World Rowing kündigt KI-Steuersystem „CoxClaw" für Olympische Spiele 2028 an
Autonomes System soll bis zu 20 Steuerleute bei Olympia ersetzen – Pilotphase beginnt beim World Rowing Cup in Luzern. Der Weltruderverband World Rowing hat heute die Entwicklung eines KI-gestützten Steuersystems für gesteuerte Boote angekündigt. Das System mit dem Namen „CoxClaw" – ein Akronym für Coxswain Leveraging AI for Watercraft – soll erstmals bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles zum Einsatz kommen und Steuerleute in Achtern vollständig ersetzen.
„Was wir bei der WM in Shanghai gesehen haben, war erst der Anfang", sagte World Rowing Executive Director Vincent Gaillard bei der Pressekonferenz in Lausanne. Er verwies auf den KI-Roboter „Ting Ting", der bei der Eröffnungszeremonie der Weltmeisterschaften 2025 auf dem Dianshan Lake einen Vierer über das Wasser gesteuert hatte – offiziell als Teil der Show, tatsächlich aber, so Gaillard, als „erster öffentlicher Feldtest unter Wettkampfbedingungen".
Antidiskriminierung als Treiber
Hintergrund der Entscheidung ist eine seit Jahren schwelende Debatte um die Gewichtsvorschriften für Steuerleute. Die World Rowing Rules of Racing schreiben ein Mindestgewicht von 55 Kilogramm vor – wer leichter ist, muss bis zu 15 Kilogramm Ballast mitführen. „Wir haben die Leichtgewichts-Disziplinen nach Paris 2024 abgeschafft, weil das IOC keine Gewichtskategorien außerhalb von Kampfsportarten akzeptiert", so Gaillard. „Gleichzeitig selektieren wir Steuerleute de facto nach Körpergewicht und -größe. Das ist ein Widerspruch, den wir nicht länger hinnehmen können."
Eine interne Studie des Verbands habe zudem ergeben, dass das sogenannte „Abschwitzen" – das gezielte Reduzieren von Körpergewicht vor dem Wiegen – unter Steuerleuten weiter verbreitet sei als bisher angenommen. „Wir kennen diese Problematik aus dem Leichtgewichtsrudern. Es war einer der Gründe für die Abschaffung der olympischen Leichtgewichts-Disziplinen. Es wäre inkonsequent, dieselben gesundheitlichen Risiken bei Steuerleuten weiterhin zu tolerieren", erklärte Dr. Fiona McAllister, Chief Medical Officer von World Rowing.
Technologie und Einsparpotenzial
CoxClaw basiert auf dem Open-Source-Robotik-Framework „OpenClaw" und kombiniert GPS-basierte Kurssteuerung mit Echtzeit-Analyse von Schlagfrequenz, Bootsbeschleunigung und Rudersynchronisation. Der Name sei bewusst gewählt, erklärte das Entwicklungsteam: „Claw" – englisch für Krabbe – sei eine Anspielung auf das im Rudersport gefürchtete „Krebsfangen", bei dem ein Ruderblatt im Wasser hängen bleibt. „CoxClaw erkennt einen drohenden Krebs 400 Millisekunden bevor er passiert und verhindert ihn durch einen kurzen Ruck am Steuerseil", heißt es im technischen Whitepaper.
Für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles rechnet der Verband mit einer Einsparung von bis zu 20 Steuerleuten in den Achter-Disziplinen – über Vorläufe, Hoffnungsläufe und Finals hinweg. „Das sind 20 Akkreditierungen, 20 Hotelzimmer und 20 Flüge weniger. In Zeiten, in denen das IOC von uns maximale Effizienz bei minimaler Delegationsgröße erwartet, ist das ein erheblicher Vorteil", so Gaillard.
Kritik und Pilotphase
Nicht alle im Ruder-Establishment sind begeistert. Harry Brightmore, Olympiasieger 2024 als Steuermann des britischen Achters, nannte die Pläne „eine Beleidigung für jeden, der jemals eine Mannschaft durch ein A-Finale geführt hat". Die Fähigkeit, eine Crew im entscheidenden Moment emotional mitzureißen, könne keine KI ersetzen.
World Rowing räumte ein, dass die motivationale Komponente „die größte offene Herausforderung" darstelle. In der aktuellen Version generiere CoxClaw motivierende Kommandos auf Basis der Leistungsdaten – „allerdings bisher nur auf Englisch und Mandarin", wie das Entwicklungsteam eingestand. Eine deutsche Sprachversion sei „für 2027 vorgesehen, Förderantrag beim DOSB ist gestellt".
Die Pilotphase beginnt beim World Rowing Cup II in Luzern im Juni. Teilnehmende Nationen können auf freiwilliger Basis einen CoxClaw-Prototypen testen. Das System wiegt exakt 55 Kilogramm – „Compliance mit den geltenden Rules of Racing war uns wichtig", so das Team mit einem Augenzwinkern.