Talententwicklung und D-Kaderbetreuung in Hamburg-Allermöhe

  • Abb. 1. Messboot-Standardprogramm; dargestellt sind die einzelnen Schlagfrequenzstufen und Etappen

    Abb. 1. Messboot-Standardprogramm; dargestellt sind die einzelnen Schlagfrequenzstufen und Etappen

Im Rahmen eines Projekts zur Talententwicklung und D-Kaderbetreuung, das bereits seit 2008 erfolgreich in Kooperation zwischen dem Referat Leistungssportentwicklung/Landesausschuss Leistungssport (LA-L) des Hamburger Sportbund e.V. (HSB) und der Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Universität Hamburg durchgeführt wird, konnten auch in diesem Jahr wieder gezielte Betreuungsmaßnahmen zur systematischen Talententwicklung im Rudern in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Alster-Club/Norddeutschen Ruderer-Bund und gemeinsam mit dem Landestrainer Bernd Nennhaus durchgeführt werden.

Die Zielstellung des Projekts betrifft die wissenschaftliche Unterstützung der Dachverbände bei der Talententwicklung und D-Kaderbetreuung auf Basis der Rahmentrainingspläne sowie die langfristige Dokumentation der Leistungsentwicklung der Athletinnen und Athleten.

Diagnostik der Ruderleistung und Rudertechnik

Zur komplexen Diagnostik der Ruderleistung und -technik wurde das Mobile Mess- und Trainingssystem 2010 des Instituts FES und der Universität Hamburg im Rennboot verwendet, dessen Vorgängersysteme bereits seit mehreren Jahren im Deutschen Ruderverband (DRV) bei Kaderathleten zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften eingesetzt werden. Auf Grundlage der erfassten Daten entstanden klare Vorstellungen zur zweckmäßigen Rudertechnik und deren Ansteuerung im Wassertraining sowie der mechanisch- und biologisch-energetisch zweckmäßigen Renngestaltung. Das Messsystem erfasst die Kräfte am Innenhebel und Stemmbrett getrennt für das linke und rechte Bein, die Ruder- und Rollsitzbewegung sowie die Bootsgeschwindigkeit und –beschleunigung und liefert die Messgrößen für den einzelnen Athlet/in. Zusätzlich kam das neue Mess- und Analysesystem Accrow der Universität Hamburg und BeSB GmbH Berlin zum Einsatz, über das in der September Ausgabe berichtet wurde. Durch die vollständige Bereitstellung der äußeren Belastungsmerkmale sowie deren Relation zueinander sollte der Einsatz von Accrow die Analyse des durchgeführten Messboot-Standardprogramms unterstützen. Auch Accrow hat sich bereits zur Analyse der Rudertechnik im Training von Kaderathleten des DRV und während der Vorläufe für die Junioren-Weltmeisterschaften 2009 und 2010 bewährt. Außerdem wurde ein neues Messsystem zur Erfassung von Rollen, Gieren und Stampfen erstmals erprobt.

Betreuungsmaßnahmen

Während der ersten Woche der Schul-Herbstferien wurden dafür im Wassersport- und Landesleistungszentrum Hamburg-Allermöhe insgesamt 25 Messfahrten in Skull- und Riemenbooten der teilnehmenden Vereine vom Messteam der Universität Hamburg Jonas Donner und Markus Last wissenschaftlich betreut und getestet. Insgesamt nahmen 33 C-/D-Kaderathleten des DRV (davon 4 Mädchen und 29 Jungen) aus 9 Vereinen aus dem Großraum Hamburg teil. Durchgeführt wurde das Messboot-Standardprogramm, das nach ca. 2 km Einfahren folgendermaßen aussah:
Zunächst wurden verschiedene Schlagfrequenzstufen (24, 28, 30, 32/36 Schläge pro Minute) mit jeweils 5 Anschubschlägen für die Dauer von 10 Ruderschlägen gerudert. Daran schlossen sich eine Grundlagendauerausdaueretappe von 3 Minuten mit einer mittleren Schlagfrequenz von 20 Schlägen pro Minute sowie, je nach Leistungsstand der Athlet/innen, eine Strecke von 500m oder 1000m an, die mit Rennfrequenz gerudert werden sollte. Die Abbildung 1 veranschaulicht das Messboot-Standardprogramm anhand des mit Accrow aufgezeichneten Bootsgeschwindigkeits-Zeitverlaufs.

Die Auswertung und Besprechung der individuellen Mess- und Testergebnisse mit den einzelnen Athlet/innen und deren Trainern wurde durch Herrn Prof. Klaus Mattes und Dr. Nina Schaffert in den Räumen der Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft angeboten und die Daten auf Wunsch in elektronischer Form als Excel-Tabellen und Videos zur Verfügung gestellt. Den Schwerpunkt bilden die individuellen Stärken und Schwächen der Athlet/in in der Ruderleistung und –technik und deren Analyse im gemeinsamen Gespräch. Insbesondere die Analyse und Bewertung von Änderungen der Bewegungsausführung sowie die Festlegung der weiteren Trainingsschwerpunkte für die Athlet/in und die Bootsbesatzung sind wesentliche Inhalte der Nachbesprechung.

Erfahrungen und Fazit

Die Ausrichtung der im Rahmen dieses Projekts angebotenen Messbootfahrten, richteten sich insbesondere an die Mitglieder des Landeskader, die normalerweise bei den Messfahrten nicht berücksichtigt werden. Das eingesetzte Mess- und Testsystem hat sich grundsätzlich bei der Talentsichtung und –förderung bewährt und konnte in den beiden vorangegangenen Projektjahren bereits wertvolle Erfahrungen über den Stand der Ruderleistung und verschiedener rudertechnischer Merkmale bei Nachwuchsathlet/innen erbringen, die zum Teil eine Veränderung im Trainingsprozess nach sich zogen. Die Rückmeldungen der Athlet/innen und Trainer auf die Messbootfahrten waren wieder durchweg positiv und die Durchführung der Messfahrten wurde als hilfreich für das Training bewertet. In der Zukunft sollen regelmäßige Testungen angeboten und vom Messteam der Universität Hamburg durchgeführt werden. Daraus sollen Empfehlungen zum Techniktraining der Bootsbesatzung sowie zur biomechanisch zweckmäßigen Renngestaltung formuliert werden, die den Athlet/innen und Trainern zur Verfügung gestellt werden. Ein weiterer Aspekt betrifft die Dokumentation der Leistungsentwicklungen über einen längeren Zeitraum.
Wünschenswert ist eine noch breitere Teilnahme an den Messfahrten durch die einzelnen Vereine.
Ausblick

In Zukunft sollen die günstigen Standortbedingungen des Regattageländes Hamburg Allermöhe intensiver für die biomechanische Diagnostik und Trainingssteuerung im Rennboot, aber auch für die Ergometrie und das Krafttraining an Land genutzt werden. Der Standort eignet sich in besonderer Weise dafür, weil mit dem erweiterten Regattagelände hervorragende räumliche Voraussetzungen gegeben sind, die Universität Hamburg das wissenschaftliche Knowhow bereit stellen kann und nicht zu letzt Athleten und Trainer vor Ort sind, die  Neuentwicklungen gegenüber aufgeschlossen sind.

Mehr Informationen und Publikationen sowie Informationen zur verwendeten Literatur in diesem Artikel können unter folgendem Link abgerufen werden: http://epb.uni-hamburg.de/de/node/2177

Autoren und Literatur

  • Dr. Nina Schaffert, wiss. Mitarbeiterin Universität Hamburg, Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft
  • Jonas Donner, studentischer Mitarbeiter
  • Markus Last, studentischer Mitarbeiter
  • Prof. Dr. Klaus Mattes, Leiter der Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Universität Hamburg

Artikel erschienen in Rudersport 1, 2011.