Was macht Anja Noske?
Für die Zeitschrift des Landessportverbandes für das Saarland "SaarSport" führte Pascal Blum das folgende Interview mit der U23-Weltmeisterin Anja Noske.
Während ihre Altersgenossen sich Gedanken über die nächste Party machen, schindet sich
Anja Noske lieber auf der Saar. Das Rudertalent trainiert für ihren großen Traum: Olympia 2012. Konzentriert, fleißig und eisern verfolgt die 22-Jährige ihre Ziele – bei der gebürtigen Lüneburgerin läuft so schnell nichts aus dem Ruder. Dass ein Medizin-Studium und Leistungssport wunderbar unter einen Hut zu bekommen sind, hat die Athletin vom Ruderverein Saarbrücken schon eindrucksvoll bewiesen: Bei der U23-WM gewann sie im Leichtgewichts-Doppelzweier die Goldmedaille. In dieser Disziplin und Altersklasse konnte sie auch den DM-Titel für sich verbuchen – hinzu kommt ein zweiter Platz im Leichtgewichts-Doppelvierer. Und das sind nur ihre Erfolge aus dem vergangenen Jahr. Bei Kaffee und selbstgebackenen Muffins trafen sich Anja Noske und SaarSport-Mitarbeiter Pascal Blum zum gemütlichen Plausch in ihrem Appartement an der Sportschule.
Anja, Du machst Leichtgewichts-Rudern. Für den Laien – was ist das genau?
Anja Noske: Ganz einfach, beim Rudern gibt es zwei Gewichtsklassen: Die offene Klasse und das Leichtgewichtsrudern. Bei der offenen Klasse darf jeder starten, ganz gleich wie viel er wiegt. Wir aber haben für unser Körpergewicht klare Beschränkungen. Bei Frauen liegt das Limit bei maximal 59 Kilogramm, wobei nicht mehr als 57 Kilogramm im Durchschnitt pro Crew-Mitglied erlaubt sind. Bei uns ist nur der Leichtgewichts-Doppelzweier olympisch, bei den Männern noch zusätzlich der Vierer ohne Steuermann.
Dir wurde schon für Peking angeboten, als Olympia-Ersatz mitzufahren. Du hast diese Option abgelehnt, weil Du Dich auf Dein Medizin-Studium und auf den nächsten Olympia-Zyklus konzentrieren wolltest. So im Nachhinein, bist Du nicht traurig oder wehmutig, dass Du das Erlebnis Peking hast sausen lassen?
Noske: Nicht wirklich! Ich habe diese Zeit genutzt, um mich weiterzuentwickeln. Ich konnte im Juli 2008 mit meiner Partnerin Julia Kröger den U23 WM-Titel gewinnen. Das war ein tolles Erlebnis, das mir ansonsten versagt geblieben wäre. Außerdem fühlte ich mich rudertechnisch gesehen noch nicht reif für eine Olympiade. Meine persönliche Entwicklung war mir einfach wichtiger als die Spiele in Peking, bei denen ich nur zum Einsatz gekommen wäre, wenn sich jemand verletzt hätte. Hinzu kam noch das Studium, das ich zu diesem Zeitpunkt nicht unterbrechen wollte. Da hätte ich ein ganzes Semester verloren.
Also kann es jetzt nur heißen: „London – ich komme!“
Noske: Das ist der Plan. Natürlich kann da immer etwas dazwischen kommen – das weiß man ja nie. Ich konzentriere mich logischerweise jetzt auf den olympischen Doppelzweier. Mit Marie-Louise Dräger vom ORC Rostock ist eine Position im Boot schon fest verplant. Bleibt die Frage, wer wird die Nummer zwei? Im Moment bin ich es und ich hoffe mal, dass ich es bleibe. Am 20. Februar steigen wir im Trainingslager in Italien das erste Mal gemeinsam ins Boot. Da wird also schon getestet. Im April sind dann die Deutschen Kleinbootmeisterschaften, da starten wir alle im Einer und danach werden die Teams zusammengestellt.
Gibt es in einem Boot auch mal Zickenkrieg?
Noske: Auf jeden Fall – keine Frage! Wobei mit mir eher weniger, weil ich kein Typ bin, der sich gerne anzickt. Ich sehe da keinen Sinn drin. Aber als Faustregel gilt: Je mehr Mädels zusammen sind, umso mehr Grüppchen gibt es, umso mehr wird getratscht und umso mehr wird gelästert. Das ist nicht schön, aber es ist nun mal so.
Wann hast Du eigentlich mit dem Rudern angefangen?
Noske: Wenn man es ganz genau nimmt, im Oktober 2000 – da war ich das erste Mal auf dem Wasser. Zum Rudern gebracht hat mich mein Bruder Morten: Ich hatte von einem Verein einen Gutschein für einen Ruder-Schnupperkurs. Den hat er mir aber einfach weggeschnappt und für sich eingelöst. Da war ich erst mal sauer. Meinem Vater entging das nicht und so fragte er mich: Anja, willst du auch rudern? Und ich natürlich ja – schon alleine aus Trotz. Eine Woche später saß ich in einem Kinder-Einer.
Wie hat es Dich vom hohen Norden nach Saarbrücken verschlagen?
Noske: Ich habe 2005 mein Abitur gemacht und mich dann fürs Medizin-Studium beworben. In der engeren Wahl war neben Freiburg auch Saarbrücken. Zuerst schaute ich mich hier im Saarland um, ich habe mich mit meinem jetzigen Trainer Uwe Bender getroffen und ich muss sagen, es hat auf Anhieb alles gepasst.
Ist Dir der Schritt schwer gefallen? Hattest Du kein Heimweh?
Noske: Ach, am Anfang schon ein bisschen. Mir fehlten meine Familie, das Meer und die Weite. Aber es war ja meine Entscheidung. Ich wollte raus aus dem Elternhaus. Nicht weil ich mich mit meinen Eltern nicht verstehen würde. Ganz im Gegenteil! Es gehört zu meinen wichtigsten Ritualen und da kann ich noch sowenig Zeit haben, aber Anrufe bei meiner Familie sind ein regelmäßiges Muss. Das bedeutet mir sehr viel. Nein, ich wollte raus, weil ich das Leben kennen lernen wollte. Ich finde es enorm wichtig, mal über den Tellerrand zu schauen, etwas Neues zu erleben, neue Perspektiven zu sehen.
Wie hoch ist Dein Trainingsaufwand?
Noske: In der Woche trainiere ich so etwa 13 Mal . Bis auf Montags meistens zweimal am Tag, manchmal auch dreimal. Also mit Kraft-, Ausdauer- und Rudertraining komme ich auf etwa 20 Stunden die Woche. Wir reißen im Jahr so etwa 4.000 bis 5.000 Ruder-Kilometer runter.
Wie kannst Du Deinen Sport hier ausüben? Wie siehst Du die Rahmenbedingungen?
Noske: Da komme ich ins Schwärmen: Die Bedingungen sind einfach super. Und damit meine ich nicht nur die Sportschule. Was alleine mein Verein für mich macht, ist geradezu phänomenal. Er unterstützt mich, wo es nur geht. Oft staune ich einfach nur, was die alles für einen möglich machen. Das kannte ich in der Form vorher nicht. Hervorheben muss ich auch meinen Trainer. Ich bekam schon einige Angebote, woanders meine Zelte aufzuschlagen. Aber solange Uwe Bender in Saarbrücken tätig ist, geh ich hier nicht weg.
Es heißt, Du gehst immer sehr hart mit Dir selbst ins Gericht. Stimmt das?
Noske: Ja, das ist leider wahr. Ich meckere immer mit mir und das kann andere ganz schön annerven. Ich bin oft sehr unzufrieden mit mir, obwohl es dafür meist gar keinen Grund gibt. Aber ich bin zu perfektionistisch. Und ich muss mir selbst eingestehen, dass ich ein eher launischer Mensch bin. Ich sage eben, was ich denke und man sieht mir direkt an, was ich fühle. So kann ich gerade vor einem Rennen ungenießbar sein. Ich bin dann immer super nervös und will meine Ruhe haben. Kommt mir da was in die Quere, dann reagiere ich etwas ungehalten. Bei Erfolgen kann ich mich aber genauso toll freuen – so ist es nicht.
Hast Du fürs Rudern etwas aufgeben müssen, was Dir wirklich viel bedeutet hat?
Noske: Ja, das Klavier und Theater spielen. Besonders das Theater spielen machte mir immer sehr viel Spaß und mir wurde auch bescheinigt, dass ich das gar nicht so schlecht könnte. Ich war in der Theater AG der Schule und später im Jugend-Club vom Lüneburger Stadttheater. Aber die Ruder- und Theatersaison passen zeitlich nicht zusammen und deshalb habe ich mich schweren Herzens davon verabschiedet.
Irgendwann stehst Du vor der Wahl: Sport oder Beruf? Gibt es für Dich schon eine Tendenz?
Noske: Ach nein, das ist noch so weit weg. Sicher, der Leistungssport fällt irgendwann weg, weil ich zu alt und nicht mehr gut genug bin. Dann werden Nachwuchsruderer kommen und die alte Frau Noske verdrängen. Und das ist dann auch der Punkt, wo ich sage, ich höre auf. Wenn ich irgendwie immer nur noch Vierte bin, werde ich mein Köfferchen packen. Stehe ich aber vor der Entscheidung: Trainiere ich für Olympia oder gehe ich in den Beruf – da hat Olympia ganz klar Priorität.
Was war der beste Rat, den Du jemals bekommen hast?
Noske: Zu mir hat mal jemand gesagt: „Wenn es im Boot nicht gut läuft, denk dir irgendein Gesicht, das du gar nicht magst, unter deine Füße und tritt drauf.“ Man soll’s nicht glauben, aber das funktioniert. Und meine Mutter hat mal zu mir gesagt. „Mach was Kind, aber sei glücklich dabei.“ Das beherzige ich.
Der DRV dankt der Zeitschrift "SaarSport" für die Genehmigung der Veröffentlichung!