Rettungswesten und Rudern?
Rudern ist eine Sportart mit sehr geringem Verletzungsrisiko und praktisch keinen typischen Sportverletzungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Rudern ganz ohne Risiko für den Sportler betrieben werden kann. Wind, Wellen, Strömung, Treibgut, Untiefen oder Schwell von Schiffsverkehr, aber auch falsches Verhalten, mangelhafte Aufmerksamkeit und ungenügende Vorsicht, führen immer wieder zu Kenterungen. Fast jede Kenterung birgt Gefahren für den Ruderer in sich, die sich bei niedrigen Wassertemperaturen noch verschärfen können, so gibt es leider auch Todesfälle. In diesem Zusammenhang wird dann das Tragen von Rettungswesten diskutiert sowie die Fragen, die sich daraus ergeben. Hier soll nun auf die häufigsten Fragen eine Antwort gegeben werden, allerdings mit der Beschränkung auf das Wesentlichste. Wollte man alle Fragen erschöpfend beantworten, würde es den Rahmen dieser mehr allgemeinen Information sprengen. Eine Klarstellung vorab, wenn hier von Rudern gesprochen wird, dann ist das „richtige“, sportliche Rudern im Training, in der Freizeit oder auf der Wanderfahrt gemeint und über Rettungswesten, die dabei ständig getragen werden können. Um es deutlicher zu machen, es geht um Rettungswesten, die angelegt und benutzt werden können, bevor eine kritische Situation entstanden ist. Nicht besprochen wird eine Situation, um sich beim Rudern in einer Gefahrenoder Notfallsituation zu retten, bei dem Einschränkungen und Behinderungen im Bewegungsablauf in Kauf genommen werden können.
Häufige Fragen
Gibt es Rettungswesten, mit denen man rudern kann?
Ja, es gibt Rettungswesten, mit denen man ohne Einschränkung rudern kann. Es sind Rettungswesten mit Schwimmblasen, die klein zusammengefaltet unter einer Hülle verstaut sind und die im Notfall aufgeblasen werden. In dieser Art gibt es zwar viele Rettungswesten, allerdings zum Rudern eignen sich nur ganz wenige. Die Geeigneten sind möglichst flach gepackt und vorn sehr kurz, für große Ruderer, mindestens 1,85 m groß, ist das Angebot etwas besser. Es gibt Rettungswesten, die speziell für Ruderer und andere aktive Wasserportarten entwickelt wurden, z. B. die Weste Typ 15 SR von Secumar, Rettungsweste Secumar 15SR.
Was ist der Unterschied zwischen einer Schwimmweste und einer Rettungsweste?
Etwas locker geantwortet, Schwimmwesten hat der Schwimmmeister zum Schwimmen lernen und Rettungswesten sind Rettungsgeräte. Rettungswesten haben einen Auftrieb, der mindestens einer Wasserverdrängung von ca. 10 Litern entspricht, die den Träger auf den Rücken drehen können und seinen Kopf über Wasser halten. Rettungswesten haben vorgeschriebene Farben, Tageslichtleuchtfarben, und sind mit Reflektoren und einer Signalpfeife ausgestattet. Rettungswesten sind zum Schwimmunterricht ungeeignet und Schwimmwesten sind keine Rettungsgeräte.
Wie funktioniert so eine Rettungsweste?
Im Notfall wird die Schwimmblase mit Hilfe einer Druckgaspatrone aufgeblasen, entweder durch manuelle oder automatische Auslösung. Zur manuellen Auslösung zieht man an einem markierten Band und drückt dabei über einen Hebel einen Bolzen durch den Verschluss der Patrone, die dann die Schwimmblase aufbläst. Der Vorgang dauert ca. 15 Sekunden. Bei automatischer Auslösung löst sich im Wasser eine Tablette auf, die den vorgespannten Bolzen freigibt, der den Patronenverschluss durchstößt. Automatic-Westen können aber auch manuell ausgelöst werden. Darüber hinaus sind alle Westen mit einem Aufblasschlauch ausgerüstet, so dass sie auch mit dem Mund aufgeblasen werden können.
Ist die Rettungsweste danach weiter nutzbar?
Ja, sie muss auch nicht zurück zum Lieferer oder Hersteller. Mit Hilfe eines Nachrüstsatzes kann jeder die Rettungsweste jederzeit wieder einsatzbereit machen. Wichtig ist, den richtigen Nachrüstsatz, die richtige Patronengröße, zu verwenden. Unbedingt die Hinweise in der Bedienungsanleitung beachten.
Brauche ich eine Rettungsweste mit manueller oder automatischer Auslösung?
Das kommt darauf an. Rettungswesten mit Handauslösung sind sicher, aber Automatik-Westen sind noch sicherer. Alle Personen mit einem Handicap, z. B. Zuckerkranke oder Epileptiker, mit Einschränkungen in der Beweglichkeit, oder solche, die in Gefahrensituationen leicht Angst bekommen, aber auch z. B. einzelne Einer-Fahrer bei niedrigen Wassertemperaturen auf abgelegenen Gewässern, sollten Automatik-Westen tragen.
Bläst sich eine Automatik-Weste auf, wenn sie außen nass wird?
Nein, nicht von Regen oder Spritzwasser und solange sie nicht sehr nass wird, wie z. B. beim Wildwasserfahren. Man darf nasse Automatic-Westen allerdings nicht in Taschen oder enge Schrankfächer packen. Der Raum unter dem Rollsitz ist auch nicht der richtige Aufbewahrungsort. Sie müssen frei hängend getrocknet werden.
Müssen Rettungswesten zum TÜV?
Nein, die Datumsplakette an der Weste gibt Auskunft, bis wann die Gewährleistung des Herstellers noch Gültigkeit hat. Nach Ablauf der Gültigkeit kann die Gewährleistung nach Überprüfung durch den Hersteller oder eine autorisierte Werkstatt gegen Erstattung der Prüfkosten innerhalb der ersten 10 Jahre um zwei weitere Jahre verlängert werden. Mit 10 Jahren ist die konstruktive Lebensdauer eigentlich erreicht. Deswegen kann die Gewährleistung nach 10 Jahren nur um ein weiteres Jahr verlängert werden. Nach insgesamt 15 Jahren sollten Rettungswesten endgültig ausgemustert werden. Nur regelmäßige Wartung sichert die einwandfreie Funktionstüchtigkeit.
Müssen Rettungswesten nach Norm hergestellt sein?
Alle in Deutschland in den Handel gebrachten Rettungswesten müssen nach Norm hergestellt sein. Für den Käufer hat dies den entscheidenden Vorteil, dass die Rettungsweste nach festgelegten Kriterien von einem zugelassenen Produzenten in kontrollierter Fertigung hergestellt und vor Auslieferung zu 100 % geprüft wurde.
Wie groß muss eine Rettungsweste sein?
Bei aufblasbaren Rettungswesten ist der Anwendungsbereich sehr groß. Z. B. reicht die Spanne der Rettungsweste 15 SR von einem Köpergewicht von 45 kg bis 120 kg und einem Brustumfang von ca. 85 cm bis ca. 120 cm
Welche Klasse sollte eine Rettungsweste beim Rudern haben?
Beim Rudern sind Rettungswesten der Auftriebsklassen 100 N (Euro-Norm EN 395) und 150 N (Euro-Norm EN 396) richtig. Rettungswesten der Auftriebsklassen 275 N (Euro-Norm EN 399, (Hochsee)) sind so groß, dass man damit nicht rudern kann.
Ein Boot hat Auftriebskörper, sind dann noch Rettungswesten notwendig?
Auftriebskörper im Boot geben zusätzliche Sicherheit, aber der Auftriebskörper der Rettungsweste „am Mann“ ist in jedem Fall sicherer. Der Ruderer könnte z. B. durch Strömung vom Boot getrennt werden oder einen Schock erlitten haben, dann nützt das tragende Boot wenig. Und ganz entscheidend: Wer sich um den eigenen Auftrieb nicht kümmern muss, handelt ruhiger und gezielter, kann hilfloseren Kameraden besser helfen!
Was nützt eine Rettungsweste bei sehr niedrigen Wassertemperaturen?
In sehr kaltem Wasser sind die Überlebenszeiten kurz. Anders als Feststoffrettungswesten geben aufblasbare Rettungswesten keinen zusätzlichen Wärmeschutz. Aber mit Rettungsweste sind Schwimmbewegungen für den Auftrieb nicht erforderlich. Durch weniger Bewegung wird deswegen in der Kleidung befindliches körperwarmes Wasser nicht so schnell herausgespült, was sich günstig auswirkt. Schon nach kurzer Zeit fällt der Körper durch Unterkühlung in eine Kältestarre, man wird bewegungsunfähig. Und dann wird eine Rettungsweste lebensrettend. Mit entscheidend kann ebenfalls sein, dass die psychosomatische Schockwirkung deutlich reduziert wird, man fühlt sich mit Weste sicherer mit positiver Auswirkung auf die Körperfunktionen. Eine Rettungsweste ist bei kaltem Wasser mit Sicherheit das beste persönliche Rettungsgerät.
Ist das Tragen von Rettungswesten vorgeschrieben?
In Deutschland sind Rettungswesten im Freizeitwassersport nicht vorgeschrieben. Soweit bekannt schreibt die Berufsgenossenschaft (Unfallverhütungsvorschriften) bei allen Beschäftigten eines Vereins, die ein Entgelt erhalten, wie z. B. bei Trainern und Ausbildern, das Tragen von Rettungswesten vor, ansonsten wird der Versicherungsschutz riskiert. Dies gilt auch bei Schiedsrichtern auf Regatten. In einigen Vereinen sind durch die Satzung für bestimmte Gewässer und Situationen Rettungswesten vorgeschrieben.
Sind Feststoff-Rettungswesten nicht einfacher und viel billiger?
Ja, sie sind einfacher und billiger, nur rudern kann man damit nicht.
Muss der Umgang mit Rettungswesten geübt werden?
Dazu wird dringend geraten, damit man nicht erst im Gefahrenfall die Funktion erfährt. Aufmerksam die Bedienungsanleitung durchlesen und nebenbei die Hülle öffnen und alle Elemente der Weste identifizieren und kennen lernen. Ggf. die Weste mit einem Blasebalg (nicht mit dem Mund wegen eindringendem Speichel) über den Aufblasschlauch prall aufblasen, es ist nicht erforderlich zum Üben eine Patrone zu „opfern“. Die Weste anlegen. So sieht man auch gleich, dass man mit einer aufgeblasenen Rettungsweste kaum vorwärts schwimmen kann, der Auftrieb ist vorn viel zu groß, sondern am Besten auf dem Rücken liegend rückwärts. Man kann nur empfehlen, auch das Schwimmen mit Rettungsweste zu üben. - Danach über das Rückschlagventil am Aufblasschlauch die Luft wieder ablassen und ganz herausdrücken. Dabei lernt man gleichzeitig, wie die Weste wieder zusammengelegt wird. Es ist wie bei einem Ruderboot, man kann erst dann richtig damit umgehen, wenn man es geübt hat.
Worauf muss ich beim Anlegen einer Rettungsweste achten?
Das erste ist eine Sichtprüfung, ob die Rettungsweste einsatzbereit ist. Dazu öffnet man die äußere Hülle dort wo die Patrone sitzt, erkennbar an dem Auslöseband. Bei den meisten Westen sind auf dem Gehäuse der Auslösung große Zahlen oder Buchstaben eingeprägt. Daneben müssen an allen Zahlen oder Buchstaben grüne Kunststoffteile oder in Sichtfenstern grüne Felder zu sehen sein. Im Zweifelsfall die eingenähte oder aufgedruckte Bedienungsanleitung beachten. Sind an einer Stelle keine grünen Kunststoffteile oder keine grünen Felder vorhanden oder es sind evtl. rote Felder sichtbar, ist die Rettungsweste nicht einsatzbereit. In diesem Fall die Patrone, ggf. auch die Tablette, erneuern. Dabei genau gemäß der Bedienungsanleitung vorgehen. - Beim Anlegen darauf achten, dass der Verschluss eingerastet ist.
Ganz wichtig ist, dass dann der Brustgurt fest zugezogen wird. Er soll so eng wie möglich anliegen, er soll das Atmen gerade eben nicht behindern. Der Brustgurt sitzt richtig, wenn die Fingerspitzen noch zwischen Gurt und Brustkorb passen. Der Grund hierfür ist, dass man im Falle einer Bergung meist an der Rettungsweste gegriffen wird. Wenn der Brustgurt dann zu lose ist, besteht die Gefahr, dass der Körper aus der Rettungsweste herausrutscht.
Gibt es für die Ausbildung günstige Alternativen?
Bei der Ausbildung, besonders im Schiff, kommt es häufiger zu Kenterungen. Da wird es schnell teuer, wenn jedes Mal neue Patronen gebraucht werden. Hier sind Schwimmhilfen nach EN 393 eine mögliche Alternative. Schwimmhilfen sind Feststoffwesten der Auftriebsklasse 50 N. Sie sind zur „Verwendung in geschützten Gewässern bestimmt, wo Hilfe in der Nähe ist und der Benutzer Schwimmer ist, unter Bedingungen, in denen auftragendere oder größere Auftriebsmittel den Benutzer behindern oder gar gefährden würden“, so die Norm. Es sind zwar keine Rettungswesten, aber sie bieten einen hinreichenden Erste Hilfe Schutz, denn mit dem Ausbilder ist ja Hilfe in der Nähe, zumal Ausbildung fast immer auf ruhigen, sicheren Gewässern stattfindet. Ist das nicht der Fall, dann bleiben allerdings nur Rettungswesten als sichere Lösung.
Peter Thöl

- Jugendlicher mit Rettungsweste: Körperhöhe 1,60 m, Gewicht 46 kg

- Jugendlicher mit Schwimmhilfe: Körperhöhe 1,60 m, Gewicht 46 kg

