27. Apr. 2026 | Verband | von Heike Breitenbücher, Landesruderverband Baden-Württemberg

Bundesverdienstkreuz für Dr. Wolfgang Fritsch verliehen

Bundesverdienstkreuz für Dr. Wolfgang Fritsch in Radolfzell verliehen. Foto: Heike Breitenbücher

„Ehrenamt kann eine Lebenseinstellung sein“

Bundesverdienstkreuz für Dr. Wolfgang Fritsch in Radolfzell verliehen
Ehrenmitglied des Deutschen Ruderverbands

 

Es sind diese besonderen Abende, an denen man spürt, dass es um mehr geht als um eine Auszeichnung. Es geht um Haltung, um Lebenswerk und um Menschen.

Am 22. April 2026 wurde Dr. Wolfgang Fritsch im festlichen Bürgersaal des Rathauses Radolfzell mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Ein Abend, der von Beginn an eine besondere Atmosphäre trug – würdevoll, persönlich und zugleich voller Nähe.

Ein Moment, der nachwirkt

„Es macht etwas mit einem – seien Sie versichert. Und es wirkt auch länger nach.“

Mit diesen Worten beschrieb Dr. Wolfgang Fritsch selbst den Moment, als er kurz vor Weihnachten die Nachricht aus dem Staatsministerium erhielt. Neben der Freude sei dabei auch eine gewisse Spannung entstanden – denn viele Gäste hätten deutlich gemacht, dass sie auf persönliche Rückblicke gespannt seien.

Schon beim Betreten des Bürgersaals wurde deutlich: Hier wurde nicht einfach eine Ehrung durchgeführt – hier wurde ein Lebenswerk sichtbar gemacht. Eine liebevoll zusammengestellte Fotopräsentation führte durch Jahrzehnte des Wirkens, Gäste kamen ins Gespräch, Erinnerungen wurden wach.

„Eine Haltung, die Maßstäbe setzt“

Oberbürgermeister Simon Gröger stellte in seiner Rede die besondere Bedeutung der Auszeichnung heraus. Das Bundesverdienstkreuz würdige nicht nur einzelne Leistungen, sondern vor allem eine Haltung – die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich über Jahrzehnte hinweg für das Gemeinwesen einzusetzen.

Gerade im Sport werde sichtbar, was Ehrenamt leisten könne: Es bilde die Grundlage sowohl für Gemeinschaft als auch für Leistung.

Vom Suchen, Lernen und Andersmachen

Für den Landesruderverband Baden-Württemberg sprach die Vorsitzende Heike Breitenbücher – und stellte die nachhaltige Wirkung von Fritschs Wirken in den Mittelpunkt: „Diese Auszeichnung wird nicht für einen einzelnen Erfolg verliehen – sondern für nachhaltige Wirkung.“

In seiner eigenen Rede machte Wolfgang Fritsch deutlich, dass sein Weg nie strategisch geplant gewesen sei: „Es war kein geplanter Karriereweg – sondern eher eine Reihe von Entscheidungen, bei denen ich mich gefragt habe: Was können wir daraus machen?“ Dieses „Wir“ zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Seine Prägung im Rudersport beschrieb er als grundlegend: Rudern sei „nichts für Bequeme“ – ein Sport, der Disziplin, Eigenverantwortung und die Bereitschaft zum Lernen erfordere. Oder, wie er es selbst formulierte: „I never lose. I either win or learn.“ Niederlagen seien keine Rückschläge, sondern notwendige Schritte auf dem Weg zur Weiterentwicklung.

Leichtgewichtsprojekt – Innovation aus Überzeugung

Besonders eindrucksvoll war der Blick auf das Leichtgewichtsprojekt, das Fritsch zunächst als private Initiative aufbaute. Ohne offizielle Strukturen, ohne finanzielle Absicherung – aber mit einer klaren Idee: Dinge anders zu machen. „Wir haben viel ausprobiert“, so Fritsch rückblickend. Dieses experimentelle Vorgehen, kombiniert mit hoher Eigenverantwortung der Athleten, führte zu außergewöhnlichen Erfolgen: 13 Medaillen bei Weltmeisterschaften in nur sechs Jahren. Dabei war der Weg nicht immer konsensfähig innerhalb der bestehenden Strukturen. Doch gerade diese Nonkonformität erwies sich als Stärke. Ein zentrales Prinzip blieb dabei immer erhalten: Nicht das System steht im Mittelpunkt – sondern der einzelne Ruderer.

Wissen teilen – Wirkung entfalten

Neben seiner Trainerarbeit war Fritsch stets auch Wissenschaftler, Autor und Dozent. An der Universität Konstanz fand er den Freiraum, Theorie und Praxis zu verbinden – und Wissen weiterzugeben. Zahlreiche Veröffentlichungen, Studien und Bücher zeugen von dieser Arbeit. Sein Ansatz war klar: Wissen müsse geteilt werden, um Wirkung zu entfalten.

Die von ihm initiierten Rudersymposien wurden zu einem zentralen Treffpunkt für Trainer und Wissenschaftler – und zu einem Ort, an dem neue Ideen entstehen konnten. Auch internationale Kontakte und Mentoren erweiterten seinen Blick. Der Austausch über Ländergrenzen hinweg prägte seine Arbeit ebenso wie die langjährige Zusammenarbeit mit Weggefährten.

Verband als Gestaltungsraum

Im Deutschen Ruderverband und im Landesruderverband Baden-Württemberg engagierte sich Fritsch über viele Jahre hinweg in der Struktur- und Bildungsarbeit.

Dabei wurde deutlich: Veränderung im Ehrenamt ist möglich – aber selten einfach. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, die bereit sind, Dinge zu hinterfragen, und die auch Widerstände aushalten.

Oder, wie es in der Rede anklingt: Initiativen haben die Eigenschaft, bei Misserfolg persönlich zugerechnet zu werden – während Erfolge oft „geteilt“ werden. Umso wichtiger seien Beharrlichkeit und fachliche Kompetenz.

Menschen bleiben – das eigentliche Vermächtnis

Was Fritsch besonders hervorhob, war nicht allein der sportliche Erfolg. Sondern das, was danach bleibt: Viele seiner ehemaligen Athleten sind dem Rudersport bis heute treu geblieben – als Trainer, Funktionäre oder engagierte Mitglieder in den Vereinen.

Ein Zeichen dafür, dass nachhaltige Wirkung nicht in Medaillen gemessen wird, sondern in Menschen.

Liggeringen – ein Ort der Begegnung

Mit seiner Tätigkeit an der Universität Konstanz fand Fritsch seinen Lebensmittelpunkt in Liggeringen. Ein Ort, der über die Jahre für viele Wegbegleiter zu einem Treffpunkt wurde – und damit sinnbildlich für die Verbindung von Leben, Arbeit und Engagement steht.

Ein solches Engagement entsteht nicht allein. In seiner Dankesrede wurde Fritsch persönlich und dankte seiner Familie für Unterstützung und Verständnis über viele Jahre hinweg.

Ehrenamt – zwischen Anspruch und Leidenschaft

Ein zentrales Thema des Abends war das Ehrenamt – realistisch, nicht verklärt. Es braucht Engagement, Wissen und Verantwortung. Es braucht Mut zur Entscheidung. Und manchmal auch Konfliktbereitschaft.

Fritsch sprach von einer notwendigen „kreativen Beharrlichkeit“ – einer Mischung aus Ausdauer, Überzeugung und der Bereitschaft, Dinge auch gegen Widerstände weiterzuentwickeln. Gleichzeitig machte er deutlich: Ehrenamt ist kein Auslaufmodell. Und keine Nebenaufgabe. Sondern – im besten Fall – eine Lebenseinstellung.

Ein Satz, der nachhallt. Und doch endete dieser Abend nicht mit diesem Satz. Denn was Dr. Wolfgang Fritsch immer ausgezeichnet hat, wurde auch an diesem Tag sichtbar: Gemeinschaft. Viele seiner früheren Ruderer, Weltmeister und Medaillengewinner waren nach Radolfzell gekommen, um diesen Moment gemeinsam mit ihm zu erleben. Weggefährten aus unterschiedlichen Jahrzehnten trafen sich wieder, Erinnerungen wurden geteilt, Geschichten erzählt. Und so verlagerte sich der Abend – ganz im Sinne des Geehrten – vom offiziellen Rahmen in das Persönliche: Die Gespräche gingen weiter. Die Gemeinschaft blieb zusammen. Und die Feier setzte sich bis in die frühen Morgenstunden fort – in Liggeringen, im Hause Fritsch.

Vielleicht ist genau das die schönste Beschreibung dieses Lebenswerks: Dass Menschen bleiben. Dass Verbindungen tragen.
Und dass aus gemeinsamen Wegen Freundschaften werden, die weit über den Sport hinausgehen.