Making of: Das Klimmzugduell bei „Klein gegen Gross“

Am 21. Januar 2012 kam es am Samstagabend zur Hauptsendezeit in der ARD zu einem großen Fernsehduell mit Rudererbeteiligung. Die 13-jährige Isabell forderte die Ruderer des Leichtgewichts-Doppelvierers im Rahmen der Sendung „Klein gegen Groß“ mit Kai Pflaume im Klimmzugziehen heraus – und zwar nur mit zwei Fingern pro Hand! Wie es dazu kam und wie es ausging, wird im folgenden Erlebnisbericht von Trainer Ralf Kockel beschrieben.

Die Ergebnisse der Langstrecke Dortmund waren gerade analysiert und zu den Akten gelegt als Ende November ein Anruf von Oliver Palme kam: Die Mannschaft des Leichtgewichts-Doppelvierers, die Vize-Weltmeister von Bled, soll an einer Fernsehshow mit Kai Pflaume teilnehmen. Es geht um Klimmzüge. Ob ich Lust hätte das zu koordinieren und zu organisieren? Wer sagt da nein...

Zuerst mussten die Personalien geklärt werden. Ingo Voigt, Stefan Wallat und Michael Wieler hatten bereits zugesagt – nur Jonas Schützeberg hat die Disziplin gewechselt und war zum Zeitpunkt der Produktion mit den Leichtgewichts-Riemern im Trainingslager in Sabaudia. Da musste ein Ersatzmann her, der mit Christoph Schregel – ebenfalls Vize-Weltmeister im LM4x (2006) – schnell gefunden war.

Danach mussten mit der Produktionsfirma die Spielregeln werden. Wie sollen die Klimmzüge gemacht werden. Vorne/hinten, Rist-/Kammgriff, wie weit wird gefasst? Und dann gab es bei dem vorgesehenen Duell auch noch ein Handicap – die Klimmzüge durften nämlich nur mit zwei Fingern pro Hand durchgeführt werden. Nachdem ich hier gesundheitlich Bedenken äußerte, wurde ich von der Redakteurin Kathrin Speck-Born an den Kölner Professor für Biomechanik Gert-Peter Brüggemann verwiesen. Mit ihm konnte ich klären, wie das Training in den nächsten sechs Wochen aufgebaut werden musste, denn neben der Schulter- und Armkraft musste noch die Fingermuskulatur aufgekräftigt werden.

Von nun an hieß die wöchentliche Frage, wer gerade wie viele Klimmzüge mit wie viel Fingern schafft. Christoph, der sich auch auf den Klimmzugwettbewerb in Osnabrück vorbereitete, war von Anfang an Favorit; aber auch die anderen hatten beträchtliche Leistungssteigerungen.

Neben den sportlichen Vorbereitungen ging es dann natürlich auch um einen möglichst guten medialen Auftritt: Bild- und Videomaterial musste für den Vorstellungsfilm der Mannschaft zusammengesucht werden. Für eine Produktion mit der gesamten Mannschaft war keine Zeit mehr. Es wurde das „öffentlich-rechtliche“ Material von der Weltmeisterschaft benutzt, meine Trainingsaufnahmen von der WM-Vorbereitung und dann entstanden noch in Nordrhein-Westfalen neue Krafttrainingsaufnahmen mit Christoph und Stefan.

Kai Pflaume wurde noch mit einem Dossier mit den wichtigsten Fakten das Rudern im Allgemeinen und die Ruderer im Speziellen versorgt. Welche „Kostüme“ tragen die Ruderer? Treten die barfuß auf? Können die ihr Boot mitbringen? Fast wöchentlich kam eine neue Herausforderung.

Schließlich wurden noch die Verträge fixiert und unglaublich viele Rechte an die Produktionsfirma abgetreten – bis es dann endlich zur Aufzeichnung der Sendung nach Berlin ging.
Nach 6 Wochen Vorbereitungszeit kam am  14. Januar der große Tag. Wir wurden aus Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Zürich eingeflogen und mit einem perfekt organisierten Shuttle-Service zum Studio Adlershof gefahren. Dort stellten wir fest, dass nicht nur die Logistik perfekt funktionierte. Unvorstellbar viele Menschen arbeiten an einer solchen Fernsehproduktion und nichts wird dem Zufall überlassen. Wir hatten eine eigene Betreuerin, die sich um alle Fragen kümmerte. (Für Ruderer ja immer besonders wichtig: Wann gibt es wann, was und wie viel zu Essen? – Es gab alles und immer...).
Am Samstag fand die Generalprobe statt. Die Prominenten „Couch-Gäste“ – Henri Maske, Maria Furtwängler und Thomas Gottschalk – wurden durch Komparsen ersetzt. Die Ruderer konnten den Auftritt mit einem Doppelvierer in einem relativ engen Studio üben. Beim ersten Test der Klimmzüge stellte sich heraus, dass die Reckstangen wackelten. Da musste nachgebessert werden. Das Licht wurde angepasst. Außerdem wurden die Positionen geklärt – „Hier müsst ihr rechts von Kai stehen“ – „Und dann über die linke Treppe ab“. Außerdem mussten wir feststellen, dass der Titel der Sendung „Klein gegen Groß“ für unser Duell nicht ganz zutreffend war. Denn Isabell, die 13-jährige Gegnerin, ist mit 170cm nicht sehr viel kleiner als die Leichtgewichts-Mannschaft.
Dann ging es mit dem Shuttle zurück in die Stadt. Die Produktionsfirma hat uns in einem luxuriösen Hotel am Ku’damm untergebracht. Riesige Zimmer – aber ein bescheidener Fitnessraum, wie sich am nächsten Morgen zeigte. Kreislauf hochgefahren, Muskeln aufgepumpt – auf ins Studio zur Aufzeichnung der Sendung. Die Fans, das Publikum standen schon Schlange. Ankunft der Promis. Maske. Ein letzter Kostümcheck (damit auch wirklich keine verbotene Werbung sichtbar wird). Der Verlauf der Sendung wird über das Studio-TV in der Garderobe beobachtet. Die Nervosität steigt; die Frequenz der Toilettengänge auch. Bis unsere Betreuerin endlich den Auftritt ankündigt. Die Mikrofone werden noch verkabelt. Dann läuft der Vorstellungsfilm. Auftritt. Talk. Und dann Action.
Zunächst zog Isabell ihre Klimmzüge. Die ersten 17 ganz flüssig und dann kamen noch mit unglaublicher Willenskraft vier hinterher. Wahnsinn! Die meisten Mädchen schaffen gerade mal einen richtigen Klimmzug und diese 13-jährige legt 21 vor. Dann die Ruderer – Michel hörte nach 13 Klimmzügen auf, Stefan und Ingo schafften 17 und Christoph zog weiter. 18, 19, 20, 22 – ich jubelte schon hinter den Kulissen, doch die letzten zwei kamen fast gleichzeitig. Der Zählfehler wurde zur Regie gefunkt, aber kurz darauf brachte auch Thomas Gottschalk auf dem Sofa diese Unregelmäßigkeit zur Sprache. Nachdem durch die Zeitlupe das exakte Ergebnis von 21 Klimmzügen bewiesen wurde, kam es offiziell zum Gleichstand und damit zum Sieg für unsere Ruderer – Isabell hat ja behauptet, sie würde mehr schaffen.
Alle haben an diesem Abend ihren persönlichen Rekord im Zwei-Finger-Klimmzug aufgestellt. Nach der Sendung drang noch eine Horde von Fotografen ins Studio und ein Blitzlichtgewitter regnete über die Beteiligten herab. Die Agenturen wollen schließlich bedient sein. Uns blieb noch eine After-Show-Party, ein bisschen Sightseeing in Berlin am nächsten Morgen und die Rückreise. Und eine tolle Erfahrung zwischen Scheinwerfern, Promis, Kameras, Produzenten, Statisten. Ein tiefer Blick in die große Welt der Show.