Steuer

Abb.63: Profilsteuer
Abb.64: Schwebesteuer
Abb.65: Flossensteuer
Abb.66: Fallsteuer
Abb.67: Flossensteuer des FISO-8+
Abb.68: Wirkung der Steuer
Abb.69: Gigsteuer mit Nadelbeschlag
Abb.70: St. mit Gleitschienen-Beschlag
Abb.71: St. mit Hakenbeschlag
Abb.71a: Vorbalanciertes Steuer Normalstellung
Abb.71b: Vorbalanciertes Steuer hochgeklappt
Abb.72: Übergang von der Kielschiene zum Steuerbeschlag mit Lückenschließer-Fortsatz

Der Seemann bezeichnet die Vorrichtung, mit der er sein Schiff steuert, als Ruder. Die Ruderer steuern mit dem Steuer und rudern mit dem Ruder. Diese Bezeichnungen sind eindeutig, haben sich eingeführt und sollten entgegen dem Seemannsgebrauch, der für uns nicht maßgebend ist, auch beibehalten werden.

Die Modernisierung des Bootsgerätes macht auch vor dem Steuer nicht Halt. Jedes Steuer vergrößert die vom Wasser benetzte Fläche des Bootes und damit den Reibungswiderstand. Jede Betätigung des Steuers hat eine bremsende Wirkung. Die Tendenz geht deshalb dahin, eine große Steuerwirkung mit kleinstem Blatt und kleinstem Steuerausschlag zu erreichen. Das übliche Hecksteuer bei den Gigs erfüllt diese Bedingungen nicht, da es im Oberflächenwasser arbeitet, das dem Steuerblatt nur geringen Widerstand entgegensetzt; die Ausschläge müssen daher groß sein. Eine Verbesserung ist das Profilsteuer (Abb.63). Das Steuerblatt fehlt, dafür ist das Endteil des hinteren Luftkastens drehbar angeordnet und übernimmt die Funktion des Steuerns. Es ist also ein Teil des Bootskörpers, trägt demnach mit und verursacht keinen zusätzlichen Reibungswiderstand. Durch seine Profilierung erzeugt es auch weniger Wirbel.

Eine weitere Verbesserung wurde durch Verlagerung des Steuers unter das Boot erreicht, also in festeres Wasser. Dieses Steuer ist als Flossensteuer bekannt geworden (Abb.65). Auch das vom Rennkajak übernommene Schwebesteuer (Abb.64) arbeitet im tiefen Wasser und kann daher kleiner sein.

Eine extreme Verkleinerung erreichte die Bootswerft FISO beim Achtersteuer in Verbindung mit einem großen und profilierten Schwert (Abb.67).

Auf Anregung Kieler Studenten baute die Bootswerft Pirsch ein Fallsteuer, das in Ruhelage außerhalb des Wassers ist. Zum Steuern wird jeweils eine Flosse durch Seilzug ins Wasser getaucht (Abb.66), die wegen des deutlich erkennbaren Anstellwinkels die Steuerwirkung hervorruft.

Bei Betätigung des Steuers dreht das Boot um den Schwerpunkt seiner Unterwasserfläche, dem sogenannten Lateral-Schwerpunkt (Abb.68). Je weiter also das Steuer von diesem Punkt entfernt sitzt, desto größer ist der Hebelarm und damit die Steuerwirkung. Das wäre demnach der Fall beim Hecksteuer(Abb.68). Andererseits hat ein unter dem Boot sitzendes Steuer nach dem Vorhergesagten eine bessere Wirkung, die den Nachteil des kürzeren Hebelarmes mehr als ausgleicht. Es müssen also besonders die kleinen Boote, Zweier und unter Umständen auch Vierer, die keine so große Kursstabilität haben wie der Achter, mit besonders leichter Hand gesteuert werden. In der Querrichtung dreht bzw. neigt sich das Boot um eine Längsachse, deren Lage für den in Frage kommenden Bereich im Schnittpunkt der Symmetrie-Ebene mit der Wasserlinie

angenommen werden kann. Je tiefer nun das Steuer unter dieser Achse sitzt, desto größer ist das Drehmoment, das bei Betätigung des Steuers das Boot zur Seite zu neigen versucht (Abb.68). Das Hecksteuer, das unmittelbar unter dieser Achse sitzt, kann kein Drehmoment in diesem Umfange erzeugen. Diese nachteilige Wirkung des Flossensteuers macht sich in erster Linie bei kleinen Booten bemerkbar, während der Achter mit seiner größeren Masse diesem Effekt einen größeren Widerstand entgegensetzt. Das Flossensteuer ist also in erster Linie ein Vorteil für den Achter.

Die Betätigung des Steuers zwischen den Schlägen ist sinnvoller als beim Durchzug. Wenn nämlich die Riemen- oder Skullblätter weit seitlich der Bootsmitte dem Boot einen Kurs aufzwingen, ist die Wirkung des kleinen Steuerblattes auf das Boot zu gering, um den gewünschten Erfolg zu erreichen und verursacht nur unnötigen Widerstand.

Auf diesem Gebiet sind in den letzten 30 Jahren einige Artikel erschienen (RUDERSPORT 11/80 Pischel, 8/82 Nolte und 12/83 Mohr), die sich mit den Vor- und Nachteilen der einzelnen Steuertypen für Rennboote beschäftigen. Der interessierte Leser möge sich dort informieren. Hier sollen noch einige grundsätzliche Probleme bei gesteuerten Wander- und Übungsbooten behandelt werden. Ein Gig-Steuer traditioneller Ausführung sei hier in Form und Ausmaßen wiedergegeben (Abb.70). Dies ist eigentlich eine schlechte Lösung, da das große Steuer die Reibungsfläche

erweitert und bei Betätigung stark bremsend wirkt. Es arbeitet außerdem im Oberflächenwasser, das dem Steuerblatt nur geringen Widerstand entgegensetzt. Die Steuerausschläge müssen daher groß sein, um Wirkung zu erzielen. Einige Bootswerften fügen deshalb noch eine abgerundete Metallplatte unten ein, die über die Kiellinie hinausragt.

Ein vorbalanciertes Steuer wurde in den letzten Jahren von einer Arbeitsgruppe des TA entwickelt und von Erwin Sahm einsatzfähig konstruiert. Es ist sowohl als Fußsteuer beim Gig-5x- oder Gig-3x+-, als auch als Handsteuer bei allen Gigs und Renngigs einsetzbar. Auch lässt es sich nachträglich bei nahezu allen Booten anbringen. Bei etlichen Rhein-Rudervereinen hat es sich im täglichen Ruderbetrieb bereits gut bewährt. Eine Klappkonstruktion erlaubt auch das Befahren von schwierigen Gewässern und die problemlose Entfernung von Fremdkörpern in Steuerbereich. Diese Steuerkonstruktion erziehlt eine große Steuerwirkung bei geringen kraftaufwand. Zu beziehen ist dieses moderne Steuer bei Erwin Sahm, Ohmstraße 3, 53859 Niederkassel-Ranzel, Tel: 02208-3853.

Die Steuerbeschläge sind auch noch einer genaueren Betrachtung wert. Hauptsächlich drei Typen werden von den Werften benutzt. (Abb. 69 bis 71). Am einfachsten zu handhaben ist wohl der Hakenbeschlag (Abb.71) Bei starkem Wellengang kann allerdings das Steuer aus der Halterung springen. Dieser Nachteil lässt sich leicht beheben durch einen beweglichen Sicherungswinkel oder einen Federstahl über dem oberen Ring, der beim Einhaken lediglich zur Seite gedreht wird und automatisch wieder herunterfällt oder einschnappt. Wenn die Werften diese Sicherung nicht einbauen, kann sie leicht selbst nachgerüstet werden. Die beiden anderen Ausführungen bieten zwar mehr Sicherheit gegen das Herausspringen des Steuers, haben aber andere Nachteile.

So ist der Schwachpunkt des Gleitschienenbeschlages (Abb.7o) die obere Schienenbefestigung, die ja sehr dünn sein muss, damit die offene Muffe beim Einsetzen darüber hinweggleiten kann. Unsachgemäßes Einsetzen und starke Belastung beim Steuern führen schon bald zum „Ausleiern“ der Muffe oder zum Herausbrechen der oberen Halterung aus dem Beschlag. Reparaturen sind dann sehr schwierig. Probleme bereitet auch der auf den ersten Blick ideale Nadelbeschlag (Abb.69). Das Einsetzen des Steuers am Steg ist hier recht mühsam und wird auch häufig falsch ausgeführt, so dass der obere Ring des Steuers über der Öse am Bootsheck liegt. Dann rutscht das Steuer hoch und runter und verbiegt die Steuernadel. Hinzu kommt der häufige Verlust von Steuernadeln. Jeder Wanderruderer kann hier von einschlägigen Erfahrungen berichten.

Abschließend noch ein Wort zum Übergang von der Kielleiste zum Heckbeschlag für das Steuer bei Gigs. Wichtig ist hier, dass ein dornartiger Vorsprung die Lücke zwischen Steuerbeschlag und Steuerflosse schließt, damit sich in dem Spalt keine Gegenstände festsetzen können (siehe Abb.72).

Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich auch bei den Gigs Fußsteuerungen, die bei steuermannslosen Booten zum Einsatz kommen. Viele Systeme sind hier auf dem Markt, die aber noch keine optimale Lösung darstellen. Der Arbeitskreis Gig und Technik hat sich deshalb dieses Problems angenommen und entwickelt und erprobt hier neue Konstruktionen – wie zB. unterschiedliche Fallsteuersysteme oder vorbalancierte Steuer.

Erstellt nach Vorlagen von Wilhelm Reuß, Ludwig Ellerbrake, Erwin Sahm und Hans Rath.

Handbuch für Ruderanlagen, Boote und Reparaturen