Nationalmannschaft will positive Entwicklung trotz starker Konkurrenz bestätigen
Halbzeit auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles: Die am kommenden Montag beginnenden Ruder-Weltmeisterschaften in Amsterdam (24. bis 30. August 2026) sind eine Standortbestimmung, auch für die Nationalmannschaft des Deutschen Ruderverbandes. Das deutsche Team hat sich seit der WM vor einem Jahr in Shanghai weiterentwickelt und will diese Entwicklung auf der Amsterdamer Regattastrecke Bosbaan bestätigen – mit mehr Medaillen und größerer Leistungsbreite in den olympischen Bootsklassen.
Über 1000 Teilnehmer aus 65 Ländern, 378 Boote in 23 Klassen – das sind beeindruckende Kennzahlen für die WM. Der DRV stellt mit 21 Booten die größte Mannschaft, der überwiegende Teil reist an diesem Donnerstag an. Da die Weltmeisterschaft praktisch vor unserer Haustür stattfindet, werden besonders viele Angehörige, Freunde und Fans der deutschen Ruderer und Ruderinnen den Weg in die niederländische Metropole antreten und für Stimmung sorgen.
„Die Weltmeisterschaften in Amsterdam werden deutlich stärker besetzt sein als alle Rennen im bisherigen Saisonverlauf. Wir fahren deshalb mit Respekt vor der internationalen Konkurrenz dorthin. Gleichzeitig haben wir uns im zweiten Jahr unserer Neuausrichtung weiterentwickelt. In Shanghai haben wir zwei Medaillen in olympischen Bootsklassen gewonnen. In Amsterdam wollen wir diesen Wert verbessern und drei Medaillen erreichen“, sagt Robert Sens, der Vorstand Sport des DRV. „Entscheidend ist für uns aber nicht nur die Medaillenzahl: Wir wollen in allen Disziplingruppen mehr Boote konkurrenzfähig in die A-Finals bringen und gegenüber 2025 den nächsten Schritt machen.“
„Wir hatten in dieser Saison drei Boote des olympischen Bereichs konstant in den Medaillenrängen. Wir hoffen, dass sie ihr Leistungsniveau auch bei der WM abrufen werden“, sagt Cheftrainer Marcus Schwarzrock. Oliver Zeidler im Männer-Einer, der Frauen-Doppelvierer und der Männer-Doppelvierer sind die aussichtsreichsten Boote im deutschen Lager. Wichtig ist Schwarzrock auch, dass im Bereich Frauen Riemen erstmals seit Jahren wieder alle drei Bootsklassen besetzt werden können.
Im Para-Bereich ruhen die Medaillen-Hoffnungen auf den Mixed-Doppelzweiern PR3 und PR2. Und auch der nichtolympische Leichtgewichtsbereich könnte erneut seinen Teil zu einer guten Gesamtbilanz beitragen.
Bei der WM 2025 Deutschland gewann 2025 insgesamt sechs WM-Medaillen. Zwei davon entfielen auf olympische Bootsklassen, drei auf Para-Rudern und eine auf das Leichtgewichtsrudern. In der Nationenwertung brachte das Platz sieben.
Das sind unsere Boote im Skull und im Para-Rudern
Mit welchen Voraussetzungen und Chancen gehen die DRV-Boote an den Start? Teil 1 unserer detaillierten WM-Vorschau beschäftigt sich mit den Bereichen Männer Skull, Frauen Skull und Paralympisches Rudern. In Teil 2 folgen dann Männer Riemen, Frauen Riemen, Mixed-Boote und Leichtgewichtsrudern.
Der Männer-Einer
Oliver Zeidler kann der WM in Amsterdam zuversichtlich entgegenblicken. Alle seine vier Regatten in diesem Jahr hat der Olympiasieger gewonnen. Nun möchte er sich den Weltmeister-Titel zurückholen, nachdem er vergangenes Jahr mit reduziertem Trainingsumfang in Shanghai Zweiter geworden war. Es wäre schon das vierte WM-Gold für den 30-Jährigen. Dann würde ihm nur noch ein WM-Erfolg fehlen, um mit den drei Ruder-Legenden gleichzuziehen, die bislang fünfmal Weltmeister im Einer wurden: Peter Michael Kolbe, der Neuseeländer Mahe Drysdale und der Tscheche Ondřej Synek. „Mit ihnen gleichzuziehen, wäre toll. Für die Motivation ist es mir extrem wichtig, diese Meilensteine zu haben auf dem langen Weg zu Olympia 2028“, sagt Zeidler.
Wer kann ihm in Amsterdam im Rekord-Feld von 41 Startern gefährlich werden? Sein konstantester Gegner seit Paris 2024 ist der Weißrusse Yauheni Zalaty, der bisher fast immer Zweiter hinter ihm wurde. Auf der Rechnung hat Zeidler auch den Griechen Stefanos Ntouskos, falls dessen Form ähnlich stimmt wie bei der letzten WM, als er sich gegen Zeidler durchgesetzt hatte. Nicht vergessen dürfe man auch den US-Skuller Samuel Melvin, Sieger beim (von Zeidler ausgelassenen) Weltcup II und Dritter in Luzern. Simon van Dorp, eigentlich der beste Einer-Ruderer des WM-Gastgebers, startet bei der WM im Doppelzweier und soll dort Gold holen. Einen anderen Einer-Ruderer schicken die Niederlande nicht ins Rennen.
Bei der Vorbereitung in Oberschleißheim gelingen Zeidler derzeit ähnlich gute Trainingszeiten wie vor den Olympischen Spielen vor zwei Jahren, teilweise sogar bessere. Die Form stimmt also. Da bleibt für ihn und seinen Vater/Trainer Heino nur zu hoffen, dass das Seegras-Problem auf der WM-Regattastrecke Bosbaan keines für ihn wird. „Wenn da was passiert, kann es entscheidend sein. Gegebenenfalls wechseln wir die Flosse, um kein Gras einzufangen“, sagt Oliver Zeidler.
Der Männer-Doppelzweier
Erst seit dem Weltcup in Luzern bilden Oliver Holtz und Arno Gaus (Rostocker RC und Bonner RG) den Doppelzweier. Kurz vor der Reise in die Schweiz hatte Moritz Küpper Pech mit einem unverschuldeten Rad-Unfall, der seine WM-Ambitionen zerstörte. Mit Oliver Holtz stand ein leistungsstarker Vertreter bereit, aber die neue Kombination musste sich erst finden und dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen. Nach Rang 15 in Luzern gab es bei der EM Platz zehn. Die Leistungen im finalen Trainingslager lassen aber hoffen, dass Holtz und Gaus in Amsterdam gegen 17 Konkurrenten ins B-Finale kommen können. Besonders im Viertelfinale gilt es dafür alle Kräfte zu bündeln. „Der Doppelzweier macht gute Fortschritte, und ich bin gespannt, wie sie sich im internationalen Vergleich schlagen werden“, sagt Bundestrainer Francesco Fossi, der sich auch sehr zufrieden über die Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Eric Johannesen äußert: „Wir investieren viel Mühe in den Aufbau eines zukunftsorientierten Teams.“
Der Männer-Doppelvierer
Es ist vielleicht die Bootsklasse, die im deutschen Lager mit der größten Spannung erwartet wird. Die neue, physisch sehr starke Besetzung mit Marc Weber, Felix Heinrich, Jonas Gelsen und dem gerade mal 19-jährigen Schlagmann Ole Hohensee (Frankfurter RG Germania, RK Normannia Braunschweig, RC Nassovia Höchst und Stralsunder RC) hat in dieser Saison einen Lernprozess durchlaufen und parallel schon beachtliche Erfolge eingefahren: Gold beim ersten Weltcup vor Großbritannien, Bronze hinter Großbritannien und den Niederlanden beim dritten Weltcup, zuletzt Europameister ohne Beteiligung der beiden anderen Top-Boote. Es könnte in Amsterdam also einen Dreikampf um die Medaillen geben. Allerdings ist auch Italien, dem Weltmeister des vergangenen Jahres, und dem gut besetzten neuen Boot der USA zuzutrauen, ganz vorne mitzumischen.
„Der Vierer hat sich im Vergleich zum letzten Jahr stark verbessert und kann lernen, mit dem Druck umzugehen, um eine Medaille zu kämpfen“, sagt Bundestrainer Francesco Fossi, der in Amsterdam an seine frühere Wirkungsstätte zurückkehrt. Speziell für Gelsen und Weber, 2024 bei den Olympischen Spielen gemeinsam im Doppelzweier auf Rang neun, war die Umgewöhnung auf das Großboot erheblich. Er habe sich im Bug anfangs durchgerüttelt gefühlt „wie auf einer Waschmaschine“, sagte Weber, der vergangenes Jahr im Einer unterwegs gewesen war, während Gelsen pausierte.
Generell ist Francesco Fossi für seinen Bereich optimistisch: „Die letzte Vorbereitung lief sehr gut, wir konnten das gesamte Programm ohne Verletzungen oder Krankheiten absolvieren. Daher denke ich, dass wir in Amsterdam konkurrenzfähig sein werden. Das Ziel der Weltmeisterschaft ist es, das Team im Hinblick auf die Olympia-Qualifikation im nächsten Jahr zu testen und so viel wie möglich zu lernen.“
Der Frauen-Einer
Schafft sie es ins A-Finale? Oder wird es knapp nur das B-Finale? Die Erwartungen sind nicht hoch, was das Abschneiden von Alexandra Föster (RC Meschede) angeht. Noch immer gehört sie zur erweiterten Weltspitze, aber in den Kampf um Medaillen konnte sie bei den Top-Events schon länger nicht mehr eingreifen. In dieser Saison kam sie in zwei Weltcups auf die Plätze sieben und sechs, bei der EM musste sie sich mit Rang neun begnügen. Da allerdings saß sie in einem Ersatzboot, weil ihr eigenes Boot bei den Finals in Hannover einen Bruchschaden erlitten hatte. Der Materialwechsel habe „viel Unruhe und Unsicherheit“ erzeugt, sagt Trainer Sebastian Kleinsorgen. Drei Wochen hat es bis zur Reparatur gedauert, aber jetzt kann Föster wieder ihr gewohntes Boot nutzen. Zumindest ein gutes Omen für die ehrgeizige Sportlerin, die sich in Amsterdam in einem Feld von 27 Teilnehmerinnen bewegen wird. Vergangenes Jahr in Shanghai erreichte sie mit Rang fünf ihre bisher beste WM-Platzierung.
Lauren Henry (Großbritannien) ist die Gold-Favoritin und möchte dieser Rolle auch gerecht werden, nachdem sie im letzten Jahr überraschend von Fiona Murtagh (Irland) abgefangen worden war. Zu rechnen sein dürfte aber auch mit Olympiasiegerin Karolijn Florin (Niederlande). Nach einem Pausenjahr beim ersten Weltcup des Jahres in Sevilla im Vorlauf wegen eines losen Stemmbretts gekentert, kehrt sie erst jetzt zurück.
Der Frauen-Doppelzweier
Ihre Fortschritte im abschließenden Trainingslager haben die Hoffnung genährt, dass Lisa Gutfleisch und Sarah Wibberenz (Heidelberger RK und RC Havel Brandenburg) bei der WM den Sprung ins A-Finale schaffen können. Beide saßen letztes Jahr noch im Doppelvierer, haben aber auch Erfahrung im kleineren Boot. Beim Weltcup I hatte es für das von Marcin Witkowski betreute Boot nicht ganz zum A-Finale gereicht (Siebter), den Weltcup III und die EM hatten Gutfleisch und Wibberenz dann jeweils auf Rang sechs beendet. Das spricht für eine erneute enge Entscheidung, die Beide bestehen wollen. Im großen 20-Boote-Feld sind auch die Titelverteidiger Roos de Jong und Benthe Boonstra aus den Niederlanden am Start.
Der Frauen-Doppelvierer
Bundestrainer Marcin Witkowski möchte mit dem Doppelvierer die Erfolgsgeschichte der letzten Jahre fortschreiben. Auf Olympia-Bronze 2024 und WM-Bronze 2025 kann 2026 wieder eine Medaille folgen, wenn die neue Besatzung die Leistungen und Ergebnisse der bisherigen Saison in Amsterdam bestätigt. Der erste Weltcup wurde gewonnen, im dritten Weltcup gab es Platz zwei und auch bei der Europameisterschaft wurden Maren Völz, Juliane Faralisch, Johanna Debus und Frauke Hundeling (RC Potsdam, Frankfurter RG Germania, RV Hellas Offenbach und Deutscher RC) Zweite. Hinter der wiedererstarkten Schweiz, sodass es einen Vierkampf mit Großbritannien, den Niederlanden und den Schweizerinnen um die drei Plätze am Siegersteg geben könnte. Völz, die schon bei der Bronze-Fahrt in Paris dabei war, kehrte nach ihrem Pausenjahr trotz einer Reha-Phase im Herbst so stark wie zuvor zurück und gibt im Bug die Kommandos. Für Juliane Faralisch wurde nach vielen Jahren im Einer nun der richtige Platz gefunden, sie darf sich auf ihre erst zweite aktive A-WM-Teilnahme freuen. Johanna Debus ist mit 23 Jahren die Jüngste im Boot und führte sich sehr gut ein. Am Schlag verfügt Frauke Hundeling, die sich in Paris noch mit der Rolle der Ersatzruderin hatte begnügen müssen, aber schon letztes Jahr die WM erfolgreich im Doppelvierer ruderte, über sehr viel Erfahrung.
Trainer Witkowksi hält sich mit Prognosen wie stets zurück: „Wir fahren nach Amsterdam, um zu sehen, was wir seit dem letzten Weltcup in Luzern verbessert haben. Ich habe keine Erwartungen, ich möchte einfach den Kampfgeist und die Entschlossenheit sehen, die wir entwickelt haben“, sagt er zu beiden Booten.
Der Para-Einer PR1
Vier von fünf paralympischen Bootsklassen besetzt, zwei klare Medaillenkandidaten – die deutsche Mannschaft und ihr Bundestrainer Marc Stallberg reisen selbstbewusst nach Amsterdam. Das exzellente Ergebnis vor Jahresfrist in Shanghai mit Gold, Silber und Bronze wird aber wahrscheinlich nicht wiederholbar sein. Nach der EM holte sich die Mannschaft zusammen mit dem olympischen Kader in Ratzeburg den letzten Schliff.
Im PR1-Einer der Männer vertritt einmal mehr Marcus Klemp (Olympischer RC Rostock) die deutschen Farben. In dem 14 Boote starken Feld mit etlichen neuen Gesichtern gehört der Routinier nicht zu den Topfavoriten. Für Klemp und seinen Trainer Lutz Bühnert wäre das Erreichen des A-Finales ein Erfolg, aber auch ein erfolgreiches B-Finale könnte sich sehenlassen. Platz acht würde die bisherige Förderung weiter sichern. Bei den Paralympics vor zwei Jahren wurde Klemp Siebter, bei der WM 2025 in Shanghai Sechster. Bei der EM überzeugte der 44-Jährige mit Rang vier. Der Zeitplan in Amsterdam mit drei Rennen in drei Tagen wird ihm einiges abverlangen. Die WM-Vorbereitung verlief für Klemp störungsfrei.
Der Para-Mixed-Zweier PR2
Jasmina Bier und Paul Umbach (RG Hansa Hamburg und RC Nürtingen) sind gut durch die finale Vorbereitung in Ratzeburg gekommen. Bis zur EM hatten beide wegen der vorangegangenen Verletzung von Bier noch mit angezogener Handbremse trainiert, zum Titelgewinn reichte es trotzdem in überzeugender Manier. Nun konnten beide mehr Gas geben und dürften durchaus in der Lage sein, nach dem WM-Silber im vergangenen Jahr wieder nach einer Medaille zu greifen. Als Titelverteidiger ist China in unveränderter Besetzung am Start. Die spannende Frage wird sein, ob die von Stephan Froelke trainierten Bier/Umbach den im vergangenen Jahr deutlichen Rückstand auf das Boot aus China verringern und den Gegner vielleicht sogar herausfordern können. 13 Boote umfasst das WM-Feld.
Der Para-Mixed-Zweier PR3
Beide haben, seit sie gemeinsam im Zweier am Start sind, noch kein Rennen verloren. Valentin Luz und Kathrin Marchand (Frankfurter RG Germania und RTHC Bayer Leverkusen) sind in Amsterdam dementsprechend die großen Favoriten und wollen ihren vergangenes Jahr in China errungenen Weltmeister-Titel verteidigen. Wenn das von Ralf Müller trainierte Boot dabei auch erneut mit einer Bestzeit aufwarten könnte, wäre das ein Sahnehäubchen. Im finalen Trainingslager in Ratzeburg überzeugten Luz und Marchand mit guten Prozentwerten im Vergleich zu den olympischen Bootsklassen. Im Zehn-Boote-Feld tauchen nur bekannte Namen auf, zwischen Vor- und Endlauf gibt es einen Tag Pause.
Der Para-Vierer mit Steuermann PR3
Nach der Europameisterschaft wurde ein Platztausch erwogen, nun aber werden Hermine Krumbein, Jan Helmich, Daniel Müller-Groß, Susanne Lackner und Till Martini (RK Normannia Braunschweig, RC Hansa Dortmund, RTHC Bayer Leverkusen, Mannheimer RV Amicitia und Olympischer RC Rostock) doch im gleichen Sitzschema wie in Varese rudern. Die Abschlussbelastung beim Trainingslager in Ratzeburg stimmt alle positiv. Trainer Sebastian Fuchs erhofft von seinem Boot, dass es bei der WM unter die Top-Acht im Zwölf-Boote-Feld rudert.
In Teil 2 der WM-Vorschau folgen die Bereiche Riemen, Mixed-Boote und Leichtgewicht.