Ausleger

In den letzten Jahrzehnten hat es eine Menge unterschiedlicher Auslegerkonstruktionen gegeben, die vor allem nach Karl Adam eine Fülle von Verstellmöglichkeiten zuließen. Hierüber hat Manfred Rulffs im Rudersport 9/66 ausführlich berichtet. Die dort vorgestellten Auslegermodelle sind aber nicht mehr im Einsatz. Es sollen deshalb hier nur einige grundsätzliche Dinge zum Ausleger und die heute gebräuchlichen Auslegertypen vorgestellt werden.

Wie wir uns erinnern, wurde der Ausleger nötig bei der Konstruktion der schmaleren Ruderboote etwa ab 1844. Nun beträgt der Druck beim Rudern auf die weit außerhalb des Bootes liegende Dolle beim Normalschlag eines Rennruderers etwa 100 kg. Wenn bei diesen Belastungen die Dolle nicht nachgeben und der Neigungswinkel am Blatt immer acht Grad betragen soll, müssen die Ausleger so konstruiert sein, dass Verdrehungen oder auch nur zu starkes Federn ausgeschlossen sind. Dieses Problem ist heute wohl von allen Werften – auch bei Verwendung leichtester Metalle wie Al-Cu-Mg-Legierungen oder Carbon-Epoxid-harzrohren – gelöst. Interessant ist, dass man bei Rennbootauslegern aus Aluminium eine sehr alte vierstrebige Auslegerform (Abb.52) weiterhin verwendet, die tatsächlich eine enorme Steifigkeit hat (siehe unten).

Ein weiteres Problem ist die Belastung des Bootskörpers – Dollbord, Spanten, Querlager und Diagonalstreben – durch Druck- und Zugkräfte, die von den Auslegerstreben ausgehen. Sie sind die Hauptursache für das "Weichwerden" der Ruderboote bei großer Beanspruchung. Die Zug- und Druckkräfte am Boot sind in Abb.50 bei verschiedenen Auslegertypen dargestellt.

Abb.50: Auslegerkonstruktionen und Kräfte am Boot
Abb.51: Moderne Zweirohrausleger aus Aluminium oder Cabon-Epoxidharz-Rohr
Abb.52: 4-Rohr-Rennbootausleger aus Aluminium
Abb.53: Stahl-Einrohr-Ausleger mit Alu-Einschübling
Abb.54: Flügelausleger in Carbon-Epoxid-Harz für Skullboote
Abb.54: Flügelausleger in Aluminium für Skullboote
Abb.54: Flügelausleger in Carbon-Epoxid-Harz für Riemenboote

Der rechtwinklige Auslegertyp A hat sich allgemein durchgesetzt, hat aber die ungünstigsten Zug- und Druckwerte auf die Bordwand. Ähnliches gilt für den bei sehr alten Booten gleichschenkligen Ausleger B. Hier stört die über den Rollraum hinausragende Strebe beim Einsteigen. Günstigere Verhältnisse bietet der Auslegertyp C, wie er von der Bootswerft Pirsch noch bis in die 70er Jahre für Riemenvierer gebaut wurde. Für diese Konstruktion benötigt man allerdings vier Querlager und Spanten 100 g Gewicht ein. Eine englische Werft versuchte vorübergehend den Druckausleger D einzuführen, der eigentlich die besten Kraftübertragungswerte hat. Aus praktischen Gründen – starke Behinderung beim Einsteigen – wurde dieses Modell jedoch wieder aufgegeben. Aus der Zeichnung ist ersichtlich, dass die günstigsten Befestigungswerte erreicht werden, wenn die Befestigungspunkte der Ausleger an der Bordwand möglichst weit auseinander liegen. Da nun fast alle Werften aus Konstruktionsgründen sich für den Auslegertyp A entschieden haben, versuchen sie durch das Ausbringen einer sogenannten „fünften Strebe" etwas günstigere Werte zu erreichen. Nachdem früher hauptsächlich für Riemenboote gebräuchlich war, werden jetzt auch Skullboote so ausgestattet.

Nun ergibt sich sofort ein weiteres Problem. Die kürzeren Hebel der Skulls und auch eine – bei den meisten Skullern übliche – weitere Rückenlage führen zu Behinderungen durch die fünfte Strebe. Mit einer abgeknickten Form versucht man hier Abhilfe zu schaffen, schwächt aber dadurch die Stabilität erheblich. Ein großer Nachteil dieser Konstruktion ist auch die starke Behinderung beim Einsteigen und Drehen der Boote.

Für Gigs, Übungs- oder Wanderboote hatte sich eine „Einrohrkonstruktion“ (besser Zweirohr) aus Eisenrohr mit Aluminium-Einschüblingen bewährt (Abb.53). Bei guter Pflege halten diese stabilen Ausleger ewig und lassen sich in kürzester Zeit von Skull auf Riemen umrüsten. Sie bedürfen allerdings einer ständigen Wartung, da sie sehr schnell rosten. Damit sind wir bei dem Trend nach immer leichteren und wartungsfreieren Auslegern, der dazu geführt hat, dass heute nur noch Aluminium, Edelstahl und Carbon-Epoxidharzrohre zur Auslegerkonstruktion vor allem bei Rennbooten verwendet werden.

Die Konstruktionen können dabei sehr unterschiedlich sein. Einige Werften bevorzugen den alten 4-Rohr-Ausleger (Abb.52), weil er die größtmögliche Steifigkeit aufweist. Nachteilig wirken sich die relativ tief sitzenden unteren Rohre aus, die bei Wellengang hinderlich sind. Der Trend geht daher zu den Zweirohr-Auslegern (Abb. 51), die mehr Wasserfreiheit bieten. Rohrprofile aus Aluminium und Carbon-Rohren haben eine gute Steifigkeit und sind sehr leicht. Sogenannte 5.-Streben ergänzen die Steifigkeitswerte auch bei Skullbooten. Verstellmöglichkeiten der Auslegerhöhe sind an der Platte mit jeweils 3 Bolzenlöchern im Abstand von 1 cm möglich. Noch mehr Wasserfreiheit und Steifigkeit bieten die neuesten Konstruktionen – die Flügel-Ausleger (siehe Abb. 54). Diese Neuerung hat sogar zu Veränderungen im Bootsbau geführt. So bauen die Werften Bootsrümpfe ohne Spanten, da die Flügelausleger lediglich auf einer verstärkten Waschbordkante befestigt werden. In Verbindung mit der Sandwich-Decksplatte verkürzen sich die Fertigungszeiten und müssten eigentlich zu einer Verbilligung der Boote führen. Die Steifigkeitswerte solcher Boote sind trotzdem hervorragend. Neigungswinkel und Dollenhöhe lassen sich am Dollenstift einstellen.

Handbuch für Ruderanlagen, Boote und Reparaturen