Coastal Bundestrainer Adrian Bretting: "Das gesamte Team ließ sich nicht vom Weg und dem Ziel abbringen"
Adrian Bretting stand kurz vor dem Rückflug nach Deutschland für ein Interview zur Verfügung.
Rudern.de „Adrian, herzlichen Glückwunsch zu den tollen Erfolgen, wie geht es dir knapp einen Tag nach der Medaillenzeremonie?“
Adrian Bretting: „Die vergangenen Tage hier in China waren sehr intensiv. Die äußeren Bedingungen zwangen die Organisatoren hier immer wieder zu Anpassungen am Zeitplan und wir mussten uns immer wieder auf neue Situationen einstellen. Da wurden dann auch einfach mal während der WM binnen Stunden neue Rennformate und Kursvarianten kreiert, die es dann zu bewältigen galt. Da sieht man sich auf einmal als Trainer wenige Minuten vor den Rennen damit konfrontiert die Zeichnungen der Race-Commission richtig zu deuten und den Athlet:innen zu vermitteln. Das hat schon viel abverlangt.“
Rudern.de: „Das klingt nach erheblichen Aufgaben für das Team, wie hat das funktioniert?“
Adrian Bretting: „Mit diesem, unserem Team hatte ich da nie Zweifel, dass es funktionieren würde. Egal, vor welche Herausforderungen wir hier gestellt wurden, das gesamte Team ließ sich davon nicht vom Weg und dem Ziel abbringen, hier jedes Rennen mit vollem Einsatz zu bestreiten. Immer geprägt von der Leidenschaft für diese Disziplin, die genau dieses Unvorhersehbare und Überraschende provoziert. All unsere Boote haben in jedem Rennen wirklich alles versucht und sich vom Startsignal bis zum Zielbuzzer voll reingehängt und ihr Herz im Sand und den Wellen des Gelben Meeres von Qingdao gelassen. Mehr kann man von außen auch einfach nicht erwarten.
Ich bin aber nicht nur unfassbar stolz auf alle Athlet:innen, sondern auch auf das gesamte Team dahinter! Insbesondere an den Renntagen bewies die deutsche Mannschaft, welche Kräfte freiwerden können, wenn ein echtes Team füreinander einsteht. Egal ob bei der Vorbereitung, beim Boathandling oder bei der Betreuung zwischen den Rennen in der Finalrunde. Alle haben ihre Aufgaben auch in größten Drucksituationen souverän gemeistert. In und an den Booten! Hier steht eine eingeschworene Gruppe von engagierten Personen, die allesamt Spitze auf ihrem Fachgebiet sind. Das macht nicht nur viel Spaß, sondern beflügelt auch unsere Athlet:innen. Das war jederzeit zu spüren!“
Rudern.de: „Kommen wir zu sportlichen Bilanz, wie fällt die aus?“
Adrian Bretting: „Sportlich ist das Ergebnis mit Gold im Mix-Doppelzweier und Bronze Im Männer-Einer natürlich überragend. Abgerundet wird es noch durch die Silbermedaille im Junioren-Mixed-Doppelzweier. Doch ich möchte gar nicht nur die Medaillen aufzählen. Vielmehr setzt diese WM einen Meilenstein für uns. Denn vor knapp einem Jahr sind wir von der WM in Antalya mit dem Gefühl abgereist, dass mehr drin gewesen wäre, wenn wir nur ein paar Dinge besser gemacht oder früher erkannt hätten. Diese Themen sind wir dann in den vergangenen Monaten mit viel Eifer angegangen und haben uns auch Unterstützung von außen reingeholt. Was teilweise auch nicht so einfach war, mit Blick auf unser Budget. Die Ergebnisse dieser Saison und insbesondere von der EM und WM sind eine wunderbare Bestätigung dafür, dass wir hier richtig gelegen haben und der Lohn für die Arbeit all derer, die uns hier unterstützen.
Rudern.de: „Also rundum zufrieden?“
Adrian Bretting: „Bei aller Freude über die Medaillenerfolge haben wir jedoch auch gesehen, wie eng die Rennen ausgehen und wie schnell es einem, gerade bei wechselnden Bedingungen, auch verwehrt wird die eigene Leistungsfähigkeit voll abzurufen. So erging es uns auch in Qingdao mit Julia Tertünte im Frauen-Einer, die zweimal wirklich Pech hatte in ihren Time-Trial-Läufen und auf den ersten Metern eine extreme Wand an Wellen überwinden musste. Julia hat nicht erst dieses Jahr bewiesen, dass sie zu deutlich besseren Ergebnissen im Stande ist und zu den Top Ten der Welt zählt. In Qingdao hat es einfach nicht sein sollen. Aber auch unser Mixed-Doppelvierer muss sich mit dem bitteren vierten Platz zufrieden geben, nachdem im Halbfinale und B-Finale leider zu viele Situationen während der Rennen nicht optimal liefen. Ebenso unsere weiteren Junioren-Boote, für die auch noch ein Mammutprogramm von zig Rennen binnen wenigen Stunden dazu kam, da die Organisatoren keine Rücksicht beim Zeitplan nehmen wollten.“
Rudern.de: „Was nimmst du mit auf dem Weg nach Dakar und LA2028?“
Adrian Bretting: "Für uns gilt es nun nicht nachzulassen. Unsere Dakar-Starter:innen waren bewusst nicht mit in China, um sie nicht zu überlasten. Sie kommen also hoffentlich mit vollen Akkus in ein paar Tagen nach Berlin zu den letzten Trainingseinheiten, bevor es dann in den Senegal geht. Für unsere Elite-Mannschaft geht es erst einmal in die verdiente Saisonpause und den Urlaub. Aber noch im November startet die tägliche Trainingsarbeit wieder. Wir wollen die bewährten Dinge fortführen und intensivieren. Einige Weichen sind dafür auch schon gestellt. So gehört Julia Tertünte ab November der Sportfördergruppe der Bundeswehr an. Franz Werner ist von der Polizei Sachsen nun auch ganzjährig freigestellt worden. Im Trainerteam werden wir uns aber auch noch einmal im hinterfragen und alles schonungslos auf den Tisch bringen, was uns noch schneller machen kann. 2027 wird vor allem im Zeichen der Olympiaqualifikation stehen. Das wird noch ein heißer Tanz, diese einzufahren. Nach der Saison 2026 nehmen wir diese Aufgabe mit ganz viel Selbstvertrauen, aber auch mit dem nötigen Respekt davor, an.“