15. Apr. 2026 | Nationalmannschaft | von Deutscher Olympischer Sportbund

An der Uni, im Boot und in der Sportpolitik: Pia Greiten und ihre Dreifach-Herausforderung

Seit letztem November Vorsitzende der Athlet*innenkommission im DOSB und parallel Präsidentin des Vereins Athleten Deutschenland: Pia Greiten. Foto: DOSB

Seit sie im vergangenen November zur Vorsitzenden der Athlet*innenkommission (AK) im DOSB und zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland (AD) gewählt wurde, kümmert sich Pia Greiten nicht mehr nur aus reinem Interesse um sportpolitische Themen, sondern qua ihrer Ämter. Die 29-Jährige, die 2024 in Paris die olympische Bronzemedaille mit dem Doppelvierer erruderte, studiert zudem „im Hauptberuf“ Bauingenieurwesen. Und dann ist da für die Athletin vom Osnabrücker Ruder-Verein auch noch eine nicht ganz unwesentliche Karriere im Leistungssport zu bewältigen. Darüber, wie sie diese Dreifach-Herausforderung managt, was sie über den Entwurf eines Sportfördergesetzes denkt und warum sie sich eine veränderte Diskussion über Leistung im Sport wünscht, spricht Pia im Interview des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Pia, am Wochenende stehen in München die Deutschen Kleinboot-Meisterschaften auf dem Programm. Das klingt fast niedlich, dabei ist es eins der wichtigsten Events der Rudersaison. Erläutere bitte einmal, welche Bedeutung die DM für euch als Kaderathlet*innen hat.

Pia Greiten: Alle Kaderathlet*innen im Skullbereich starten im Einer, die im Riemenbereich im Zweier ohne Steuerfrau oder Steuermann. Ich kann nur für mich sprechen, weiß aber, dass es auch für alle anderen sehr prestigeträchtig ist, in der kleinsten Bootsklasse den nationalen Meistertitel zu gewinnen. Für die Qualifikation mit Blick auf die Besetzung der Boote für die internationalen Wettkämpfe sind die Kleinboot-Meisterschaften der wichtigste Wettbewerb.

Warum wird nur in Kleinbooten gefahren und nicht in den Bootsklassen, für die ihr euch qualifizieren wollt?

Weil es darum geht, die Individualleistung zu überprüfen. Der zweite wichtige Faktor neben der Kleinboot-Meisterschaft ist der 2000-Meter-Ergotest, den wir vor zwei Wochen im Rahmen der Langstreckenrennen in Leipzig absolviert haben. Beide gehen in die Leistungsbewertung ein, die darüber entscheidet, wie die verschiedenen Bootsklassen besetzt werden. Die Setzliste für die Meisterschaft wird anhand der Vorleistung bei der Langstrecke erstellt, damit sich die Favoritinnen auf die Besetzung der A-Nationalmannschaft nicht schon im Viertelfinale eliminieren.

Wie lief deine persönliche Vorbereitung, wie würdest du deine Formkurve der vergangenen Monate beschreiben?

Grundsätzlich bin ich mit dem Verlauf meiner Formkurve durchaus zufrieden, auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gern gewesen wäre. Aber ich hatte über den Jahreswechsel über Wochen mit den Folgen einer Influenza zu kämpfen. Umso glücklicher bin ich, dass ich physiologisch gut dastehe. Ich konnte meine persönliche Bestleistung auf dem Ergometer auf 6:35,4 Minuten verbessern und habe das Gefühl, dass mein Körper die Belastungen sehr gut wegsteckt.

Mit welcher Zielstellung gehst du in das kommende Wochenende?

Das ist etwas schwierig zu sagen, weil ich sowohl meine eigene als auch die Leistungsfähigkeit meiner Konkurrentinnen nicht zu 100 Prozent einzuschätzen vermag. Grundsätzlich fahre ich aber zu einer Deutschen Meisterschaft immer mit dem Ziel, dort um die Medaillen zu kämpfen.

Gesetzt den Fall, dass du in München das erhoffte Ziel erreichst und dich für den A-Kader qualifizierst: Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?

Mein Ziel ist, bei den internationalen Saisonhöhepunkten, also der EM Anfang August in Italien und der WM Ende August in Amsterdam, im priorisierten Boot zu sitzen. Noch ist nicht klar kommuniziert, ob das der Doppelzweier oder der Doppelvierer sein wird. Aber wir haben ein starkes Team und mir ist bewusst, dass ich dafür meine Topleistung erreichen muss.

Nach Jahren, in denen es im deutschen Frauenrudern vor allem im Riemenbereich sehr schwierig war, scheint im DRV eine Art Aufbruchstimmung zu herrschen. Wie nimmst du das wahr?

Genauso. Wir haben wieder ein großes Team mit viel Konkurrenz, was sehr schön und wichtig ist, um bei den Großevents in allen Bootsklassen international konkurrenzfähig zu sein. Im Team herrscht eine sehr positive Energie, alle haben Bock, wieder etwas zu erreichen und geben alles dafür, 2028 in Los Angeles mit mehr Booten als in Paris an den Start zu gehen. Wir trainieren mit Skull -und Riemenbereich gemeinsam in Berlin, und der Wandel im Team ist sehr deutlich zu spüren.

Die Regattastrecke in München, auf der die DM stattfindet, ist geschichtsträchtig, 1972 wurde dort um Olympiamedaillen gekämpft, 50 Jahre später fanden dort die European Championships statt. Welche Bedeutung hat sie für euch im DRV?

Die Spiele von 1972 sind bei mir und dem Team natürlich nicht so präsent. Aber die Strecke wird auch im Junior*innenbereich intensiv genutzt, so dass die meisten von uns sehr viel Erfahrung mit ihr haben. Persönlich mag ich Anlagen, die als Regattastrecke konzipiert und gebaut wurden, besonders gern. Sie sind komprimierter, das Publikum ist nah dran. Deshalb fahre ich sehr gern nach Oberschleißheim, auch wenn meine Erfahrungen aus sportlicher Sicht durchaus gemischt sind.

Neben deiner sportlichen Karriere bist du seit November 2025 an herausgehobenen Stellen auch sportpolitisch sehr aktiv. Wie würdest du deine ersten Erfahrungen als Vorsitzende der DOSB-Athlet*innenkommission und Präsidentin von Athleten Deutschland zusammenfassen?

Die ersten Monate waren definitiv sehr aufregend. Für mich ging es zunächst darum, mir einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche zu verschaffen. Zum Glück haben wir in beiden Organisationen ein sehr starkes Team, das sehr viel Energie und Professionalität in die Aufgaben steckt.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung konkret? Bist du diejenige, die den großen Rahmen vorgibt und den Überblick über alle Themen behält?

Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über all unsere Aufgaben habe. Im Präsidiums- und Kommissionsteam sind wir aber alle gleichgestellt, ich gebe nichts vor. Ich bin auch nicht in Gremien vertreten, die die Themen schwerpunktmäßig bearbeiten und daher auch nicht diejenige, die sich zu allem äußern muss. Dafür haben wir Expert*innen in den verschiedenen Themenbereichen. Wenn es um aktuelle Themen geht, schauen wir zudem, wer gerade Kapazitäten hat. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, müssen wir darauf achten, dass in entscheidenden Phasen niemand überlastet wird.

Zu Beginn deiner Amtszeit konntest du die zeitliche Beanspruchung durch die beiden Ämter noch nicht einschätzen. Wie hoch ist sie denn nun?

Ich führe darüber kein Protokoll, und es ist auch von Woche zu Woche unterschiedlich. Es kommen schon so einige Stunden zusammen, insbesondere Kurzfristigkeit von Themen ist eine Herausforderung. Aber mit einem guten Zeitmanagement, und das sollten Leistungssportler*innen haben, ist das alles auch mit dem Studium gut unter einen Hut zu bekommen.

„Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig"

Als Vorsitzende der AK und Präsidentin von AD, deren Führungsstruktur personengleich ist, trägst du zwei Hüte. Wie bewertest du mit ein paar Monaten Erfahrung die Herausforderung der Doppelfunktion? Wie schwierig ist es, die Trennschärfe zu bewahren?

Personengleich sind beide Gremien nicht, in der AK sitzen neben dem AD-Präsidium Kim Bui, Ronald Rauhe und Jello Krahmer. Alica Gebhardt, die bei AD im Präsidium sitzt, ist nicht Teil der AK. Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig, weil ich nicht glaube, dass es eine klare Trennung braucht. Im Vordergrund beider Aufgaben steht, dass wir die Athlet*innen vertreten. Natürlich gibt es Themen, die wir eher mit der AK bespielen, wenn sie DOSB-intern oder dem DOSB besonders wichtig sind. Andere Themen sind für AD wichtiger und erhalten darüber mehr Konzentration von dieser Seite. Es ist wichtig zu wissen, dass wir unsere Arbeit in der AK ohne die Unterstützung von AD nicht machen könnten. In der AK haben wir eine gering beschäftigte Kraft, die uns unterstützt. Für AD sind Hauptamtliche täglich mit den Belangen von Athlet*innen befasst. Wir können unsere Kapazitäten für die AK viel mehr nutzen, weil uns viele Dinge abgenommen werden und wir auf eine Basis zurückgreifen können, die wir ehrenamtlich nicht bearbeiten könnten.

Es fällt auf, dass sich AD zu manchen Themen wie zum Beispiel dem Ausschluss von Fridtjof Petzold aus der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) sehr deutlich positioniert, zu anderen wie dem Konflikt im Deutschen Alpenverein (DAV), der ja ebenfalls stark die Athlet*innen betrifft, wiederum nicht. Worin liegt das begründet?

Wir wägen sehr sorgfältig ab, zu welchen Themen wir uns öffentlich äußern, und prüfen, ob wir dazu belastbare Aussagen treffen können. Dasselbe macht der DOSB auch. Es gibt sicherlich bestimmte Gründe, warum zu den genannten Beispielen nicht proaktiv Stellung bezogen wurde.

Wenn du als Präsidentin von AD sprichst, scheinst du medial deutlich intensiver wahrgenommen zu werden als in der DOSB-Funktion. Warum ist das so, und wie ließe sich das ändern?

Zum einen liegt es daran, dass Athleten Deutschland als unabhängige Vertretung wahrgenommen wird, die nicht mit dem DOSB verbunden ist. Das wirkt auf viele Medien objektiver, als wenn sich die verbandsinterne Kommission äußert. Zum anderen hat sich der Verein seit der Gründung 2017 einen politischen Stellenwert erarbeitet, dank dem sich besser Themen platzieren lassen, die öffentliche Relevanz haben. Diese Kraft ist nicht zu unterschätzen.

Aber als Vorsitzende der DOSB-AK sprichst du für alle Athlet*innen, bei AD nur für dessen Mitglieder. Steckt dahinter nicht eine viel größere Kraft?

Ich sehe diese Trennung nicht als entscheidend an. Athleten Deutschland spricht Themen an, die alle Athlet*innen betreffen und die für deren Fortkommen und Weiterentwicklung nützlich sein können. Insofern halte ich es nicht für notwendig, daran etwas zu ändern. Wichtig ist, dass die Themen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Zudem ist AD über das Hauptamt viel besser in der Lage, Meinungsbilder einzuholen und intensiver mit Athlet*innen ins Gespräch zu gehen, als wir es im Ehrenamt jemals könnten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Hundert Anliegen von Athlet*innen bearbeitet und somit Expertise aufgebaut, von der auch der DOSB profitieren kann.

Hast du denn das Gefühl, dass die Sicht der Athlet*innen im DOSB nicht ausreichend wahr- und vor allem auch ernst genommen wird?

Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich es so formulieren: Der Status Quo ist zumindest nicht zufriedenstellend. Wir arbeiten als Athlet*innenkommission intensiv daran, dass das besser wird. Und aus dem DOSB, insbesondere aus dem Vorstand, bekommen wir auch entsprechende Zeichen, dass das ernst genommen wird. Allerdings muss die Zukunft zeigen, wie ernst die Einbindung seiner Spitzenathlet*innen dem DOSB wirklich ist.

Kommen wir zu konkreten Inhalten: Welche Themenbereiche waren in den ersten Monaten für dich besonders arbeitsintensiv?

In erster Linie das Sportfördergesetz. Kurz vor meinem Amtsantritt war der erste Entwurf der neuen Bundesregierung bekannt geworden. Viel Arbeit ist hineingeflossen, um sich mit den verschiedenen dafür notwendigen Themen in der Tiefe zu befassen.

„Nicht die Leistungssportreform, die angekündigt war"

Du hast dich in der Kommentierung des Entwurfs sehr engagiert eingebracht. Was sind aus Athlet*innensicht deine wichtigsten Kritikpunkte daran?

Das sind drei wesentliche Punkte. Erstens, dass es in der geplanten Spitzensportagentur kein Mitsprachrecht für die Athlet*innen gibt, es wird weiterhin über und nicht mit uns entschieden. Zweitens, dass ein wirksamer Schutz vor Machtmissbrauch und Gewalt aller Art nicht im Gesetz verankert, sondern weiterhin auf freiwilliger Basis vorgesehen ist. Und drittens fehlt uns eine faire Absicherung für Athletinnen in Form von einer garantierten monatlichen Basisförderung, Mutterschutzregelungen und Versicherungspaketen. Insgesamt können wir nicht die Leistungssportreform erkennen, die angekündigt war.

Im Gesetzentwurf wird klar darauf verwiesen, dass für den Bezug von Fördermitteln seitens der Mittelempfänger ordentliche Geschäftsführung und eine eindeutige Ablehnung von Gewalt jeglicher Art notwendig ist. Dennoch forderst du, dass die Mitgliedschaft im Zentrum für Safe Sport (ZfSS) und die Implementierung des Safe Sport Codes als Voraussetzungen im Gesetz festgeschrieben sein sollten. Warum ist das so wichtig?

Wir sehen aktuell leider viele Fälle, in denen Athlet*innen Gewalt und Machtmissbrauch ausgesetzt sind. Die konsequente Aufarbeitung dieser Fälle gestaltet sich oftmals sehr schwierig. Manche Verbände gehen mit dieser Thematik vorbildlich um, andere aber ducken sich weg. Deshalb ist eine gesetzliche Verankerung einer Verpflichtung zum Schutz vor Gewalt unerlässlich, um die Sicherheit von Sportler*innen zu gewährleisten. Eine externe und unabhängige Aufarbeitung wäre doch auch für die Verbände ein Zugewinn. Deshalb ist es für uns unerklärlich, warum sich dagegen weiterhin gesperrt wird. Die Politik hätte doch mit einer gesetzlichen Festschreibung auch mehr Handhabe. Übringens gibt es im Gesetz keine Vorgaben zur Good Governance, sondern nur für eine ordnungsgemäße Geschäftsführung. Auch in dem Bereich lässt die Politik eine Lücke, die im parlamentarischen Verfahren noch geschlossen werden sollte.

Mit mehr Handhabe für die Politik könnte allerdings die Autonomie des Sports gefährdet sein, die der DOSB und das IOC als unverhandelbar betrachten und die auch im Gesetzentwurf festgeschrieben ist.

Nein, es geht nicht um eine Gefährdung der Autonomie des Sports. Es geht darum, dass bei einer hohen Eskalationsstufe wie zum Beispiel aktuell in der DESG oder im DAV eine unabhängige Kontrollinstanz wie das zu gründende Zentrum für Safe Sport Möglichkeiten hätte, einzugreifen und die Athlet*innen besser zu schützen.

„Ein Sitz im Stiftungsrat ist unabdingbar"

Welchen Einfluss sollten Athlet*innen in der zu gründenden Spitzensportagentur haben – und zu wessen Lasten sollte dieser Einfluss gehen?

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass ein Mitspracherecht für die wichtigsten Personen im Leistungssport im höchsten Entscheidungsgremium des neuen Leistungssportsystems zu Lasten irgendeiner Seite gehen. Kein Mitspracherecht zu haben, geht allerdings unzweifelhaft zu Lasten aller Athlet*innen, und wenn ohne wirksame Beteiligung unsererseits über uns entschieden wird, sind wir keinen Schritt weiter. Deshalb ist ein Sitz im Stiftungsrat für die Athlet*innen, vertreten durch Athleten Deutschland, unabdingbar.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die materielle Absicherung von Athlet*innen, die ebenfalls viel diskutiert wird. Wie bewertest du die aktuelle Situation und die Einbeziehung dieses Themas ins Sportfördergesetz?

Die geplante Schaffung eines Individualbudgets bewerten wir sehr positiv. Aber unabhängig von einer gesetzlichen Regelung braucht es eine garantierte Mindestabsicherung von minimal 1800 Euro im Monat, damit sich Athlet*innen auf ihren Sport konzentrieren können. Leider nutzt der Entwurf des Sportfördergesetzes die Chance nicht, die bereits erwähnte Basisabsicherung und eine Regelung zum Mutterschutz gesetzlich zu verankern. Auch da bleibt der Entwurf unter seinen Möglichkeiten.

Wie ist unter den Athlet*innen die Neuausrichtung der Sporthilfe-Förderung angekommen, die Medaillen stärker belohnt, aber dies zu Lasten der Plätze vier bis acht umsetzt?

Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten, deshalb kann ich es nicht aus der Sicht aller einordnen. Meine persönliche Meinung ist, dass eine Prämienerhöhung immer positiv ist, aber dass diese zu Lasten der nachrangigen Plätze geht, finde ich sehr schade. Wir sprechen immer davon, dass nicht nur Medaillen zählen sollten, und diejenigen, die bei Olympischen Spielen auf den Rängen vier bis acht landen, erhalten vom IOC das olympische Diplom. Da würde ich mir für die Zukunft wünschen, dass zusätzliche Gelder freigemacht werden würden, um solche Leistungen auch wieder finanziell anzuerkennen.

Und wie bewertest du, dass manche Bundesländer die Medaillenprämien eigeninitiativ erhöht haben?

Höhere Prämien und größere Wertschätzung sind immer gut. Es gilt jedoch zu beachten, dass unser Sportsystem föderal ist und manche Bundesländer materiell und immateriell besser unterstützen können als andere. Das kann zu Dysbalancen und Ungerechtigkeit führen, wenn es ein Stützpunktsystem gibt, in dem nicht die Athlet*innen entscheiden dürfen, wo sie trainieren, und dadurch Nachteile gegenüber anderen entstehen.

„Wie abfällig geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder"

Nach den Winterspielen in Italien kochte die Diskussion um die Leistungsfähigkeit und auch die Leistungsbereitschaft der deutschen Athlet*innen wieder hoch, die vielen vierten Plätze für Team D waren ein großes Thema. Wie hat die Diskussion auf dich gewirkt?

Ich glaube, dass sie im Vergleich zu den Sommerspielen 2024 in Paris schon etwas differenzierter war. Ich nehme allerdings insbesondere wahr, dass die Athlet*innen in den sozialen Medien weiterhin die Leidtragenden sind. Die Art und Weise, wie abfällig dort in Teilen geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder, weil ich weiß, wie professionell die Athlet*innen arbeiten. Vor allem, weil die Leistungsfähigkeit auf einer Basis bewertet wird, die die allermeisten Menschen nicht einordnen können. Ich maße mir keine Beurteilung darüber an, was zu den vielen vierten Plätzen für das Team D in Italien geführt hat. Was ich mir anmaße, ist die Beurteilung, dass ein vierter Platz bei Olympischen Spielen eine wahnsinnig starke Leistung ist, die genauso gefeiert werden kann und sollte wie eine Medaille. Und manchmal war das ja auch der Fall. Mir ist die Differenzierung wichtig, um zu beurteilen, welchen Wert eine Platzierung wirklich hat.

Eine Umfrage nach den Spielen hat gezeigt, dass die Menschen mit dem Abschneiden deutlich zufriedener waren, als es die Medien suggeriert haben. Müssen wir die Diskussion um Leistung anders führen, Dinge wie Teamgeist und das Erreichen persönlicher Bestleistung höher bewerten als Medaillen und Platzierungen?

Die Bedeutung und Einordnung von Leistung sollte viel unabhängiger vom Abschneiden bei Olympischen und Paralympischen Spielen bewertet werden. Auch wenn wir im Sommer und im Winter auf Platz eins des Medaillenspiegels stünden, müssten wir doch darüber sprechen, was für einen Leistungssport wir wollen, was er uns geben soll. Ich finde die Ergebnisse der Umfrage sehr interessant und wichtig für die Diskussion um die Rolle des Leistungssports. Ich glaube fest, dass wir Athlet*innen als Vorbilder noch viel präsenter sein könnten, wenn es uns gelänge, unsere Werte, die wir jeden Tag leben, in die Gesellschaft zu tragen. An Träume zu glauben und Dinge zu realisieren, die einem andere nicht zutrauen, darüber müssen wir mehr reden als über Medaillen.

Trifft der von einigen Seiten geäußerte Vorwurf zu, dass deutsche Athlet*innen heutzutage dazu neigen, eher Leistungsempfänger als Leistungserbringer sein zu wollen?

Ich finde diesen Vorwurf sehr schwierig, denn die, die ihn vorbringen, vergleichen die Gegenwart mit einer Vergangenheit, die es heute nicht mehr gibt. Von deutschen Athlet*innen wird gefordert, international in der Weltspitze mitzuhalten, obwohl die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, mit denen in der internationalen Spitze oftmals nicht mithalten können. Natürlich fragen wir uns da, wie das zusammenpassen soll. Wenn unser System mit der Entwicklung nicht Schritt halten kann, wie sollen wir Athlet*innen das dann auf Dauer schaffen? Ich wehre mich aber in aller Deutlichkeit gegen solche Pauschalvorwürfe, denn die absolut überwiegende Zahl der deutschen Athlet*innen arbeitet höchst professionell und tut alles, um möglichst erfolgreich zu sein. Und das, obwohl viele dafür sehr viel Zeit aufwenden und in anderen Berufen, die sie erlernt oder für die sie studiert haben, deutlich besser verdienen könnten.

Wir leben zum Glück in einer Demokratie, die mündige Bürger*innen und damit auch mündige Sportler*innen braucht. Mir ist bewusst, dass manche kritisieren, dass mehr Mitsprache zu mehr Konflikten und weniger Leistung führen kann. Aber mir ist sehr wichtig zu betonen, dass die Einbindung von Athlet*innen keinesfalls die Erfolgsaussichten schmälert. Es gibt im Weltvergleich sicherlich Länder, in denen noch sehr autoritär über Sportler*innen entschieden wird und die damit erfolgreich sind, so wie es vor 30, 40 Jahren auch in Deutschland gebräuchlicher war. Aber zu solchen Zuständen wollen wir nicht zurück. Mentale Gesundheit und der Schutz vor psychischer und physischer Gewalt sind zum Glück nicht nur bei uns, sondern weltweit wichtige Themen geworden.

Welche Themen hast du dir für die kommenden Monate auf deine Prioritätenliste geschrieben?

Das Sportfördergesetz wird mich auch die kommenden Monate noch beschäftigen. Aber ich werde vor allem auch auf dem Themenfeld Schutz vor Machtmissbrauch und Gewalt sowie beim Mutterschutz nicht nachlassen, um für Verbesserungen zu sorgen. Dass Frauen, die sich während ihrer Karriere für Kinder entscheiden und trotzdem weiter Hochleistungssport betreiben, besser unterstützt werden, muss klar geregelt werden. Da müssen wir mehr Gas geben.

Und was sind deine wichtigsten drei sportpolitischen Wünsche für die kommenden Monate?

Endlich ein ernst gemeintes Mitspracherecht für Athlet*innen, ein gesetzlich verankerter Mutterschutz und verbesserter Schutz vor Gewalt durch eine schärfere Fördervoraussetzung im Bereich Safe Sport – wenn wir diese drei Punkte umsetzen können, wären wir wichtige Schritte in die richtige Richtung gegangen.

Dabei und natürlich für deine sportlichen Vorhaben alles Gute und vielen Dank fürs Gespräch!