Bootsgassen
Bootsgassen sind schmale Betonkanäle. Neben Staustufen führen sie mit starkem Gefälle vom Oberwasser zum Unterwasser. Wenn Wasser hindurchschießt, kann man in bestimmten Sportbooten mit der Strömung hinunterfahren oder in der Strömung diese Sportboote hinunter- oder hinauftreideln.
Nacheinander entstanden drei Typen:
Kanugasse
Die Kanugasse ist 1,30 m breit und hat hohe Seitenwände für unterschiedliche Wasserstände. Sie ist damit für Ruderboote völlig ungeeignet. Kanugassen wurden beispielsweise in Hameln am Weser-Wehr und bei der Mosel-Kanalisierung gebaut.
Rudergasse
Die Rudergasse ist ebenfalls 1,30 m breit. Die Seitenwangen sind abgeflacht. Bei stets gleichem Wasserstand „schweben“ die Ausleger eines Ruderbootes über diesen Seitenwangen, wenn das Boot durch die Gasse schießt oder getreidelt wird. Es sind nur zwei dieser Rudergassen sozusagen als Versuchsobiekte an Weserstaustufen gebaut worden (Befahren und Gefahren siehe unten).
Universalgasse
Die Universalgasse ist 2,30 m breit. Sie kann von Booten bis 2,10 m Breite bei verschiedenen Oberwasserständen, aber nicht bei Hochwasser befahren werden. Ruderboote passen mit langgenommenen Rudern hinein. Universalgassen entstanden unter anderem an der Donau und an der Ruhr.

- Schnitt Durch die Bootsgasse
Die Technik
Bootsgassen haben ein Gefälle von etwa einem Meter auf je zwanzig bis zehn Meter Strecke. Boote erreichen darin Geschwindigkeiten von 15 bis 18 Kilometer pro Stunde.
Die Boote sollen in das schießende Wasser glatt hineinfahren und glatt herausfahren. Der Wechsel von der Waagerechten zum Gefälle und besonders beim Auslauf vom Gefälle zur Waagerechten darf nur mit einem ganz schwachen Sprung ausgestattet sein, weil die Boote sonst oben in die Schräge hineinkippen und unten beim harten Übergang von abwärts zu eben am Heck aufschlagen würden.
Boote sollen weder beim Einund Auslaufen noch in der Gasse an irgendeiner Stelle die Sohle oder die Seitenwand berühren.
Über die ganze Länge der Gasse verteilt sind am Boden sogenannte Schikanen angebracht: Stahllamellen grätförmig in berechneten Abständen und Neigungen auf der Sohle befestigt. Der in die Gasse schießende Wasserstrahl wird damit gezwungen, zwei schraubenförmige Wasserwalzen zu bilden - siehe Primärstrom (P) und Sekundärstrom (S) in der Zeichnung. Die beiden Wasserwalzen sind so stark, dass sie an der Oberfläche eine Art Wassermulde entstehen lassen und dort ein Boot ständig so zur Mitte drücken, dass es selbst bei leichtem Ziehen am Steuer nicht gegen eine Seitenwand schlagen würde. Sollte ein Steuermann aber versuchen, bis zu welchem Steuerdruck das gut geht, würde er nur Bootstrümmer heimbringen.
„Offene“ Gassen sind ständig durchströmt „Geschlossene“ Gassen sind mit einem Schütz abgeschottet und haben Ampel und Bedienungsknopf. Auf Knopfdruck kippt das Schütz weg und das Wasser schießt in die Gasse. Wenn sie ausreichend durchströmt ist, springt die Ampel auf Grün und ein Boot kann zügig einfahren.
Ruderboote in Universalgassen
Die an den Gassen angebrachten Bedienungsanleitungen sind genau zu befolgen.
Ebenso sind die Regeln für das betreffende Gewässer zu befolgen, bei welchem Wasserstand die Benutzung nicht mehr zulässig ist. Wenn bei Hochwasser aber der Auslauf der Gasse mit dem unteren Anleger nicht mehr aus dem Wasser herausguckt, ist es wie erwiesen lebensgefährlich, eine Bootsgasse zu befahren.
Universalgassen werden mit langgenommenen Rudern befahren, wobei die Griffe beiderseits festgehalten werden. 78 Zentimeter breite C-Boote sind aber so kipplig, dass man sie in der Gasse auch abwärts treideln sollte.
Die Rudergassen an der Weser
Bei zwei Staustufen der Mittelweser zwischen Minden und Bremen sind weitgehend als Versuchsbauten die ersten für Ruderboote geeigneten Bootsgassen nachträglich eingebaut worden. Die erste in Landesbergen hat noch einige „Haken“, die man beim Bau der zweiten in Petershagen zu ändern suchte. Beide Gassen sind 1,30 m breit. Die Ausleger ragen beiderseits über die Gassenoberkanten hinaus. Bis etwa 1970 sind die Gassen ohne nennenswerte Probleme benutzt worden.
Da man Skulls/Riemen ins Boot legen musste, wurden lediglich gute Balance-Leistungen im oft unruhigen Unterwasser verlangt, bis wieder ein Ruder eingelegt war und das Blatt das Boot abstützen konnte.
Später gab es viele schlechte Erfahrungen, beispielsweise wurden immer wieder Steuer abgerissen, und so werden beide Gassen nun nur noch zum Treideln benutzt. Dazu Skulls, Riemen, auf jeden Fall auch das Steuer ins Boot legen, Boot an der Leine zum Unterwasser führen und dort festhalten, bis die Gasse nicht mehr durchströmt wird, erst dann einsteigen. Oben einen Posten hinstellen, der sicherstellt, dass nicht andere Wassersportler oder Kinder die Verschlussöffnung erneut einschalten.
Treideln in der Bootsgasse
Bergwärts lässt sich eine Bootsgasse nur als Treidelstrecke benutzen. Siehe dazu „Treideln“. Eine Leine von etwa zehn Meter Länge ist dazu aber ausreichend. Damit kann man das Boot Mitte Gasse gegen die Strömung führen, wobei die Wasserwalzen das meiste beim In-der-Mittehalten tun.
Will man mit dem Bug voran talwärts treideln, befestigt man die Treidelleine am Heck und am Schlagplatz und geht damit das Boot haltend wesentlich langsamer als die Strömung auf dem Uferweg bergab. Auch dabei sorgen die Wasserwalzen dafür, dass das Boot in der Mitte der Gasse bleibt.
Der Schöpfer der Bootsgassen
Kanuten und Ruderer verdanken die Bootsgassen Günther Buzengeiger. Der wasserbauende Diplom-Ingenieur war bei der Wasser- und Schiff fahrtsdirektion Hannover tätig, erstrebte Naturerhaltung und wandte sich deshalb gegen unnötige Begradigungen von Wasserläufen. Als Kanute suchte er nach einfachen Möglichkeiten, Staustufen zu überwinden. Er entwarf und baute eine erste Kanugasse in Hameln an der Weser und wurde damit bei den deutschen Wasserbauern bekannt. Beim Moselausbau sorgte er für Kanugassen neben den Bootsschleusen. Er konstruierte und baute auch die beiden ersten Rudergassen neben den Weserstaustufen Landesbergen und Petershagen, die 1961 und 1963 in Betrieb genommen wurden. Alle späteren Bootsgassen gehen auf seine Konstruktionspläne zurück.

