Baumaterialien für Ruderboote und Zubehör

Bei den Baumaterialien für Ruderboote und Zubehör hat sich in den letzten Jahrzehnten ein starker Wandel vollzogen. Das Holz wurde zunehmend von Kunststoffen abgelöst. Bei den Rennbooten spielt Holz schon keine Rolle mehr. Gigs werden noch in Holz gebaut, wobei fast nur noch Sperrholzschalen angefertigt werden. Lediglich für den Innenausbau verwendet man noch Massivholz. Die Kunststoffe – besonders in der Sandwich-Bauweise – bekommen auch hier eine immer größere Bedeutung.
Skulls und Riemen stellen die Fachbetriebe ebenfalls nur noch in Kunststoff her. Durch die Verwendung der Kohlenstofffaser konnten hier Gewichte erreicht werden, die in der Holzbauweise nicht möglich waren. Gleichzeitig erreichte man eine enorme Steifigkeit, bzw. es ließen sich auch gewünschte Steifigkeiten, etwa für Touren- oder Kinder-Skulls, genau einstellen.

Holz ist der ursprünglichste Baustoff im Schiffs- und Bootsbau, er hat allerdings seine Vorrangstellung inzwischen eingebüßt. Als organischer Stoff sind seine Eigenschaften vom Standort und den klimatischen Verhältnissen des Baumes, aus dem er gewonnen wird, abhängig. Die Beschaffung verlangte vom Bootsbauer große Erfahrung und Kenntnisse, um die richtigen Hölzer in gleichbleibender Qualität zu bekommen. Wichtig in diesem Zusammenhang war, dass der Baum unter härtesten klimatischen Bedingungen herangewachsen war. Die Jahresringe liegen dann eng beieinander und geben dem Holz eine große Festigkeit. So spielten im Bootsbau die kanadische Sitka-Fichte (Spruce) oder die Tabasco-Zeder (Cedrela odorata) aus Mexiko eine wichtige Rolle. Später kamen zunehmend andere Hölzer(z.B. Gaboon) aus Afrika und Asien hinzu. Sie haben alle ein spezifisches Gewicht von etwa 0,40 und sind relativ leicht.
Bootshäute stellte man aus Zeder und den Innenausbau, Riemen und Skulls weitgehend aus Spruce her. Aber auch einheimische Hölzer spielten eine Rolle. So wird noch heute Eschenholz für Spanten oder Hartholzkanten verwendet, da es besonders fest und dabei doch elastisch ist.
Solche Massivhölzer werden aus ganzen Stämmen geschnitten. Da das Holz beim Trocknen schwindet und danach ständig wieder Wasser auf- und abnimmt,  ist der Faserverlauf der ge-schnittenen Bohlen wichtig. Damit keine zu starken Verwindungen auftreten können, sollten die Jahresringe möglichst senkrecht stehen. Deshalb wurde früher ein Stamm im sogenannten „Wagen-schottschnitt“ aufgeschnitten (siehe Abb.15).

Abb.15: Schnittplan für einen Zedernstamm

obere Reihe:

  • Bohle mit senkrechten Jahresringen
  • Stamm mit Zentral- und Tangentialschnitt
  • Verwindung bei diesen Schnitten

untere Reihe:

  • Wagenschottschnitt, derden Nachteil des höheren Verschnitts hat.
  • Zusammenfügung von Bohlen, damit es nicht zu Verwindungen kommt.

Das Sperrholz löste etwa ab 1930 große Teile des Massivholzes ab beim Bootsbau. Vor allem die Bootshäute wurden ab 1950 nur noch daraus hergestellt. Das war erst möglich, als man wasser- und kochfeste Leime entwickelt hatte. Der Vorteil dieses Werkstoffs liegt in seiner großen mechanischen Festigkeit, die durch kreuzweise Verleimung von 4 bis 5 0,2 bis 0,6 mm starken Furnieren erreicht wird. Anfänglich gab es nur Sperrholzplatten von 125 cm Kantenlänge, die auf Bootslänge durch Anschärfen zusammengefügt werden mussten und dann über den fertigen Innenausbau gebogen wurden. Dabei stand die Bootshaut unter Spannung und war daher sehr anfällig gegen Stöße. Bei der formverleimten Schalen-Bauweise stellen die Bootsbauer das Sperrholz über der Blockform in ganzer Bootslänge selbst her und erreichen so eine größere Festigkeit der Bootshaut. Für Stemmbretter verwendet man wasserfeste Sperrhölzer in 8 bis 12 mm Stärke.

Abb.16: Reaktionsbeispiel für Kunstharze

Kunststoffe haben den Bootsbau entscheidend verändert. Zunächst soll ein kleiner Ausflug in die Chemie das Verständnis für den Kunststoffbau verbessern. Neben HARZ sind noch HÄRTER und BESCHLEUNIGER für das Arbeiten mit POLYESTERHARZEN notwendig. Kunstharze sind synthetisch (künstlich) hergestellte chemische Verbindungen, die in der Regel aus sehr langen Makromolekülen bestehen, die aber noch reaktionsfähig sind. Der Härter ist häufig ein ebenfalls sehr reaktionsfähiges kleineres Molekül, das nun eine räumliche Vernetzung der Makromoleküle ermöglicht. Diese beiden würden jedoch nur sehr langsam miteinander reagieren, oder man müsste bei hohen Temperaturen arbeiten. Hier setzt nun der Beschleuniger mit seiner Wirkung als „Katalysator“ ein. Er ermöglicht die chemische Reaktion schon bei Zimmertemperatur. Mit ihm kann auch die Reaktionsgeschwindigkeit und damit die Aushärtezeit bestimmt werden.
Die Abb.16 zeigt schematisch die Bildung eines Kunst-stoffes aus Polyester und Styrol mit Katalysator vor und nach der Aushärtung. Es wird sehr deutlich, dass durch unterschiedliche Mischungen auch unterschiedliche Eigenschaften erreicht werden können, die sich genauer als bei Naturfasern auf die gewünschten Belastungen einstellen lassen. Für die „Neunmalklugen“ sei gesagt, dass hier natürlich nur eine sehr vereinfachte Darstellung an einem Beispiel erfolgen sollte und konnte.
Nun gibt es unterschiedliche Kunststoffe, die im Bootsbau zum Einsatz kommen. Es werden überwiegend kalthärtende Harze eingesetzt, weil sie sich im Handauflegeverfahren verarbeiten lassen. Welches Harz zum Einsatz kommt, hängt von den gewünschten Eigenschaften und dem Fertigungsverfahren ab.

Polyester-Harze (UP-Harz) werden im Bootsbau als Orthophtalsäureharze verwendet, die als mittelaktiv gelten, d.h. mittelschnell aushärten. Sie sind billig, einfach zu verarbeiten, erfahren keine vollständige Aushärtung – durch Druck und Hitze lassen sich hochfeste Gegenstände herstellen – und haben eine geringe Wasseraufnahme (0,4%). Alle UP-Harze sind in Styrol gelöst und die Härtung ist eine Mischpolimerisation zwischen Harz und Styrol. Es verbinden sich also unterschiedliche  Moleküle zu Großmolekülen (siehe Abb.16). Ein Problem ist die unvollständige Aushärtung unter Luftsauerstoff. Die Oberflächen bleiben lange klebrig. Dies kann durch Zugabe von Paraffin verhindert werden, das bei der Verarbeitung aufschwimmt und dadurch die Oberflächen vor Luftsauerstoff schützt. Es lassen sich hiermit auch farbige Feinschichten herstellen, die dekorative Außenschichten bilden.

Epoxidharze (EP) sind als Werkstoffe im Bootsbau trotz der guten Eigenschaften etwas umstritten. Gründe dafür sind die schwierige Verarbeitung ( hohe, honigartige Viskosität ), genau einzuhaltendes Mischverhältnis und die Verdampfung des Härters (Atemschutz erforderlich). Das gehärtete Harz ist geruch- und geschmacklos und nimmt kaum Wasser auf (unter 0,1%). Der Härtevorgang wird durch eine Polyaddition bestimmt, die eine Zusammenlagerung von mindestens zwei Arten von Molekülen zu einem Makromolekül bedeutet. Dabei werden keine Zusatzstoffe abgespalten.

Da Harz allein jedoch sehr spröde und brüchig ist, werden – ähnlich wie beim Beton – auch hier Füllstoffe in Pulverform als Verstärkungsmaterial benötigt. Erst die Kombination aus Harz und Verstärkungsmaterial ergibt die Zug- und Druckfestigkeit moderner Kunststoffbootshäute.
Es kommen folgende Faserstoffe zum Einsatz:

  • GLASFASERN als Matten und Gewebe
  • KOHLENSTOFFFASERN
  • ARAMIDFASERN (Kevlar 29)

Diese Werkstoffe haben sehr unterschiedliche Eigenschaften, wie aus der Tabelle zu ersehen ist:

Glasfaser (E-Glas)

Kohlenstofffaser (HF)

Aramidfaser (Kevlar29)

Dichte (g/cm )

2,54

1,8

1,44

Zugfestigkeit
(N/mm )

1300

3500

2760

Druckfestigkeit
E-Modul (kN/mm )

73

210

59

Bruchdehnung (%)

2,0

1,0

4,0

Wir sehen, dass Glasfaser mit Abstand die größte Dichte hat, bei guten mechanischen Eigenschaften. Die Kohlenstofffaser zeichnet sich durch hohe Zugfestigkeit aus, die Bruchdehnung liegt aber nur bei rund 1%. Hier liegt der große Vorteil des Aramids, das mit 4% gute Dehnungseigenschaften besitzt. Beide letztgenannten Fasern können als modifizierte Fasern noch wesentlich fester gefertigt werden. Neuerdings kommen verschiedene mit Harzen vorimprägnierte Gewebe mit hohem C-Faser-Anteil zum Einsatz. Sie müssen im Vakuum-Verfahren bei Temperaturen um 150° C. zur Reaktion und zum Aushärten gebracht werden. Bei mehrschichtigen Gewebelagen bedarf es noch besonderer Harz-Infiltrationsmethoden. Diese „preprags“ sind auch zum Reparieren von C-Faser-Skull- und Riemenschäften gut geeignet.

Bei der Sandwichbauweise werden unterschiedliche Kernmaterialien eingesetzt, die zwischen den tragenden Schichten eingefügt werden. Beim Ruderbootsbau verwendet man sowohl

  • GESCHÄUMTE  KUNSTSTOFFE als auch
  • WABENSTRUKTUREN.

Im Rennbootbau finden heute vor allem harzgetränkte Papier-Honigwaben, Nylon-Waben und geschlossenporige PVC-Schäume Verwendung.

Alle Kunststoffe erfordern eine sorgfältige Verarbeitung, vor allem bei nicht werkstoffgerechter Konstruktion. Fehler bei der Verarbeitung führen zur Blasenbildung oder zu  schnellem Aushärten.
Entgegen der Volksmeinung muss auch eine Kunststoffoberfläche sorgfältig gepflegt werden durch Waschen mit Seifenlauge und Behandeln mit einem hochpolymeren Pflegemittel, da alle wachshaltigen Pflegemittel die Oberflächenspannung in der Grenzschicht zwischen Bootsoberfläche und Wasser erhöhen und damit den Reibungswiderstand vergrößern. Dieser Zustand ist zu erkennen, wenn Wassertropfen auf der Oberfläche Perlen bilden. Sie sollten verlaufen.
Für Ausleger, Dollen, Klemmringe und Beschläge finden heute auch schon kohlefaserverstärkte Kunststoffe Verwendung im Ruderbootsbau.

Für die Griffe der Kunststoffskulls benutzt man Gummis unterschiedlicher Zusammensetzung und für Luftkastenbespannungen auch PVC- Folien. Nylon- und Perlonseile ergänzen die zum Einsatz kommenden Werkstoffe aus Kunststoff.

Auch Metalle in unterschiedlichen Legierungen werden zur Konstruktion von Auslegern und Beschlägen verwendet. Im Rennbootbau sind es hauptsächlich ALUMINIUM-LEGIERUNGEN, während Wandergigs häufig mit nichtrostenden EDELSTAHL-Auslegern ausgerüstet werden. Bei den Stemmbrettbeschlägen ist auch noch MESSING zu sehen. Einfache EISEN-Rohre finden heute kaum noch Verwendung.

Erstellt nach Vorlagen von Klaus Filter, Uwe Mohaupt und Hans Rath

Handbuch für Ruderanlagen, Boote und Reparaturen