13. Mai 2013 | Nationalmannschaft | von Dag Danzglock

Hochklassiger Sport auf dem Baldeneysee in Essen

Die Wetterprognose ließ auch am zweiten Tag der 97. Hügelregatta bei den Verantwortlichen klamme Gefühle aufkommen. Glücklicherweise fielen die vorhergesagten Gewitter und längere Regenschauern aus. Dennoch sorgten Böen und ein strammer Gegenwind für unruhiges Wasser. Vorteil des Baldeneysees ist jedoch, dass die Bedingungen auf allen Bahnen meist gleich sind und die Infrastruktur an Land Schutz und Wärme bietet.

In den Kleinbooten hatte die Meisterschaft im April national klare Hinweise gegeben. Daher hatten die Mittelboote die besondere Aufmerksamkeit der Bundestrainer. Die internationalen Gegner waren durchaus anspruchsvoll, sodass mit Blick auf die EM in Sevilla durchaus realistische Abschätzungen möglich sind. Der DRV hat dabei einige Boote im Team, die in Spanien um Medaillen kämpfen können.

Bei den Skullern wurde die Breite in der Spitze deutlich. Hier zahlt sich das gemeinsame Training offenkundig aus. Der zweite Platz der Besetzung Hacker / Knittel / Krüger / Fuhrmann im Doppelvierer vor den deutschen Olympiasiegern macht das deutlich. Geschlagen wurden alle von den Silbermedaillengewinnern aus London. Die Kroaten setzten sich nach einem starken Endspurt durch, in dem die ersten drei Boote noch die lange führenden Polen abfingen. Insgesamt zeigt sich, dass dieser Bereich in allen Bootsgattungen gut aufgestellt ist.

Noch offen ist die Situation bei den Frauen. Bereichsbundestrainer Sven Ueck testete an beiden Tagen in den Doppelzweiern, ohne ein favorisiertes Boot zu erkennen. Am Sonntag setzten sich Annekatrin Thiele und Carina Baer auf den letzten Metern durch. Mareike Adams, die Samstag noch im Siegboot saß, wurde mit Julia Lier knapp zweite. Deutlich hingegen der Rückstand der erfahrenen Richter / Oppelt mit gut 12 Sekunden auf Rang drei (Schmidla / Leiding). Im Doppelvierer ruderte dann die Olympiacrew zusammen, musste sich aber Polen geschlagen geben. Damit ist die Mannschaftsbildung wohl weiterhin offen. Gemessen an Medaillenchancen sollte die Priorität im Vierer liegen. Man darf gespannt sein, ob dies die Athletinnen und Trainer genauso sehen.

Bei den Leichtgewichten war es die Regatta von Anja Noske. Zur Kleinbootmeisterschaft nicht ganz im Bild, gewann sie hier an beiden Tagen. Mit ihrer Stammpartnerin Lena Müller war der Vorsprung vor Hein / Knoke so deutlich, dass es wohl zunächst bei der eingefahrenen Besetzung bleiben wird. Man darf gespannt sein, wer den Einer besetzt. Leonie Pless ruderte zwar ein starkes Rennen, aber Wiebke Hein hat die besseren Vorleistungen aufzuweisen. Da in Sevilla erstmals in dieser Bootsgattung um den Titel gerudert wird, dürfte sie den Vorzug erhalten.
Lars Hartig ist bei den Männern gesetzt. An den Sieber-Brüdern aus Österreich kam er jedoch weder mit Konstantin Steinhübel noch am Sonntag mit Jonathan Koch vorbei. Am Sonntag war der Abstand etwas geringer, allerdings soll die Paarung Hartig / Steinkübel im Training besser harmonieren. Das Team für Sevilla dürfte sich aus diesem Pool rekrutieren.
Mit Tschechien, Österreich, Schweiz, Ungarn und Polen hatten die DRV-Teams im LG-Vierer ohne eine gute Messlatte. Intern setzten sich Arnold / Peschel / Schömann-Finck / Corinth klar durch. International mussten sie aber Tschechien und den insgesamt starken Österreichern den Vortritt lassen. Die Bootsgattung ist für eine enge Leistungsdichte bekannt und so wird es international spannend.
Als Sorgenkind wird das Riemenrudern der Frauen in Deutschland gerne bezeichnet. Nach dem unbefriedigenden Ergebnis des letzten Jahres ist nun ein Neuaufbau geplant. In Essen kam der Achter, in dem auch Sinnig / Hartmann ruderten, zu einem klaren Erfolg über Polen. Dies sollte eine Motivation für Sevilla sein. Dort ist der Kampf um eine Medaille durchaus realistisch, denn die dominierenden Überseenationen sind aufgrund der regionalen Zuordnung nicht am Start. Marlene Sinnig und Kerstin Hartmann werden dann den Zweier ohne rudern.
Verkehrte Welt bei den Männern. Großbritannien und der DRV waren weitgehend mit den Spitzenkräften vor Ort und gewannen jeweils die national wichtigste Bootsgattung des Gegners. Im Vierer ohne setzte das DRV-Boot am Samstag mit dem Endspurterfolg ein deutliches Signal, das international beachtet wurde. Hingegen gewann GB den Achter, auf den man sich dort in diesem Jahr wohl konzentrieren will. Die DRV-Boote ruderten auf die Plätze 4 und 5. Überraschend stark die Franzosen, die das etablierte Team aus Polen auf Rang drei verwiesen. Nimmt man diese Regatta als Maßstab, wären die Schwerpunkte im DRV für diese Saison wohl neu zu definieren. Eine Priorität auf den Vierer ohne drängt sich fast auf, wird aber aufgrund der nationalen Bedeutung des Achters kaum Chancen auf eine Realisierung haben.
Für den U23 Bereich war der Baldeneysee ein weiterer Schritt auf der WM nach Linz. Brigitte Bielig als Verantwortliche sah einige vielversprechende Ansätze und erste Mannschaften, die sich in den Vordergrund ruderten. In diesem Zusammenhang sind die Skuller Stephan Riemekasten und Holger Piontek zu nennen, die im Zweier und Vierer am Siegersteg anlegen durften. Aber auch die Leichgewichte Moritz Moos / Jason Osborne gehören nach dem Doppelsieg in starken internationalen Feldern in diese Kategorie. Am Sonntag bewiesen sie Nervenstärke und ließen sich durch eine 40 minütige Verzögerung, die ein Materialschaden der Kroaten verursacht hatte, nicht vom Siegkurs abbringen. Mit deutlichem Vorsprung überquerten Julia Eichholz / Hannah Bornschein die Ziellinie und erhoben einen klaren Anspruch auf die weibliche Ausgabe dieser Bootsgattung. Die Männer konzentrierten sich auf den Zweier ohne. und überließen den Vierer den ausländischen Gästen. Nach einem Start-Ziel-Sieg hatten Jannik Olsson und Konstantin Hermes die Bugspitze vorn. Hingegen suchten die Skullerinnen beispielsweise im Doppelzweier den internationalen Vergleich. Das Boot des DRV mit Carina Böhlert und Anne Beenken schlug zwar die Österreicherinnen, hatte aber gegen Tschechien mit gut 11 Sekunden Rückstand das Nachsehen. Wenngleich in den Mittel- und Großbooten die Mannschaftsbildung offen ist, muss doch der Sieg einer norddeutschen Kombination (Bernhardt / Johannesen / Schwiethal / Kutzki) mit 4 Längen Vorsprung im Vierer ohne als eindeutiges Ausrufezeichen verstanden werden. Mangels internationaler Konkurrenz ist der Leistungsstand der Riemenfrauen schwer einzuschätzen. Intern setzte sich das favorisierte Boot durch, allerdings hatte sich die nationale Konkurrenz zuvor im Vierer ohne versucht. Dort mussten sie den Niederländerinnen, die bekanntlich eine große Affinität zum Riemenrudern haben, den Vortritt lassen.
Nächster Schritt ist die Regatta in Ratzeburg, um dann über den Eichkranz die Teambildung zu finalisieren.
Einmal mehr hat Essen seine Bedeutung als internationale Regatta unterstrichen. Die ausländischen Nationen kommen gerne an den Baldeneysee. Der kürzlich zum Sir geadelte britische Teamchef David Tanner, ist nicht für schnelles Lob bekannt. Er war mit der Organisation und den Wettkämpfen zufrieden. Das Wetter sei britisch, sodass er sich aus diesem Grund fast heimisch fühlte. Gerne erinnerte er sich, dass er 1978 erstmalig als Trainer in Essen gewesen sei und noch immer Bekannte treffe. Die 98. Ausgabe der Hügelregatta steht planmäßig 2015 im Regattakalender und wird im Jahr der olympischen Qualifikation sicher wieder hochkarätige Teilnehmer aufweisen.