Die Generalprobe für den WM-Kader, der neue Frauen-Vierer gibt sein Debüt
Am Montag war schon Meldeschluss für die Ruder-Weltmeisterschaften in Amsterdam, die bereits in dreieinhalb Wochen anstehen. Deshalb ist die Europameisterschaft am verlängerten Wochenende in Varese (31. Juli bis 2. August 2026) auch eine echte Generalprobe für den deutschen WM-Kader, der komplett in die Lombardei reist. Für einige wenige DRV-Boote geht es jedoch noch darum, sich trotz der erfolgten Meldung für einen Start bei der WM zu empfehlen. Die europäischen Top-Nationen Großbritannien und Niederlande haben für die EM nur wenige Meldungen abgegeben. Das erhöht im Gegenzug die Chance auf Erfolgserlebnisse, die mit ins sofort anschließende letzte Trainingslager vor dem Saisonhöhepunkt genommen werden könnten.
Mit 434 Athleten und Athletinnen aus 31 Nationen in 195 Booten entspricht das Meldeergebnis für Varese fast genau dem von Plovdiv im Vorjahr. 22 Boote und damit die meisten hat Gastgeber Italien am Start, der die letzte Weltcup-Regatta in Luzern ausgelassen hatte. 21 Mannschaften, darunter vier Para- und drei Leichtgewichts-Boote, gehen für den DRV aufs Wasser des Lago di Varese. Relativ stark vertreten sind auch noch Rumänien (15) und die Ukraine (14). Großbritannien hat bei zwölf Booten vor allem die erste Frauen-Reihe am Start, die Niederlande entsenden nur sieben Boote.
Männer-Achter soll von Breuers Wechsel profitieren
Seit dem Weltcup in Luzern hat es in der deutschen Nationalmannschaft einige Veränderungen gegeben. Die gravierendste betrifft wohl den Männer-Achter. Frederik Breuer (Bonner RG) wechselte aus dem Zweier ohne als Schlagmann ins Großboot und erwies sich als Verstärkung. „Im Trainingslager hat der Achter in dieser Besetzung einen besseren Eindruck hinterlassen als bisher“, sagt Cheftrainer Marcus Schwarzrock. Bei der EM sind nur sechs Achter am Start, das Finalfeld steht also schon vorab fest. Die Individuellen Neutralen Athleten (AIN), Italien, Polen, Rumänien und die Ukraine werden die DRV-Gegner sein. Eine Medaille dürfte durchaus in Reichweite sein für Paul Klapperich, Theis Hagemeister, Olaf Roggensack, Mattes Schönherr, Tassilo von Müller, Julius Christ, Sönke Kruse, Frederik Breuer und Jonas Wiesen (Bonner RG, Frankfurter RG Germania, RC Tegel, RC Potsdam, RK am Baldeneysee, RTHC Bayer Leverkusen, RV Münster, Bonner RG und RG Treis-Karden).
Im Gegenzug zu Breuer wechselte Tobias Strangemann (RV Dorsten) in den Zweier ohne zusammen mit Leonard Brahms (Berliner RC). Strangemann ist im Nachwuchsbereich schon sehr erfolgreich Zweier ohne gefahren. „Beide nehmen die neue Konstellation gut an“, sagt Schwarzrock.
Frauen-Vierer ohne gibt seine Premiere
Im Bereich Frauen Riemen schmerzt der verletzungsbedingte Ausfall von Lene Mührs und Anna Härtl sehr. Über Doppelstarts wird die Bootspalette in Varese dennoch komplettiert. Im neu gebildeten Vierer ohne rudern Hannah Reif, Paula Hartmann, Annabelle Bachmann und Pia Greiten (Frankfurter RG Germania, Mainzer RV, RV Ingelheim und Osnabrücker RV) und hoffen auf einen guten Wettkampf-Einstand. Für den Zweier ohne mit Luise Bachmann und Tabea Schendekehl (RV Ingelheim und RC Hansa Dortmund) ist die EM auch erst der zweite internationale Wettkampf. Beide wollen ihr großes Potenzial nun noch besser umsetzen. Schendekehl, Luise Bachmann, Annabelle Bachmann, Greiten und Hartmann sitzen als Doppelstarter auch zusammen mit Olivia Clotten (Neusser RV), Antonia Galland (RC am Baldeneysee) und Nora Peuser (RU Arkona Berlin) im Achter, der bei der EM auf drei starke Konkurrenten (Großbritannien, Rumänien, Italien) trifft.
Als Ersatzruderin ist neben Tabea Kuhnert (SC Magdeburg) Charlotte Ebel erstmals dabei. Sie ruderte lange in den USA, startete zuletzt beim Boat Race zwischen Oxford und Cambridge und ist mittlerweile nach Berlin gezogen.
Zeidler trifft im Männer-Einer auf Ntouskos
Im Bereich Männer Skull wartet auf Oliver Zeidler (Frankfurter RG Germania) ein kürzeres Programm, als er es aus den Einer-Konkurrenzen gewohnt ist. Da das Feld mit 17 Booten relativ klein ist, muss kein Viertelfinale ausgetragen werden. Der deutsche Olympia-Sieger ist nach seinen beiden Weltcup-Siegen in diesem Jahr natürlich der Favorit, hat aber zumindest zwei namhafte Gegner: den Olympia-Zweiten Yauheni Zalaty (AIN) und den amtierenden Weltmeister Stefanos Ntouskos. Im WM-Finale im vergangenen Jahr in Shanghai musste Zeidler, nach einem Jahr mit wegen des Studiums stark reduziertem Training, dem Griechen im Endspurt den Vortritt lassen und wurde Zweiter. Beim ersten Weltcup dieses Jahres in Sevilla schied Ntouskos überraschend im Viertelfinale aus, die EM wird sein erster Wettkampf nach diesem Missgeschick.
Holtz und Gaus nun eingefahren, Küpper in Reha
Im Männer-Doppelzweier erlebten Oliver Holtz und Arno Gaus (Rostocker RC und Bonner RG) in Luzern einen Kaltstart, nachdem der vorgesehene Moritz Küpper drei Tage vor dem Weltcup auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren und so um die WM-Teilnahme gebracht wurde. Küpper geht es den Umständen entsprechend gut. Er befindet sich nach seiner Schlüsselbein-Operation im Reha-Prozess und hofft, in einigen Wochen wieder ins Training einsteigen zu können. Für ihn sprang Holtz ein, die neue Bootsbesatzung hat sich mittlerweile zusammengefunden. „Es ist positiv, was passiert“, sagt der Cheftrainer. 17 Boote sind in der stets hartumkämpften Klasse am Start, angeführt von den legendären Sinkovic-Brüdern (Kroatien).
Um den Titel mitfahren will der Männer-Doppelvierer, dessen stärkster Konkurrent Italien sein könnte. Marc Weber, Felix Heinrich, Jonas Gelsen und Ole Hohensee (Frankfurter RG Germania, RK Normannia Braunschweig, RC Nassovia Höchst und Stralsunder RC) haben mit Platz eins und Platz drei bei ihren bisherigen Weltcup-Starts schon gezeigt, welche Wucht sie entfalten können. Der Feinschliff am neuen Boot ist beim ersten WM-Trainingslager in Ratzeburg weitergegangen.
Im Bereich Männer Riemen geht neben dem Achter und dem Zweier ohne auch der Vierer ohne ins EM-Rennen. Die Reihenfolge der Besetzung wurde angepasst. René Schmela (Berliner RC) übernahm die Schlagposition von Jasper Angl (RV Münster), der stattdessen im Bug Platz nimmt. Dazwischen bilden Benedict Eggeling (RC Favorite Hammonia) und Mark Hinrichs (Limburger ClfW) einen Zwilling. Die Eindrücke im Trainingslager stimmen das Trainerteam optimistisch, die neue Formation hat sich gefunden.
Podium in Reichweite für Föster im Frauen-Einer?
Silber und Bronze hat Alexandra Föster (RC Meschede) schon von vergangenen Europameisterschaften mit nach Hause genommen, da wäre doch eine dritte Medaille ein schönes Ziel. Von den drei Ruderinnen, die beim Weltcup in Luzern vor ihr einkamen, ist nur Lauren Henry (Großbritannien) am Start und gleichzeitig erneut die klare Favoritin. Föster muss vor allem die letztjährige WM-Dritte Frida Sanggaard Nielsen (Dänemark) bei deren Saison-Debüt und Viktorija Senkute (Litauen) auf der Rechnung haben.
Dem Doppelzweier der Frauen bilden erneut Lisa Gutfleisch und Sarah Wibberenz (Heidelberger RK und RC Havel Brandenburg). In Luzern waren sie Sechste, bei der EM haben sie sich unter anderem mit der Schweiz, den AIN und Griechenland auseinanderzusetzen. Stark einzuschätzen ist aber auch Rumänien, eine ausgeglichene Konkurrenz ist zu erwarten.
Frauen-Doppelvierer will großen Rivalen knacken
Im Doppelvierer der Frauen könnte es für Maren Völz, Juliane Faralisch, Johanna Debus und Frauke Hundeling (RC Potsdam, Frankfurter RG Germania, RV Hellas Offenbach und Deutscher RC) am Ende auf ein erneutes Duell mit Großbritannien um den Sieg hinauslaufen. Bei den Weltcups in Sevilla und in Luzern hatte das starke DRV-Boot jeweils knapp das Nachsehen. Jetzt den Spieß einmal umzudrehen, wäre ein klares Signal Richtung WM. Auch Rumänien und Griechenland sind zu beachten.
Im Mixed-Doppelzweier hat sich die Besetzung des DRV-Bootes geändert. Da Sarah Wibberenz am Sonntag im gemischten Achter benötigt wird, wird Juliane Faralisch zusammen mit Arno Gaus fahren. Das Finale des Mixed-Achters wird den Abschluss der EM am Sonntag bilden.
Drei Leichtgewichtsboote aus Würzburg am Start
Im nicht mehr olympischen Leichtgewichts-Bereich sind immerhin fünf Bootsklasse zustande gekommen und drei davon werden auch durch den DRV besetzt. Alle Athleten kommen vom Akademischen Ruderklub Würzburg. Die „Leichten“ haben sich dezentral vorbereitet. Die Messlatte haben sich alle hoch gesetzt. Dadurch, dass sie bis jetzt nicht international auf die anderen Nationen getroffen sind, ist es bei den Einern sehr gut, dass es Vorläufe gibt.
Fabio Kress hat im Achter-Feld des Männer-Einers die größten Erfolge vorzuweisen. Er tritt bei der EM als Titelverteidiger an, bei der WM war er vergangenes Jahr Vierter geworden.
Im Frauen-Einer kehrt Johanna Reichardt auf die internationale Bühne zurück. Sie war bis 2024 mit ihrer Schwester Marion im leichten Doppelzweier unterwegs und trifft in Italien auf sechs Konkurrentinnen.
Im leichten Männer-Zweier ohne treten Johannes Erdmann und Patrick Ursprung an. Die beiden 35-Jährigen qualifizierten sich mit ihrem Sieg bei der Kleinboot-Meisterschaft für die EM. Dabei hatten sie auch die letztjährigen Europameister Maximilian und Alexander Aigner hinter sich gelassen.
Erstmals in dieser Saison alle Para-Boote am Start
Erstmals in dieser Saison mit der vollen Kapelle, also vier Booten, kann das Para-Nationalteam bei der EM antreten. Seine Premiere feiert der neue PR3-Mixed-Vierer mit Steuermann, den Hermine Krumbein, Jan Helmich, Daniel Müller-Groß, Susanne Lackner und Steuermann Till Martini (RK Normannia Braunschweig, RC Hansa Dortmund, RTHC Bayer Leverkusen, Mannheimer RV Amicitia und Olympischer RC Rostock) bilden. Das Boot konnte noch nicht so viel zusammen trainieren, wie sich das Para-Bundestrainer Marc Stallberg gewünscht hätte. Die EM ist aber nur eine Zwischenstation. Krumbein und Helmich, der seine Dissertation abgeschlossen hat, bildeten allerdings noch letztes Jahr einen sehr schnellen Doppelzweier. Müller-Groß ist nach einer Verletzungspause wieder zurück, nur Lackner saß auch früher schon im gesteuerten Vierer. Mit Martini konnte ein sehr guter Steuermann gewonnen werden.
Im PR1-Einer trifft Marcus Klemp (Olympischer RC Rostock) in einem sehr großen Feld (elf Boote) auch auf sehr starke Konkurrenz, das wird eine echte Herausforderung für den Routinier. Für den PR2-Mixed-Doppelzweier mit Jasmina Bier und Paul Umbach ((RG Hansa Hamburg und RC Nürtingen) dient die EM nach der Verletzung von Bier vielleicht eher als Aufbau-Wettkampf, auch wenn beide in Varese als Titelverteidiger und WM-Zweite des Vorjahres antreten. Für Kathrin Marchand und Valentin Luz (Frankfurter RG Germania und RTHC Bayer Leverkusen) lautet die Devise im PR3-Mixed-Doppelzweier mittlerweile stets Sieg. Die amtierenden Welt- und Europameister treffen auf ihnen drei gut bekannte Konkurrenten aus Italien, der Ukraine und den AIN.
Der EM-Zeitplan
Die Wettkämpfe in Varese beginnen am Freitag und Samstag jeweils um 9:05 Uhr, am Sonntag um 8:30 Uhr. 13 A-Finals werden am Samstag ab 10:05 Uhr ausgefahren. Die restlichen elf A-Finals folgen am Sonntag ab 11:05 Uhr.