05. Aug. 2026 | Nationalmannschaft | von Hans Strauss

Oliver Zeidler zieht Kraft aus Veränderung und will für die Gegner unberechenbar bleiben

Vierte Regatta in diesem Jahr, vierter Sieg: Oliver Zeidler mit der goldenen Plakette der Europameisterschaft. Foto: meinruderbild

Der Auftritt der deutschen Ruder-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im norditalienischen Varese war mit zwölf Medaillen insgesamt imposant, aber einer ragte mal wieder heraus: Oliver Zeidler holte sich überlegen seinen vierten EM-Titel und hat damit alle seine vier Regatten vor der Weltmeisterschaft in Amsterdam gewonnen. 

Der mittlerweile 30-Jährige hatte sich für das A-Finale etwas Besonderes einfallen lassen. Anstatt wie meist in der Startphase schon das Rennen vorzuentscheiden, ließ er es auf den Endspurt ankommen.  „Ich wollte hinten raus noch Kraft haben, weil die anderen sehr starke Sprinter sind. Und heute war ich selbst im Sprint der Schnellste“, sagte Zeidler.  Dahinter steckt ein Konzept. „Meine Rennen sehen von außen vielleicht immer gleich aus, aber ich versuche, häufig etwas Anderes zu machen. Wenn sich meine Gegner die Auswertungen anschauen, sehen sie die verschiedenen Taktiken. Natürlich werden sie versuchen, ein Mittel gegen mich zu finden, aber ich mache es ihnen nicht einfach, weil ich – hoffentlich – unberechenbar bleibe.“ 

In der Form seines Lebens?

Nach Varese war Zeidler frisch aus dem Trainingslager mit der Nationalmannschaft der Schweiz gekommen. „Ich war relativ müde, deshalb waren meine Erwartungen nicht so hoch. In Amsterdam werde ich ausgeruhter an die Startlinie kommen. Deshalb hoffe ich, dass ich mich da noch mal steigern kann.“ Trotz der Müdigkeit hatte er in Varese zwei EM-Rekordzeiten aufgestellt. ARD-Hörfunkreporter Jan Didjurgeit fragte ihn folgerichtig, ob er sich gerade in der Form seines Lebens fühle. „Das werde ich in den nächsten zwei Wochen sehen, wenn ich mich in München auf die WM vorbereite“, antwortete Zeidler. „Ich weiß, welche Zeiten ich dort vor den Olympischen Spielen produziert habe. Dann werden wir sehen, ob ich es bin, der besser geworden ist, oder ob meine Dominanz daran liegt, dass meine Gegner nicht ganz Schritt halten konnten.“

Zeidler lebt nun im dritten Jahr in der Schweiz. Im letzten Winter ist er mit seiner Freundin Sofia Meakin, die bei der WM im Schweizer Frauen-Zweier antreten wird, vom Genfer See nach Sarnen gezogen, wo sich das Leistungszentrum des Schweizer Ruderverbandes befindet. Beide können dort Leistungssport und Privatleben optimal verbinden. Wie andere Einer-Spezialisten vor ihm genießt Zeidler durch den DRV bei der Gestaltung seines Trainings maximale Freiheit - und zahlt das mit maximalem Erfolg zurück. 

„Obwohl ich mit meinem Olympiasieg schon ganz oben war, war ich bereit, noch einmal etwas Neues auszuprobieren. Davor schrecken viele im Rudersport zurück. Dass ich es riskiert habe, könnte zu meiner Stärke werden“, sagt Oliver Zeidler. Er zieht Kraft aus seiner neuen Lebenssituation. Die Umstellung musste jedoch mit Papa Heino besprochen werden. „Das ist nicht einfach, wenn der Vater der Trainer ist. Ich konnte ihn überzeugen und bin sehr dankbar, dass er den Weg mit mir geht. Ohne ihn und den unvergleichlichen technischen Input, den er mir gibt, könnte ich das nicht machen“, sagte Oliver Zeidler. Nach seinem Quereinstieg vom Schwimmen vor acht Jahren war er trotz des sich schnell einstellenden Erfolges manchmal für seine noch unfertige Technik kritisiert worden. Mittlerweile ist er im Skiff auch zu einem Stilisten geworden und gibt in Lehrvideos Breitensportlern Tipps für einen effektiven Schlag.

„Mein Vater ist weiter der Boss“

Zwei Mal im Monat kommt Oliver Zeidler für ein verlängertes Wochenende nach München-Oberschleißheim, überwiegend findet sein Training aber auf dem Sarnersee statt. „Mein Vater bekommt Videos geschickt und er macht weiter meine Trainingspläne, die ich dann in der Schweiz absolviere. Er ist weiter der Boss, auch wenn er mich nicht 24/7 auf dem Hof hat.“

Die neue Lebens- und Trainingssituation sieht Oliver Zeidler als „Win-win-Situation“ für seine Partnerin, sich und seine Eltern. „Ihnen ist es auch wichtig, viel Zeit miteinander zu verbringen. Vor Olympia war das hart für sie, als wir ständig unterwegs waren. Nun haben alle haben mehr Zeit zusammen mit ihren Liebsten.“

Dass Oliver Zeidlers Motivation weiter so hoch ist, um jedes Rennen akribisch zu erarbeiten, hat für ihn auch mit seinem Pausenjahr 2025 zu tun, das er dennoch als Vizeweltmeister abschloss. „Es hat mir sehr gutgetan, letztes Jahr meinen MBA (Anm.: Master of Business Administration) zu machen und das Rudern hintenanzustellen. Jetzt bin ich wieder hungrig und habe Bock auf das, was ich mache.“

Die Konkurrenz im mit sage und schreibe 40 Ruderern besetzten Männer-Einer auf der Amsterdamer Bosbaan dürfte es bei der WM wieder zu spüren bekommen.