Janice Jakait möchte mit einem Ruderboot den Ozean überqueren
Frau Jakait, wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit einem Ruderboot den Ozean zu überqueren?
Seit mehr als 10 Jahren begleitet mich diese Idee. Im letzten Jahr, 2010, als ich mit den konkreten Pläne an die Öffentlichkeit trat, war es einfach nur der richtige Zeitpunkt sie zu verwirklichen. Es begann mit einem Artikel über eine Frau, die Ende der 90er Jahre ein vergleichbares Unterfangen mit schwersten Verletzungen abbrechen musste. „Verrückt!“, dachte ich damals, „Warum tut sich jemand so etwas an?“ Aber es kam noch verrückter - sie versuchte es noch einmal, gab eben nicht auf. Und sie schafft es! Diese Geschichte fesselte mich, lies mich nicht mehr los. Im Laufe der Jahre wuchs ich dann regelrecht in diese Idee hinein. Ich überwand vorsichtig erste Barrieren, setzte mich intensiv mit Ängsten und Befürchtungen auseinander. So gewann ich Tag um Tag, Jahr um Jahr die Fähigkeit, sehr nüchtern und sachlich zu planen. Ich versammelte ein Team von Spezialisten um mich, unterzog mich Leistungstests, sammelte weitere Erfahrungen im Grenzbereich und wusste am Ende genau, um die realen Anforderungen und die eigene Leistungsfähigkeit. Es blieb kein Raum mehr für Unsicherheiten – und das ist dann der Moment, wo man den Starttermin fixiert.
Was ist Ihre Motivation?
Natürlich möchte ich mich in diesem Projekt „Row for Silence“ selbst verwirklichen, mich selbst fordern. Ohne diesen Antrieb treiben die Ruderblätter nach spätestens 3 Tagen bewegungslos auf dem Ozean. Aber es soll auch eine Botschaft dahinter stehen, eine Botschaft, auch leise und mit jeder geruderten Seemeile etwas für unsere Umwelt tun zu können. Im Verlauf der komplexen Vorbereitung merkte ich auch, dass dieses Projekt viele meiner Internetplattform-Besucher faszinierte und nicht nur zum Träumen sondern auch zum Nachdenken anregte. Und das wiederum ist für mich der beste Ansporn. Andere mit dieser Botschaft zu erreichen und auch sie anspornen, dass sie ihre Träume auch für einen guten Zweck einsetzen – in tiefster Überzeugung auch gegen jeden schnellen Zweifel von außen.
Was möchten Sie mit diesem Projekt erreichen?
Das Projekt „Row for Silence“ transportiert die Kampagne „Silent Oceans“ von der Schweizer Umweltschutzorganisation OceanCare. Die Ziele, die ich zusammen mit OceanCare ansteuere sind natürlich nicht in Seemeilen oder Kilometern zu beziffern, sondern auf den dröhnenden Lärm in unseren Ozeanen einzusetzen. Laute Motorengeräusche und speziell Sonar setzen der Unterwasserwelt empfindlich zu – und dafür die Menschen zu sensibilisieren, das ist meine Motivation. Mit „Row for Silence“ möchte ich aufzeigen, wie dramatisch und erschreckend die Konsequenzen für die Welt unter Wasser aber auch für uns Menschen sind. Ich ringe mit jedem Ruderschlag um Aufmerksamkeit für diese Problematik... und für Aufmerksamkeit für die Menschen, die sich mit aller Kraft dafür einsetzen etwas daran zu ändern.
Wie bereiten Sie sich vor?
Die Vorbereitung ist natürlich sehr umfangreich und beinhaltet so naheliegende Elemente wie ein tägliches körperliches, aber auch mentales Training, die Ausstattung des Bootes und Training am Equipment. Auch ist die Verpflegung an Bord ein besonders kritisches Element, da ich bis zu 8000 kcal am Tag zuführen muss, was ein Körper – unter normalen Umständen – kaum verstoffwechseln kann – jetzt „verputze“ ich schon bis zu 4000 kcal am Tag. Ich lebe dieses Projekt im Moment rund um die Uhr, das heisst 24 Stunden des Tages sind (fast) komplett für meine Vorbereitungen eingeplant. Das Boot, was ich übrigens Bifröst getauft habe, ist mein neues zu Hause. Dazu gehört nicht nur, dass ich das Boot mit dem Equipment im Wasser teste, im Boot schlafe, bis mich der Sauerstoffmangel in der Kabine zum Aufwachen zwingt... – ich verbringe fast die gesamte Zeit mit dem, auf dem und manchmal unter dem Boot.
Was nehmen Sie mit?
Ich rudere über eine Tonne in die Karibik: Das meiste davon teilt sich auf Lebensmittel, Wasserballast und absolut essentielles Equipment, wie der Meerwasserentsalzer, die Solaranlage, Werkzeug und Ersatzteile, die Sturmanker, Tauwerk und Elektronik auf. Ich muss mich auf das wirklich Notwendigste reduzieren, ohne an der Sicherheit zu sparen. Das ist Herausforderung genug und lässt nicht viel Platz für persönlichen Luxus. Da ich nur in recht geringen Umfang Strom erzeugen kann, habe ich nur begrenzten Zugriff auf die Wunder der modernen Unterhaltungselektronik. Ich nehme zudem ein, zwei Bücher (ohne Einbände), ein paar Fotos und den notorische Glücksbringer mit. Denke aber, die vielen Kilogramm Schokolade unter Deck werden mich für alles andere – was ich vermissen werde – entschädigen.
Haben Sie keine Ängste?
Ich habe einen großen, gesunden Respekt vor der Aufgabe, der mir hilft, mit wachem Auge zu planen... und natürlich gehören, hier und da, auch Ängste dazu. Ich bin keine Maschine. Aber sie lähmen mich nicht und ich habe mich sehr intensiv damit auseinandergesetzt, viele Erfahrungen gesammelt und bin in den betreffenden Situationen sehr gut vorbereitet. Ich kenne niemanden, der allein in einem schweren Sturm, in haushohen Wellen keine Angst hatte – es bleibt letztlich nur die Frage wie professionell man damit umgehen kann, und ob man am Ende auch noch den Mut findet, diese Angst auch zuzugeben.
Was sind Ihre grössten Befürchtungen?
Die Anforderungen an das Equipment sind extrem. Alles ist ständig durchnässt von stark korrosivem Salz- oder Kondenswasser, dazu brütende Hitze und Kälte. Trotz größtmöglicher Redundanz und höchsten Installationsstandards, fürchte ich den Ausfall essentieller Geräte. Auch wo ich in diesen Fällen einsatzfähig bleibe, z.B. Trinkwasser manuell erzeugen kann, würde ich bedeutend davon beeinflusst, verliere Zeit und Kraft. Überhaupt stellen die Auswirkungen der ständigen Durchnässung, gepaart mit den mechanischen Belastungen bei täglichen 12 Stunden im Rudersitz und an den Rudern eine große Belastung für die Haut dar und damit auch für die Psyche. Schmerzen gehören dazu, sicher – ich sorge mich allerdings um den Grad der Verletzungen und intensiviere dementsprechend meine Anstrengungen um diese zu vermeiden. Und die Seekrankheit? In so einem kleinen Boot, bei der Aufregung, der histaminreichen Ernährung – in solch einem Umfeld? Natürlich ist auch das ein großes Thema. Wie bereits erwähnt versuche ich auch Stürme im Vorfeld eher zu vermeiden, als mich ihnen heldenhaft zu stellen. Was ganz nebenbei im Übrigen auch für größere Containerschiffe gilt. Nur vor Haien und Walen, wie oft vorgebracht, fürchte ich mich nicht wirklich, obwohl ich oft ins Wasser muss, weiß das sie da sind und dem Boot folgen.
Wie beschäftigen Sie sich den ganzen Tag?
12 bis 14 Stunden rudern. Dazwischen essen und in kurzen Intervallen schlafen. Ständig sind Maßnahmen zur Kollisionsverhütung zu treffen, Equipment muss repariert, Kleidung vom Salz gereinigt werden. Der Rumpf unter Wasser ist vom Bewuchs zu befreien. Ich muss Trinkwasser generieren. Und bei schwerem Seegang wettere ich am Sturmanker in der hinteren winzigen Kabine zwischen zwei Fangnetzen ab. Nicht zu vergessen: Nebenbei werde ich noch meinen Blog im Internet füllen.
Wie gehen Sie mit dem „Alleinsein“ um?
Der sensorischen Deprivation, also dem Reizentzug, ist, völlig allein, nicht ganz so einfach zu entgegnen. Musik, Hörbücher... dann erschöpfen sich schnell die Möglichkeiten im Rudersitz. Natürlich ist es toll dem Wellenspiel auf dem Ozean zuzusehen, aber nach spätestens drei Tagen fängt der Kopf dann an, sich selbst Geschichten zu erzählen. Segler kennen das: Halluzinationen sind bei dieser Belastung, in diesem Umfeld, in einem so winzigen Boot nahezu garantiert. Daher ist wichtig, dass ich mental darauf vorbereitet bin und die Werkzeuge in der Hand halte damit umzugehen, dass ich auch weiß was es heißt „wirklich allein zu sein“. Gespräche über das Satellitentelefon sind mir nur selten möglich, aber stellen dann natürlich ein Highlight dar.
Auf was freuen Sie sich am meisten?
Ganz ehrlich? Die langwierige Vorbereitung, die sich jetzt nochmal enorm intensiviert hat, wird, so kurz vor dem ersten Ziel – Portugal – irgendwann zermürbend. So schnell die Tage und Wochen im Moment auch vergehen, ich sehne mich eigentlich nur noch an die Kaimauer in Portugal, von der ich mich in den weiten Ozean abstoße. Alles andere empfinde ich im Moment nur noch als einen Bonus.
