Rudern in der Strömung
Strömung

- Mit dem Strom aufs andere Ufer
Strömung kann beim Rudern nützlich sein, aber auch gefährlich. Der Steuermann muss Strömung einerseits richtig ausnützen können, andererseits die Gefahren kennen und ihnen auszuweichen wissen. Einiges vom hier Beschriebenen gilt ebenso auf stehendem Wasser. Den Bereich der stärksten Strömung in einem Fluss nennt man Stromstrich. Er liegt auf geraden Strecken etwa in der Mitte, sonst fast immer in den Außenkurven.
Bei der Bergfahrt (stromauf) hält man sich außerhalb des Stromstrichs am Ufer und soweit möglich in der Innenkurve, wo man aber mit Untiefen (Sand- und Steinablagerungen in der schwächsten Strömung) rechnen muss. Bei der Begegnung mit der Berufsschiff fahrt ist der Bereich der Innenkurve ebenfalls sicherer.
Beim Uferwechsel hilft die Strömung: Wenn man den Bug nur etwas in Richtung Flussmitte richtet, versetzt die Strömung das schräg gerichtete geruderte Boot zum anderen Ufer. Das gestrichelte Boot zeigt die vom Steuermann gezielte Richtung. Wenn man Glück hat, geht es auch ohne Nachsteuern weiter: Am anderen Ufer kommt der Bug dann ins ruhigere Wasser, und der stärkere Stromdruck auf das Heck bringt das Boot dort womöglich genau parallel zum Ufer.
Talfahrt im Stromstrich

- Stromstrich - nützlich und gefährlich
Bei der Talfahrt (stromab) fährt man am schnellsten im Stromstrich. Auf den meisten Flüssen ist dort aber auch die Schiff fahrt stromauf und stromab unterwegs. Da ein Ruderboot der Schiff fahrt ausweichen muss, verlässt der Steuermann den Stromstrich, sobald Schiffe vorn oder hinten auftauchen, und steuert die nächste Innenkurve an. Siehe dazu auch im Abschnitt: „Der Schiff fahrt ausweichen“.
Wenden

- stromauf Wenden

- stromab Wenden
Besonders in langen Booten (Vierern, Achtern) nutzt der Steuermann die Strömung bei jeder Wende aus. Fährt er am Ufer entlang stromauf und will umkehren, so richtet er mit Steuern und einseitigem Stoppen den Bug in die Strömung, bleibt mit dem Heck aber im ruhigen Wasser. Manchmal kann man so ohne Wende-Kommando wenden.
Auch hier ist der Vorrang der Schiff fahrt gemäß den Regeln der BinSchStrO zu beachten.
Will der Steuermann aus der Talfahrt wenden, um beispielsweise einen Steg anzusteuern, richtet er umgekehrt den Bug aus der Hauptströmung heraus – aber nicht zu nahe ans Ufer, wobei das Heck im Stromstrich bleibt. Der stärkere Strömungsdruck auf das Heck unterstützt die Mannschaft bei der Wende. Insbesondere ein langes Boot wie den Achter gegen diese Regel mit falsch verteiltem Strömungsdruck zu wenden, ist eine Schinderei für die Mannschaft und außerdem eine ganz gar unnötige Beanspruchung des Bootsmaterials. Auch hier gilt es die Vorfahrtregeln der BinSchStrO zu beachten.
Treiben
Wenn das Boot treibt, muss der Steuermann noch mehr aufpassen als im geruderten Boot. Er muss dafür sorgen, dass ein Ruderer auf Anruf sofort ruderbereit ist (am besten im Bug – und je einer mit Back- und Steuerbordriemen). Fahrwassermarkierungstonnen sind stets im Auge zu behalten – bei signifikanten Annäherungen ist das Treiben zu beenden.
Treibt das Boot mit dem Stromstrich entlang der Außenkurve, achtet der Steuermann darauf, dass der Bug nicht aufs Ufer zeigt. Nur wenn der Bug ein wenig in Richtung Innenkurve gerichtet ist, kann man sofort anfahren, wenn das Boot zu nah ans Ufer gerät, wenn plötzlich Schifffahrt oder wenn ein Hindernis auftaucht.
Seitenströmung
Das Boot darf nicht treiben, wo Seitenströmung zu erwarten ist: bei der Mündung eines Nebenflusses, am Auslauf von Wasserkraftwerken und unterhalb von Schleusen, wenn das Boot vom Schleusen-Unterhafen oder vom Schleusen-Kanal in das vom Wehr kommende strömende Gewässer gelangt. An all diesen Stellen muss man rechtzeitig Fahrt aufnehmen, damit das Boot gesteuert werden kann. Der Steuermann muss bedenken, wie das Boot gedreht wird, wenn der Bug in die neue Strömung gerät, das Heck aber noch im alten Fahrwasser ist.
Engen
Zusammentretende Ufer, Bauwerke im Fluss, festgemachte Geräte wie Bagger, Aalfänger bilden Flussengen. Oberhalb trifft man auf Stau mit verlangsamter Strömung, durch die Enge fließt das Wasser schneller oder es schießt hindurch. Den plötzlichen Übergang von ruhigem zu reißendem Wasser sieht ein sitzender Steuermann oft erst im allerletzten Moment. Wichtig ist auch, was unter „Sog: Unterdruck in Engstellen“ in diesem Buch ausgeführt ist.
Niemals in der Enge treiben
Stromab darf man niemals durch eine Enge treiben. Es muß immer gerudert werden. Nur dann kann der Steuermann steuern. Er hält dabei das Boot in der Mitte der Enge.
Ist die Durchfahrt so schmal, dass Skulls und Riemen langgenommen werden müssen, lässt der Steuermann vorher soviel Fahrt aufnehmen, daß er in der Enge so lange steuern kann, bis die Ruder wieder eingesetzt werden können.
Quer treiben

- Zweimal unter der Brücke hindurch
Quer treiben vor und in einer Engstelle ist äußerst gefährlich. Ein Boot, das irgendwo anstößt, wird von der Strömung herumgerissen,´und das führt zu einem schweren Unfall. Deshalb wendet man auch niemals in der Strömung oberhalb von Brückenpfeilern oder festgemachten Geräten, die den Fluß einengen.
Auch wenn bei Talfahrt ein Steg oberhalb einer Brücke angefahren werden soll, rudert man zunächst unter der Brücke durch, wendet unterhalb und unterfährt dann stromauf die Brücke noch einmal bis zum Steg. Besonders zu beachten sind an diesen Stellen die Kennzeichnung des Fahrwassers.
Eine Mannschaft, deren Boot quer treibt und dabei gegen etwas Festes im Wasser gedrückt wird, befindet sich also in höchster Gefahr. Etwas Festes sind nicht nur Brückenpfeiler, Steindämme, Felsen, Pontonbrücken oder festgemachte Schiffe. Auch eine Fähre ist ein recht fester Gegenstand, der sich aber quer zur Strömung bewegt.
Fähren, Aalreusen und Aalhamen
Ein Boot, das gegen eine Fähre oder in Aalhamen stößt, dabei von der Strömung herumgeworfen wird, querliegend mit überaus starkem Strömungsdruck auf die Bootsseite unter die Fähre oder immer weiter in die Aalhamen gedrückt wird, ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Für die Mannschaft ist das lebensgefährlich.
Nur hinter der Fähre her
Der Steuermann beobachtet die vom blau-weißen Schild am Ufer angekündigte Fähre, die an Seil oder Kette hängt, aber auch eine mit ähnlichen Schild angekündigte freifahrende Fähre genau. Er versucht niemals, vor einer Fähre noch vorherzufahren, wenn sie abgelegt hat oder sich anschickt abzulegen. Gegebenenfalls lässt er frühzeitig halten – bei Talfahrt notfalls auch wenden und stromauf rudern. Unter allen Umständen fährt er erst hinter der Fähre her weiter.
Am Seil hängende Fähren haben gar keine Möglichkeit, ihre Fahrt zu stoppen oder einem Boot auszuweichen, das sich in Gefahr befindet.
Gefährliche kleine Stangen im Wasser Aalfänger sind im Fluß festgemachte Schiffe, die meist beiderseits an weit ausgelegten Balken über dem Wasser Netze in die Strömung gehängt haben (Vorbeifahrt siehe bei den „Verkehrszeichen“). Aalreusen sind Körbe, Aalhamen Netze, die an Stäben angebracht im Wasser schwimmen. Die ins Flußbett getriebenen Stäbe ragen meist: nur wenig, manchmal nur einige Zentimeter aus dem Wasser, heben sich für den Steuermann kaum von der Wasserfläche ab. Man trifft sie heute nur noch selten auf Wasserstraßen, wo sie mit gelben Döppern (Warnung vor Unterwasserhindernis) bezeichnet sein sollen.
Mit Lotsen durch Stangenfelder
Man findet sie häufiger auf ganz kleinen Gewässern – und dort nur an den Stäben erkennbar. Wenn ein Steuermann auf einem schmalen Flußlauf durch solche Stangenfelder hindurch steuern muss, lässt er fast ohne Kraft rudern. Notfalls kann der Bugmann die Ruder hereinnehmen, sich umgedreht vorn als Ausguck ins Boot setzen und den Steuermann bei langsamster Fahrt einweisen.
Neerstrom

- Neerströme entstehen an Querbauwerken
Unterhalb von allem, was einen Fluß einengt – vor allem jede Art von Querbauwerk, bildet sich Neerstrom. Aus der Hauptströmung fließt ein Teil Wasser seitlich ab, erst in einem Halbkreis und dann stromauf. Dieses Stromauffließen nennt man Neerstrom.
In der Zeichnung sieht man Neerstrom links und rechts unterhalb des Wehr-Teils, der geöffnet ist und durch den der Strom fließt. Neerstrom kann wie die Strömung gefährlich sein, beim Bergwärts-Rudern kann man in aber auch nutzen.
Buhnen
Neerstrom gibt es immer auf der Wasserfläche zwischen Buhnen (Kribben). Man kann beobachten, wie Treibholz zwischen zwei Buhnen sehr lange Zeit immer wieder Kreise zieht, bis es schließlich von der Hauptströmung wieder erfasst wird und stromab davon treibt. Befinden sich Buhnen nur knapp unter der Wasseroberfläche, so sind sie an Wasserwirbeln zu erkennen.

- Buhnen - Gegen Neerstrom anlegen
Gegen Neerstrom anlegen
Vor einem Steg, der an einem Fluß zwischen zwei längeren Buhnen am Ufer liegt, fließt das Wasser stromauf. Hier muss man gegen diesen Neerstromanlegen – also nicht den Bug gegen die Hauptströmung gerichtet.
Strömung bedenken
Der Steuermann, der auf die Wasserfläche zwischen zwei Buhnen einfahren oder von dieser Wasserfläche auf den Strom hinausfahren will, muss rechtzeitig an die verschiedenen Strömungen, gegebenenfalls auch an zusätzlichen Winddruck denken, wenn er das Boot frei von den Buhnenköpfen manövrieren will. Zeitweise ist der Bug nicht mehr oder schon in der Hauptströmung, und dabei dreht das Boot im Extremfall bis zur Wende und schlägt womöglich gegen den Buhnenkopf Unterstrom.
Ein-/Ausfahrt aus Hafenbecken oder Fluß-Altarmen
Hafenbecken oder Fluß-Altarme sind in der Regel Gewässer ohne Strömung. Fahren wir von diesen Gewässern in einen strömenden Fluß, so kann das Boot auch hier im Extremfall bis zur Wende drehen, wenn nicht rechtzeitig entsprechend gegengesteuert wird. Es ist auch zu empfehlen diesen Bereich zügig zu durchfahren. Weiterhin sind hier die Vorfahrtsregeln der BinSchStrO zu beachten.
Buhnen nicht überfahren
Überspülte Hindernisse in der Strömung - beispielsweise große Steine -, die für den Tiefgang von Ruderbooten gefährlich sind, erkennt man meist an einer leichten Welle im Wasser. Buhnen darf man nicht überfahren.
Stromab hält der Steuermann deutlichen Sicherheitsabstand von den Buhnen. Bei der Bergfahrt kommt das Boot schneller voran, wenn es in den Neerstrombereich hineingesteuert wird. Das lohnt sich aber nur bei langen Abständen zwischen den Buhnen weil man beim Steuern um die Buhnenköpfe herum sehr viel Fahrt verliert.
Tide
Es strömt auf vielen norddeutschen Gewässern, die ohne Schleuse Verbindung mit der Nordsee haben, auch zeitweise stromauf. Wer dort rudert, braucht außer einem Tiden-Kalender unbedingt eine Einweisung für diese Gewässer. Hier gibt es eine Vielzahl von Gefahren, die den Bootsobmännern und Steuerleuten von Binnengewässern völlig unbekannt sind. Weiterhin gilt hier zu beachten, wenn diese Gewässer von Seeschiffen befahren werden können, dass dann die Seeschiff fahrtsstraßen-Ordnung nebst den Kollisionsverhütungsregeln gelten.
