenbar das nächste Jahr 1965 gleich mit eingerechnet.
„Sagen Sie mal, wie groß sind Sie eigentlich?“ – Piesel hatte mich auf der Schultreppe gebremst und mir die Frage gestellt, die nun wirklich nichts mit seinem Fach zu tun hatte. Er war nämlich Geschichtslehrer. Zugleich verantwortete er aber auch das Treiben im Ruderbootshaus der Schule, das am Güstrower Inselsee lag und das wir – eine Clique von Neun- und Zehntklässlern – gerade als zweites Zuhause entdeckt hatten. Von Rudersportexperten auf höherer Ebene musste Piesel (der nur unter Schülern so hieß) wohl erfahren haben, wie groß seine Ruderlehrlinge sein müssten, um in dieser Sportart als perspektivreich zu gelten. Die Antwort auf die Frage nach meiner Länge dürfte ihn lediglich in der Gewissheit bestärkt haben, dass wir zu Medaillenhoffnungen nicht berechtigten. Wenn man so will, waren wir damit zum Wanderrudern gleichsam „verurteilt“ – was uns aber nicht etwa bekümmerte.
Im nächsten Sommer – es war Mitte der 60er Jahre - schleppten wir also drei Boote mittels Handwagen und Fahrrad zum nächstgelegenen Fluss namens Nebel, um in vier Tagen nach Rostock und zurück zu rudern. Unsere erste Wanderfahrt! Und das Verbandsorgan - „der deutsche rudersport“ - vermerkte, dass Ruderer der BSG Lokomotive Güstrow zu denen gehörten, die wieder oder erstmals am Fahrtenwettbewerb des DRSV teilgenommen hatten. Trotzdem blieb Güstrow, verglichen mit den Hochburgen an Spree und Elbe, wanderrudersportliche Provinz (und verkümmerte inzwischen zum weißen Fleck).
Der Fahrtenwettbewerb ging seinerzeit bereits ins 15. Jahr. Die Kommission Wanderrudern der damaligen Sektion Rudern, Ende 1950 unter dem Vorsitz des Dresdners Gotthard Melzer gebildet, hatte ihn erstmals für 1952 ausgeschrieben. Das Echo war zunächst mäßig: Ganze 152 Teilnehmer erfüllten die Bedingungen. Das sollte sich jedoch bald ändern. 1971, im 20. Jahr des Wettbewerbs, rechnete der „rasende Dessauer“ Hans-Joachim Schmidt, der akribische Verwalter aller Namen und Daten, die Rekordzahl von 1105 Teilnehmern aus. Bezogen auf die Bevölkerungszahl war das eine Größe, die denen im Westen Deutschlands nicht nachstand. Zwar waren die Anforderungen im Osten geringer, dafür war der Wettbewerbszeitraum kürzer: Gezählt wurden nur Fahrten zwischen 1. April (oder Karfreitag) und 31. Oktober. Am Ende der DDR war Hans Marcinkowski (RG Grünau), einer der Gründerväter des Fahrten- und späteren Wanderruderwettbewerbs, übrigens der einzige, der die Bedingungen – zuletzt als 81-Jähriger – alle 39 Male erfüllt hatte. Ab 1964 gab es zudem einen „Kleinen Fahrtenwettbewerb“ für weniger ambitionierte Ruderer, die nur 200 bis 300 Kilometer im Jahr schafften. Dieser Wettbewerb, den der Anklamer Gerhard Schulz verwaltete (und den mancher noch heute gerne wiederbeleben würde), brachte es in seinen besten Jahren ebenfalls auf rund 1000 Teilnehmer.
Wenn das Wanderrudern dennoch bisweilen als „krankes Kind“ des DRSV bezeichnet wurde, hatte das verschiedene Ursachen: Natürlich stand es im Schatten des Leistungssports, und dieser Schatten erschien angesichts der Erfolge der DDR-Rennruderer besonders lang. Immerhin fehlte es nicht an Appellen, „auch denen das Tor offen zu halten, die aus Lust am Rudersport sich auf dem Gebiet des Wanderruderns betätigen wollen“.
Der chronische Mangel an Material und Kapazitäten führte Mitte der 60er Jahre allerdings zur Einstellung der Produktion von Gig-Booten, erst spät begann die Fertigung von Kunststoff-Wanderbooten. Auch manche Bootshäuser, die nach dem Krieg mit großem Elan instandgesetzt worden waren, zeigten mit den Jahren erhebliche Verschleißerscheinungen. Andererseits sah sich der Generalsekretär des DRSV gelegentlich zu der Bemerkung veranlasst, dass „Bootshäuser keine Erholungsheime oder Ersatzklubhäuser für die Trägerbetriebe“ seien, die wiederum einen beträchtlichen Teil zur Finanzierung des Sports beizutragen hatten.
Vor allem aber war das Ruderrevier „begrenzt“, wenngleich Berliner, Brandenburger und Mecklenburger Gewässer, Spreewald, Elbe und Saale ein weites Feld fürs Wanderrudern boten. Eine der längsten Fahrten ausschließlich auf DDR-Gebiet unternahmen 1972 fünf Meißner und ein Radebeuler, die von Meißen auf Elbe, Havel, Elde und Störkanal zum Schweriner See ruderten und nach kurzem Landtransport in die Oberwarnow umsetzten, bevor sie nach rund 800 Kilometern Rostock erreichten.
Das Streben nach Grenzüberschreitung war dennoch unübersehbar. 1964 hatte die BSG Motor Dresden-Niedersedlitz die erste Auslandswanderfahrt auf dem tschechischen Abschnitt der Elbe unternommen. Von Tyn an der Moldau nach Dresden führten in den folgenden Jahren regelmäßig Verbandswanderfahrten, geleitet von Johannes Kaiser (Dresden), der Gotthard Melzer im Vorsitz der Wanderruderkommission abgelöst hatte. Wenig später erkundeten die Wanderruderer auch Polens Gewässer. Der Berliner Heinz Ulbricht und der Dresdner Manfred Wolff wurden zu „Polen-Spezialisten“, das berühmte Duo Frida Krüger und Kurt Hartwig organisierte ebenfalls etliche Polen-Touren. Und schließlich wurde Ungarn fürs Wanderrudern erschlossen. Zu Gemeinschaftsfahrten auf dem Donau-Abschnitt zwischen Bratislava und Budapest lud in den 70er Jahren der Berliner Wolfgang Förster (genannt Strese) ein, auch die Theiß wurde berudert. Dass es bei manchen Auslandsfahrten (und nicht nur dort) zu deutsch-deutschen Begegnungen außerhalb des offiziell vereinbarten Sportkalenders kam, wurde freilich nirgends veröffentlicht.
Als der DRSV 1969 und 1973 zu Verbandstreffen nach Brandenburg einlud, stellten Wanderruderer das Gros der Teilnehmer. Es gab Senioren- und Kinder- und Familienwanderfahrten, Tradition wurden Frühlingsfahrten in den Spreewald und Männer-Herbstachterfahrten mit wechselnden Zielen. Theo Kozerski rief die Sängertouren ins Leben. Nicht in jedem Fall bedeutete Wanderrudern allerdings die reine „Entspannung in freier Natur“. Mancher liebt es etwas sportlicher, da liegt das Streben nach Siegen und Rekorden nahe. Da wurde ein Marathon der Wanderruderer im B-Gig-Vierer über die klassischen 42-Kilometer-Distanz ausgetragen, und Rekordfahrten bleiben nicht aus - aus nahe liegenden Gründen meist auf der strömenden Elbe. 1987 ruderte eine Vierer-Besatzung der HSG TU Dresden binnen 24 Stunden von Schmilka bis Magdeburg, legte dabei 326 Kilometer zurück und übertraf damit einen Berliner Vierer, der 1983 auf 320 Kilometer gekommen war. Als Andreas Kretschmer die Strapazen der Fahrt im „Rudersport“ unter der Überschrift „25 Stunden im Boot“ anschaulich schilderte, erntete er von besorgten Funktionären nicht nur Anerkennung.
Spitzenwerte, wie sie heutzutage jährlich bekannt werden, erreichten die Wanderruderer der DDR dennoch nicht, obwohl die Kilometermeister verschiedener Altersklassen sogar offiziell geehrt wurden. Die mehr als 6000 Kilometer, die etwa Heinz Ulbricht, der Dresdner Manfred Gelpke oder der Fürstenwalder Robby Fehr in einzelnen Jahren ruderten, erschienen den meisten schon fantastisch. Ebenso wie die Leistung Günter Hartmanns, der zwischen 1953 und 1964 als erster einmal um den Erdball gerudert war. Dafür wurde ihm zwar im Verbandsorgan herzlich gratuliert, doch der Äquatorpreis war noch nicht gestiftet. Den erhielt Hartmann erst Jahre später aus den Händen Hans Lembergs, des dritten Vorsitzenden der Wanderruderkommission, zeitweilig auch Vizepräsident des DRSV. Dass aus diesem Preis, den bis 1990 insgesamt 26 Ruderer der DDR errungen hatten, eine gesamtdeutsche Erfolgsgeschichte werden sollte, ahnte damals noch niemand.